Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1845)
- Date
- 1845-05-28
- Page
- Seite 172 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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172 Wien, 18. Mai. (Abgedrungene Zurechtweisungen.) Die eine betrifft einen verdienten Todten, die andere einen nicht ganz unverdienten Lebenden. Beide werden durch den in Nr. 18 Ihres geschätzten Blattes enthaltenen Nekrolog Lämel's hervorgerufen. In ersterer Beziehung gilt das alte Wort: ,,Es giebt nichts fataleres als einen ungeschickten Freund l" Der edle Verstorbene würde sicherlich erröthet sein, wenn ihm ein Panegyrikus zu Gesicht gekonunen wäre, mit Hervorhebung dessen, daß ein Prinz sich am Schluffe eines Briefes seinen Freund genannt; daß der große Göthe — ein Frühstück bei ihm eingenommen, — und daß er eine Nacht im Hause des unsterblichen Schiller zugebracht l Das hat ihn wahrlich nicht vor Gott und Menschen geadelt, und wer ihm näher gestanden, wußte, daß er wie jeder gediegene Mensch vor: solchen Dingen kein Aufhebens machte, und wohl wußte, sie dort zu stellen, wohin sie gehören. Dagegen findet sich in jenem Nekrolog am wenigsten gewürdigt, worüber Schreiber dieses ein vollgültiges Zeugniß abznlegen vermag, nämlich wie der Verewigte sein Leben lang für Einzelne und Gemeinden, wie für allgemeine Angelegenheiten des Jndenthums in den Kampf zu gehen stets bereit war, und den Fuß stets gerüstet hielt, lind der Fuß gilt bei einen: Neichen und vornehm gewordenen in Israel mehr als die Hand, gilt gar viel, wo er von cxncin warmen Herzen und Helten Kopf geleitet wird, gilt am meisten, — und wirkt auch an: ineisten, — wo er wie hier sich selbst von hohen: Alter, von Krankheit und von Siechthum nicht zurück halten läßt, für die gekränkten Rechte seiner Glaubensgenossen in die Schranken zu treten l Wohl sichert dies das gute Angedenken Simon v. Lämel's besser als das Dejeuner, das Göthe bei ihn: eingenommen, und selbst besser, als daß er sich darin gefiel, an seinem Tische neben Fürsten und Grafen irgend einen jüdischer: Gelehrten in alten: Rocke zu setz.cr:, was mar: wohl dern hochgeachteter: alter: Manrr aus alter Zeit Hinhalten mochte, nicht leicht aber demjenigen statuiren würde, bei welchem man Vertrautheit mit Ton und Sitte und mit der an Höherstehenden schuldigen Rücksicht voraussetzen muß. Doch wir sind vor: den: Todter: unvermerkt auf der: Lebenden gerathen, auf den ja der Airgriff tu dem alter: Rock ausgeht, namentlich durch den Satz: ,,Es ist dies in urrserer Zeit, wo man sich, größtenteils aus Jndifferentismns, des armer: jüdischen Gelehrten — so er nicht mit glattfrisirtem Haar und als modemcr stundenweit von Poruade riechender G a l ar: t o r: (Galanthomme?) erscheint - leider schämt, wo sich selbst jene seiner schämen, die selbst, als namhafte Literaten dastehen und hierfür zr: gelter: Ansprrrch machen, die die frömmsten Wünsche für ihr Volk affektiren, die aber nicht bedenken, daß das freundliche Ansichzieher: jüdischer Gelehrten urrd Literaler: das erste ist, wodurch sie ihre Theilnahme für ihr Volk und ihre literarische Stellung (??!) bewähren und beurkunde::! — in einer solchen Zeit, wo man den armen Gelehrten, wenn's hoch kommt, mit einer kleinen Spende und der Entschuldigung, daß mar: keine Zeit habe, abfertiget, ist dies ein nie genug hervorzuhebcrrder rühmlicher Zug — urrd in dieser Beziehung ist der Verlust dieses edlen Mannes leider — unersetzlich!" Der Angreifer, der selbst im Hinterhalte versteckt, es sehr leicht errathen lasser: will, Nur: er hier zu bezeichnen gedenkt, wird es mir zu Gr:te halten, wenn ich nicht irr seiner Sprache der Persönlichkeiten mit ihm rede, einmal weil sie mir durchaus nicht geläufig ist noch je werde:: wird, und dann weil ich weder die Ehre habe, den Herrn zu kennen, noch den Scharfsinn besitze, ihn zu errathen. Es kommen gar viele Leute in neuen, und noch mehr in alten Röcke:: zu mir, und es ist wohl a::ch möglich, daß ich einen dieser letzteren mit einer Spende abfertigte, ohne dessen Wunsch mein Tischgenosse zu werden, entdeckt zu haben; allein zu entsinnen weiß ich n:ich eines solchen Falles wahrhaftig nicht. Mir ist übrigens der Mangel an Pomade bei unfern heutigen jüdischen Gelehrten keineswegs ausgefallen, in: Gegenthcil habe ich die meisten nach hiesiger Ai:sdn:cks:veise nur allzu p o m a d i g gefunden. Der alte Rock aber hat noch Niemanden bei mir eine freundliche und ich darf sagen, wohlwollende Aufnahme verleidet, sobald ich nur einmal Kopf, giltiges Wissen oder nriudestens Charakter in demjenigen erkannt hatte, der ihn trug. Nur aber thut's der alte Rock als solcher nicht allein; man müßte denn auch bei uns den Glauben an wunderthätige alte Rocke aufbringen wollen. Wer daher einen alten Rock trägt, befrage sich nur erst hübsch selbst, was darunter steckt, und sehe zu, ob die vermeinte Zurücksetzung nicht etwa eben ans volkSthümticher Theilnahme entspringt, welche entwürdigende Blößen von — meinetwegen Gelehrten , die aber den Zeitanfordernngen nicht gewachsen sind, in Wissen, Urtheilen und Benehmen vor weniger liebreichen Augen lieber verborgen hält. Erst wenn er darüber mit sich und Andern in: Reinen ist, wird er ihm zugestehen, die Gesinnung von Männern zu verdächtigen, welche es für schlimm erachten nrüßten, wenn sie auf derartige Angriffe fortan anders als mit stillschweigender Hinweisung auf ihr ganzes Leben, und auf die erworbene öffentliche Achtung zu antworten hätten. Der Gestichelte in L. v. Lämel's Nekrolog in Nr. 18 des Orients. Aus Gerlizien, 12. Mai. Bekanntlich darf hier kein jüdisches Paar zur Ehe schreiten, bis es nicht im Kreisamte die Prüfungen aus den deutschen Normalschulgegeuständen und des Bne Zion gut bestanden und die Bewilligung zun: Ehebündnisse von dieser Behörde erhalten hat. Das Gesetz bekümmert sieh nicht darmn, ob das Brautpaar gerade in einen: solchen Orte wohne, wo es sich diese Anforderungen eigen machen könne oder