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Der Orient · 1845-05-28 · Heft 22 (28.5.1845) · p. Seite 170

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 22 (28.5.1845)
Date
1845-05-28
Page
Seite 170 (sequence 3)
Language
German
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— 170 — gute- Humor beim Scheiden aus dem Vaterlande keinen Augenblick verließ, antwortete auf die Frage, ob er denn nicht wieder aus Amerika znrückkehren werde, mit folgenden Worten: „Ich werde nicht eher zurückkehren, als bis Nordamerika bairisch wird!" Man lachte hier viel über diesen Witz, aber ich finde ihn mehr zürn Weinen als zum Lachen. Wenn wir dagegen die glücklichen Verhältnisse unserer hessischen Juden betrachten, so glaubt man kaum, daß dieses aufgeklärte, gesegnete Großherzogthum Hessen so nahe an einen Staat grenzt, wo man einem Inden nicht gestattet, ein Grundstück zu besitzen , ltnb wo nran nur dem ältesten Sohn einer noch so starken israelitischen-Familie ertaubt, sich zu verheirathen, und die andern Söhne zum unfreiwilligen Cölibat verdammt. Im Großherzogthum Hessen, namentlich in der hessischen Rheinprovinz ist die Emaueipatiou faktisch vorhanden, und selbst was noch zu wünschen ist, nämlich öffentliche Anstellungen und Beamtungen, spricht das Gesetz nicht ab, denn die Verfassung, eine der freisinnigsten Deutschlands, schließt den Juden nicht von öffentlichen Aemtern aus. Bei im§ kann der Jude jedes Geschäft, jedes Gewerbe treiben , kann Grundstücke besitzen, so viel er Lust hat, kann die Arzneikunde und die Jurisprudenz ausüben, lann Gemeindeämter bekleiden und Volksvertreter sein, kann Geschworener bei den Assisen, Mitglied der Handelskammer und des Handelsgerichts werden, kurz, der Staat hat die Emaneipation der Juden ins Leben geführt, ohne sie gerade anszusprcchen, und er befindet sich wohl dabei. — Bei dieser Gelegenheit sei auch der Theitnahme erwähnt, welche die hiesigen Juden den neuesten -Reform b estrebung en im Judenthum schenken. Als cs hier bekannt wurde, daß eine Anzahl orthodoxer, finsterer Rabbiner aus Ungarn und Polen und leider auch aus Deutschland gegen das Reformwerk der Rabbinerversarumlung einen so unlauter» Protest eingelegt haben, traten alsbald sämmtliche hiesige gebildete Juden zusammen und vereinigten sich, um sich der Reform auzuschließen, wie sie entweder von den bevorstehenden Rabbiuerversammlungen oder von dem berlin-frankfurter jüdischen Reformverein ausgehen wird. Die große Mehrzahl der hiesigen aufgeklärten Inden hält es zwar fürs Beste, wenn man sich geradezu öffentlich von jeder Beziehung zum Talmud lossagen würde, weil doch einmal mit den Orthodoxen fein vernünftiger Vergleich zu erzielen sei. Indessen will rnan doch nut diesem Schritte noch so lange warten, bis marr erst den Zweck der Räbbinerversamurtnngen deutlicher erkannt hat, und jedenfalls will mau diese in ihren Bestrebungen auf das nachdrücklichste unterstützen. Eine Adresse in diesem Sirrn, aufuumternd und zustimmend, ist soeben von beut Kerne der hiesigen jüdischen Bevölkerung unterzeichnet worden, und ein Aehnliches geschieht in allen jüdischen Gemeinden der Rheingegend. Die Regierungen begrüßen dieses neuerwachte Streben auf das freudigste und erkennen in ihm den Anfang zur langst gewünschten und geforderten Selbst-Emaneipation der Jttden. (D.A.Z.) Oesterreich. Prag, 14. Mai. Am 11. d. hielt der erste Oberjurist Herr RapaPort in der Meiselsynagoge eine Trauerrede für den in Wien verstorbenen Herrn Simon, Edlen von Lämel. Herr Rapaport überraschte mts diesmal utit einer deutschen Rede. Daß Herr Rap. deutsch zu schreiben versti'utde, wer möchte daran zweifeln, eben so wenig, daß er eine geistreiche Derascha, nach seiner Weise halten könne, denn davon hat er erst in feiner letzten Sabbat ha-Gadol-Derascha, bm glänzendsten Beweis geliefert; aber einen deutschen, so schön abgerundeten Vortrag — wir gestehen, ihm diese Fähigkeit abgesprochen zu haben. Rap. hat aber auch diese, für ihn , in Deutschland erst seit 4 Jahren lebenden, gewiß sehr schwere Aufgabe, zu lösen gewußt. Er sprach eitte volle Stuttde, und wußte das höchst glänzettde und zahlreiche Auditorium, es war die Elite der hiesigen Gemeinde zugegen, sogar anch Damen, die bis jetzt die Synagoge gewiß nur dem Namen nach kannten, so zu fesseltt, und durch GentüLh und geistreiche Wendungen Hinzureißen, daß ihm von allen Seiten die schuteichelhafteste Atterkennnng zu Thcil ward. Wenn wir etwas zu rüget: hätten, so wäre es etwa, die dem Vorsteher nnb dem Söhne des Verblichenen gespendeten Lobesertheilmtgen, nicht etwa, als ob wir das volle Verdienst dieser würdigen Mättner nicht wie er zu würdigen wüßten, ttnb wir sie nicht auch ganz unbedingt eine Zierde der hiesigen Gemeinde ncntten möchten, sondern weil wir dafür halten, daß die Kanzel dazu nicht geeignet ist. — Unser Seelenhirt Herr Meisel trifft im Juni hier ein; wir wollet: hoffen, daß er seinen Platz würdig ausfülle. Um ihm aber seine hohe Stellung gleich von Außen auzudenten, hat ihm das verehrliche Konnte eine Wohnung im 3. Stocke gemiethet, eine etwas übel angebrachte Oekottoutie. Herr Meisel wird am Sabbat in seinem Hause, wenn er nicht ganz tolerant sein wird, nicht ein sondern beide Augen zndrücken müssen, da dort rechts und links feine jüdischen Nachbarn auch an diesem Tage ihre Komptoirs offen haben. — Ueberhaupt scheint sich dgs verehrliche Komite nicht besonders gut ans daSOckonomisthe zu verstehen, sonst würden sie nicht dem Prediger 200 fl. abgezogen, und sie dem von allen Seiten mit vollem Rechte nichtachteten Kantor als Zulage bewilligt haben. Dieser Kantor, der sich auf der: grünen Tisch, den er von früh bis Abend beschäftigt, eben so als aus den Siddur versteht, kann wahrlich dem hiesigen Tempel wenig zur Ehre gereichen. Dieser junge Mann scheint sich besonders der so schmeichelhaften Gunst unsres Chorinspektors und nunmehrigen Schuldirektors zu erfreuen.

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