Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1845)
- Date
- 1845-05-28
- Page
- Seite 175 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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175 die geistige Bewegung ausströmen lassen" und „man müsse den Kampf weder suchen noch scheuem" 2Cuf die Befürchtung hin, daß man die Resormirenden für Sektirer ansehen werde, soll der Minister geantwortet haben: „Er habe lange genug gelebt und genug erfahren, um eine Bewegung, die aus religiösem Bedürfnisse hervorgehe, vom Sektenwesen unterscheiden zu können." Dem eben erwähnten Wortrage folgte noch eine Rede des Dr. Stern, die im Wesentlichen dasselbe enthielt, was den Kern einer kleinen, dieser Lage von ihm veröffentlichen Broschüre: „Die gegenwärtige Bewegung im Judenthum, ihre Berechtigung und ihre Bedeutung," bildet. Die Lebenskraft des Iudenlhums, der Geist der Zeit und die Gesinnung der Anwesenden seien die Pfeiler, worauf die Reformbestrebungen ruhten. Dieselben gingen aus einem religiösen Bedürfnisse hervor, wonach Alle das Recht in Anspruch nehmen müßten als echte und gleichberechtigte Söhne des Iudenthums anerkannt zu werden, und für das Judenthum das Recht, aus seiner Starrheit in die freie und angeborene Bewegung seines Lebens zurückzukehren. Der Geist dev Zeit bestehe in der Macht des Bewußtseins, in der Befreiung vom Unverstandenen, aber auch in der Rückkehr zur wahren Religiosität. Der Redner begreift die Verantwortlichkeit, die diese Bestrebungen mit sich brächten, die Vergangenheit habe ihr Recht, aber auch die Zukunft. Jene rufe der Gegenwart eine Warnung, diese eine Aufforderung zu. Vor allem müsse man sich vor schnellem Vorwärtsdrängen hüten; es solle ein Werk für alle Juden und für Jahrhunderte (? I) werden, der Geist derZeit werde es schaffen; wie, das lasse sich nicht bestimmen. Man ersieht aus dieser Rede, es fehlt vor der Hand noch das Was und das Wie der Schöpfung. Es ist nur die Vorfrage entschieden, daß etwas Neues geschaffen werden solle. Kommt es zuletzt zur Schöpfung, so wird das Geschaffene wohl noch Manchem nicht gefallen und er wieder znrücktreten. Ueberhaupt wird, wenn nicht leitende Ideen oder constitutirende Einrichtungen emgeführt werden, die sehr verschiedenartige Masse durch rhetorisches Talent allein nicht zusammengehalten werden können. Von solgereichen, gestaltenden Ideen ist aber bis jetzt noch wenig zu merken, und Einrichtungen sind eine sehr riskante Sache, das bewiesen die Mienen Vieler, als zum Schluffe der letztgenannten Rede die Constituirung der Theilnehmer als religiöse Genossenschaft und die Trennung derselben von der Synagoge schon für die nächste Zukunft gewünscht und in Aussicht gestellt wurde. (D. A. Z.). XV. Die Nachahmungen in der Provinz. *) Wiewohl über die Tendenz der an das Comire des jüdischen Reform-Vereins zu Berlin abgesandten Adresse, bereits glaubhafte Männer von anerkannt streng religiöser Richtung, gutheißend sich ausgesprochen, so haben dennoch vorgefaßte Ur- *) Separater Abdruck aus der Beilage zum „Gemeinnützigen Wochenblatte" Nro. 20. Liffa, dm 16. Mai 1845. theile, auch wohl absichtliche Entstellungen, beim hiesigen jüdischen Publikum auf die nun verbreitete Meinung hinzuwirken gewußt: als enthalte jene Adresse, die jüdische Religion gefährdende Gesinnungen und Grundsätze oder billige diese, und als gleiche selbige einem förmlichen Anschluß. Es erscheint daher zur Widerlegung solcher falschen Anschuldigungen am geeignetsten, dieselbe hier buchstäblich treu zu veröffentlichen. Sie lautet: „Wohlgeborne, Hochzuverehrende Herren! Der begeisternde Aufruf „an Unsere deutschen Glattbeusbrüder" 6. d. Berlin, den 2. April e. ist, so weit öffentliche Blätter ihn gebracht, auch von uns mit denjenigen warmen Regungen der Theilnahme begrüßt worden, als die Würde, der Ernst und die Kraft der Wahrheit erheischen, mit welchen Sie, auch in liebevoller Rücksicht auf Andersdenkende, für die Heiligkeit des Gegenstandes Ihr flammend Wort erhoben haben. Wir befürchten — wollten wir unseren Gefühlen der herzlichen Anerkennung und aufrichtigen Ergebenheit gegen Sie, hochgeehrte Herren im Comite, alsbald in Worten Raum geben — von der für die Sache, der Sie dienen, so hochwichtigen Ueberzeugung scheinbar abzuweichen: daß das Bedürfniß einer Ausmerzung mittelalterlicher Formen im Judenthume und einer freiem Entwickelung der inner« Lebenskeime des Mosaismus bereits, wenn auch in mannigfachen partikularen Richtungen, doch allgemein in dem Einen erhabenen Ziele der reinen Gotteslehre, wenn auch hierarchischen Anfeindungen gegenüber, doch bereits in der Gesammtheit des jüdischen Volkes zum Bewußtsein gelangt ist. Das Bewußtsein aber zur That bringen zu helfen, bedarf einer leitenden Hand, wie jede Seele einen Körper braucht; und dahin, verehrungswürdige Herren, ist Ihr großes, edles uns aufopferndes Streben gerichtet, wofür wir unsere innigste Danksagung mittelst dieser Adresse auszudrücken uns hingezogen fühlen. Wenn nun gleichwohl die große Mehrzahl der hiesigen Gemeinde, durch den Ausgang früherer, vereinzelter, exoterischer Reformunternehmungen ängstlich gemacht, theils auch von materiellen und Pietäts-Rücksichten eingeengt, ihren offenen Beitritt an dem gegenwärtigen Aufrufe noch scheuen, so muffen wir gehorsamst Unterzeichnete, zu schwach um eine Separat-, zu entfernt um eine Fillal- Gemeinde bilden zu können, insbesondere aber geneigt, jeder unzeitige Spaltung zu verhüten, mit unserem förmlichen Anschluß einstweilen noch zurückhalten. Nicht desto weniger aber sind unsere vertrauensvollen Blicke auf die zu gewärtigenden Synodal-Beschlüsse der Theologen und Laien aller Farben gerichtet, welche faktisch genug darthun mögen, daß es keinesweges darum zu thun sei, den Talmud um jeden Preis aufzugeben, vielmehr diejenigen Principien in demselben, als historische Grundlage, beizubehalten, auf welche eine, mit dem Leben gleichen Schritt haltende, Fortentwickelung sich weiter bauen läßt. Und so mit steigendem Interesse dem Gedeihen Ihres hei-