Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1845)
- Date
- 1845-05-28
- Page
- Seite 171 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360364-2360387--4974-3531318- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
171 .— Einigen Unwillen erregt hier bei den Gebildeten und Parteilosen eben die Besetzung der Schnl-Direktorstette. Ohne die anli und pro Artikel, die Ihr.geschätztes Blatt über diesen Gegenstand bereits enthielt, noch vermehren zu wollen, müssen wir doch gestehen, daß diese Besetzung eine übereilte und unglückliche zu nennen ist. Wir haben Gottlob in unsrer Stadt noch Männer genug, die diesen Posten hätten ausfüllen können, und ohne gerade zu den blinden Verehrern Wesse ly's zu gehören, glauben wir doch, daß dieser sich um unsre Schule so sehr verdiente Mann, der noch überdies durch schriftstellerische Arbeiten sich einen ehrenvollen und bekannten Namen erworben hat, keineswegs einem solchen Konkurrenten gegenüber hätte präterirt werden sollen. — So eben ist bei Haase hier ein Gebetbuch erschienen, mit neuer deutscher Uebersetzung von Dr. Wessely. — Wessely zeigt sich darin als gewandter und geistreicher Uebersetzer, vieles ist ihm trefflich gelungen, worunter vorzugsweise diePirke' Abot, u. wir wünschen ihm öfterer als Uebersetzer zu begegnen, da er dazu eine besondere Gewandtheit verräth. — Tarnopol, 1. Mai. Der MäßigkeiLSverein, der im verflossenen Jahre seinen Streifzug in Schlesien begonnen, ist auch zu uns nach Galizien gedrungen — wurde von unserer höhern Geistlichkeit freundlich begrüßt, und ihren Untergebenen in den respektive» Diöcesen zur Aufnahme empfohlen. — Auch die Regierung scheint ihn zu begünstigen, und so gewinnt er seitdem großen Anhang, und das Streben der wackern Geistlichkeit wird von den günstigsten Erfolgen gekrönt. Viele Taufende von Landleuten sollen schon im ganzen Lande das Gelübde der absoluten Nüchternheit, mehr aber noch das der Mäßigkeit abgelegt haben. Ob aber dieser Verein bei nnserm Klima, bei der Lebensart und dem niedrigen Zustande der Gesittung unseres Bauernstandes, feste Wurzel fassen und für eine längere Dauer bestehen werde, wird die Zeit beantworten, der ich vorzugreifen mich nicht traue, und es übrigens auch als der Tendenz des Gegenwärtigen ferne liegend ansehe. — Doch heilsam für der: Augenblick bleibt unstreitig der errungene Erfolg, und es ist antr zu bedauern, daß man, um ihn herbeizusühren, sich auch Mittel bediente, die des Zweckes unwürdig und so unerquicklicher Natur sind, daß sie eine öffentliche Rüge Hervorrufen müssen. — Ich meine die bei dieser Gelegenheit zum Vorwurfe gemachte Verdächtigung der Inden; fast von jeder Kanzel herunter wird ein förmlicher Feldzug gegen die Juden durchgeführt, deren Wohlstand man in der Trunkenheit des Bauern zu begründen, und die Juden als die eigentlichen Verführer herauszustetten sucht, die den Erwerb desselben absorbircn. — Wer aber Galizien kennt, wird zngeben, daß die Schenker den ärmsten Theil der Judmschaft ausmachen, und daß die Meisten aus ihrer Mitte das erbärmlichste Bild von Armuth und Verlassenheit liefern. — Dies liegt aber in der eigcnthümlichcn Verfassung dieses Gewerbszweiges, der ans dem Lande ein Monopol der Herrschaft, und in den Städten des Ortsmagistrats ist. Von diesen überkommt erst im Pachtuugswege dieses Recht auf den Juden, und die Privilegirten wissen einen so hohen Zins für sich dafür zu erschwingen, daß der Jude selten dabei sein Leben kümmerlich fristenkann. — Lebendige Belege hierfür liefere die Unzahl von jüdischen Schenk- und Wirthshäusern in Galizien, die wohl jeder Pfarrer besucht, und die schlagendsten Beweise des schroffsten Widerspruches von Wohlhabenheit mitnehmen mußte. Wird itnfcrnt Landmanne wirklich der letzte Zehrpfennig durch Völlerei entlockt, so fließt er in ganz andere Taschen, als in die der Inden, dies muffen auch die hierländischen Geistlichen wissen, denen die hiesigen Zustände wohl nicht unbekannt sein können. Auch kann es ihnen nicht entgangen sein, daß man jenen höchst verwahrlosten Zustand unseres Laudmanues zu erhalten sucht und seineTrullkenheitbegünstiget, um ihn in Dumpfheit cmzululleu, die ihn: alle Mittel benimmt, über sich und seine traurige Stellung nachzudenken, und ihn von seinem Zwangherrn abhängig machet, der die mittelalterlichen Frohnrechte, in ihrer ganzen Ausdehnung für sich cmszubcuten weiß, wenn schon die humanen österr. Gesetze dem Schranken zu setzen suchen. — Es ist daher sehr unchristlich, wenn ein Seelenhirt bei dieser Voraussetzung, nur seinen Reden bessern Effekt oder Erfolg zu sichern, gegen eine ganze Volksklasse ohne ihr Verschulden ins Feld ziehet, und durch nngegnmdete Verdächtigung, Haß und Zwietracht ins Herz seiner Zuhörer pflanzt, die für die Folgezeit zu Giftpflanzen heranzuwuchrrn drohen, welche Jahrhunderte nicht werden auszurotten vermögen. — Ist wirklich in dergalizischen Judenschast, im Entgegenhaltzu dem Bauernstände, ein innerer Wohlstand bemerkbar, so ruhet er nur in ihrer großen Intelligenz und in der dem Juden innelebenden ascetischen Mäßigkeit, die in der richtigen ans Moral und Religiosität begründeten Lebensanschauung fußet, die aber nicht durch drastische Mittel herbeigeführt wurde, deren sich unsere geehrten Geistlichen zu bedienen belieben, um ihre Pfarrkmder zu derselben zu incliniren. Mögen sie daher, als redliche Seelenhirtm und wahre Männer Gottes, ihren Gemeinden diese hervorragende Tugend der Juden zur Nachahmung empfehlen , und sich nicht scheuen, im Sinne des hohen Stifters ihrer Religion und seiner Apostel, dem Judenthuine das zu entlehnen, was wahren moralischen Werth hat, und zum Heile ihrer christlichen Brüder als zweckdienlich sich darstellt; dagegen sich für die Folge enthalten, ihrem schönen und hohen Berufe entgegen, Unduldsamkeit zu predigen, wo sie „Liebe" anSstrenen sollten, das Sinnbild ihrer Religion und das Loosungswori ihres großen Stifters. — 22*