Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1845-05-28 · Heft 22 (28.5.1845) · p. Seite 174

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 22 (28.5.1845)
Date
1845-05-28
Page
Seite 174 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2360092-2360364-2360387--4977-3531321
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

174 und der ärmere an Vermögen, an Ansehen oder Bchitf-! lichkeit wird bei seinem besten Willen nie an einer Wohtthat Theil nehmen können, die im Grunde nur ihm zugedacht ist. Denn noch immer sucht mall hierlands von den Verlegenheiten der Juden Nutzen zu ziehen, und die Ausnahmegesetze sind doppelt so druckend durch die Sporteln, die diese den sie Ueberwachenden abwerfen muffen. Es sind die ergiebigen Melkkühe unserer subalternen Beamtenschaft, dem Anscheine nach von der Gesetzgebung selbst ihr zugedacht, mu ihrer Genußrind VerschWendungssncht einen Spielraum dort zu schaffen, wo die christliche Bevölkerung am welligsten davon berührt werden könnte. Auf diese Weise können aber nur gerade diejenigen von der eingetretenen Milde Nutzen ziehen, die die Mittel hatten, dem Gesetze im ausgedehlltesten Sinlle zu entsprechen; es sind die Vermögenden und Einflußreichen. Wäre es daher nicht gerathener, und dein edlen Herzell so wie der anerkannten Humanität unseres erlauchten Prinzen angemessener-, werln er Sein vielvermögendes hohes Wort, für die gänzliche Abschaffung eines Gesetzes spräche, das dm doppelt schädlichen Einfluß auf Bevölkerung und Beaultenstalld übt, und mit seinem verkappten bittern Judenhasse ein Schandfleck in der österreichischen Gesetzgebung ist? -— Hier das Cirkular - Schreiben: Vom galizischen General-Gouverneur Nr. 814 g. z. z. Aus den Uebersichten der in dem Militär-Jahre 1843 in Galizien und der Bukowina Getrauten itnb Geborenen, habe ich erfahren, daß in diesem Jahre im ganzen Lande nur 117 gesetzliche Judenehen, und dagegen9/68 jüdische Geburten vorgekommen sind. — Ich finde aus diesem Anlasse bcn Hrn. Kreisvorstehern die Gub. Verordnung vom 28. Juni 1826 Z. 88788 (Piler: Gesetzsammlung vom I. 1826 Seite 101) mit der Aufforderung in Erinnerung zu Bringen, zur thunlichsten Beschränkung unbefugter Judenehen, einerseits bei der vorgeschriebenen Prüfung der Brautleute aus den.deutschen Schulgegenständen, nicht mit übertriebener Strenge vorzugehen; anderer Scits aber durch den Kreisrabbiner, die Religionsweiser, und sonst im geeigneten Wege dahin zu wirken, daß Ehewerber, die nicht in der Lage waren, sich den deutschen Schulunterricht eigen zu machen , um die diesfciltige Dispens bei der Landesstelle nlittelst des Kreisamtes eillschreiten sollen, endlich dafür zu sorgen, daß derlei Dispensgesitche der Landesstelle mit Beschleunigung vorgelcgt werden. Lelnberg, 6. Jull 1844. Erzherzog Ferdinand, m. p. Die ersten Regungen einer deutsch - jüdischen Kirche. XIV. Berlin, 10. Mai. Gestern Abend halb 7 Uhr fand die erste Versammlung der Unterzeichner des Aufrufs an die deutschen jüdischen Glaubensbrüder statt. Die große Zahl derselben und eine fast eben so bedeutende von Gästen, theils jüdischen, theils christlichen Bekenntnisses, füllte den Saal des englischen Hauses, dessen Orchestererhöhung von Damen besetzt war. Ein Mitglied des provisorischen. Comr'te, der Buchhändler Karl Heymann, eröffnete die Versammlung mit der Bitte, sich heute jeder Diskussion zu enthalten, da die Versammlung nur den Zweck habe, ein definitives Comite zu ernennen, dem etwa zu machende Vorschläge dann übergeben werden könnten. Nachdem derselbe dann noch über die Bedeutung, die dieser Tag für alle Zukunft behalten werde, gesprochen, zur Toleranz und zum Vertrauen aufgefodert, ergriff Hr. Ludwig Lesser das Wort und hielt einen längern Vortrag über die historische Entwickelung der verschiedenen und namentlich des letzten, gegenwärtigen Neformversuchs des Iudcnthums. Der Redner schrieb namentlich dem Mislingen des Iakobson'schen Versuchs zum großen Theil den Indifferentismus und die Apathie zu, in die die Juden daraus versunken, und betrachtete das neue Erwachen des Gemüthslebens als ein plötzliches Wunder, von dem man nicht entscheiden könne, ob es durch die Rcformbewegungen der Gegenwart überhaupt oder durch die kürzlich hier gehaltenen Vorträge des Dr. Stern zur Erscheinung gebracht worden wäre. Das provisorische Eomite hätte übrigens schon manche Schritte gethan, namentlich auch die Meinung manches Rabbiners über die beabsichtigte Reform eingeholt, könne jedoch aus Diskretion solche nicht veröffentlichen. In Bezug auf den Fortgang der Unternehmung erfuhren wir, daß dieselbe in Berlin bereits 248 Theilnehmer zähle, was nicht unbedeutend sei, wenn man erwäge, daß 5 Kategorien ihr fremd bleiben müßten, nämlich die Orthodoxen, diejenigen, deren Angehörige bereits größtentheits getauft seien, die Indifferenten, die Abhängigen, und endlich, wie Hr. Lesser sich ausdrückte, die Halbgebildeten, die durch Lesen kosmopolitischer Bücher zum Aufgeben jeder Religion gekommen seien. Außerhalb Berlin haben sich in Prenzlau, Marienwerder, Kulm, Köslin, Danzig und einigen andern Städten überall Einzelne den Reformbestrebungen angeschlossen. Interessant war namentlich der Schluß der Rede, bei welchem Hr. Lesser der günstigen Aufnahme erwähnte, deren die Mitglieder des provisorischen Comiio von Seiten des Ministers Eichhorn sich zu erfreuen gehabt hätten. Derselbe hätte nämlich versprochen, den in Rede stehenden Bestrebungen nichts in den Weg zu legen, und gerathen, „man solle

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.