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Der Orient · 1845-05-21 · Heft 21 (21.5.1845) · p. Seite 167

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 21 (21.5.1845)
Date
1845-05-21
Page
Seite 167 (sequence 13)
Language
German
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167 schaftlichen Fortschrittes im Mosaismus nachweist und befolgt. Ohne das Vorbild der rälmudischcn Interpretation, würde der Israelit in der Bibel sich auf dem Meere des Lebens ohne Kompaß befinden. Uebrigens bieten sowohl die den verschiedensten Zeit- und Ortsverhältniffen angehörenden Jdeenkompilationen des eigentlichen Talmuds — und seiner bis auf den heutigen Tag reichenden Komentatoren und Epitomatoren, treue Zeitbilder der verschiedensten Geistesstufen des Alterthums. Es ist seit 2000 Jahren keine Wahrheit und kein Jrrthum ausgesprochen worden, welche nicht in jenem Kolosse seltsamer Ideenkonvolute ihre Parallelstellen finden. Reich an religiöser Wärme, an gediegenen Sittenlehren, an Lebensweisheit ist der Talmud — und reich an theologischen Ergebnissen ist derselbe, so er im freien Geiste der philosophischen Kritik der Geschichte gehandhabt wird; — und höchste An er-, kennung werde ihm dafür, daß der uns so rein aufbewahrte Kern aller Glaubenswahrheiten, trotz dem allen äußern Färbungen offenem Theile desselben, keine entstellende Trübung erlitt. — C. Unsäglich jämmerlich ist daher das Loos Derjenigen, welche ohne den Geist der Geschichte zu ahnen und den echten Geist des Talmuds aufzufaffen, mit so manchen ewigen Wahrheiten, auch alle Misgeburten der heidnischen und mittelalterlichen Welt Hochhalten; — und in dem Jahrhunderte, wo ein echter Geschichtsgeist seine Triumphe feiert, vom Siegeswagen desselben nirdergeführt zu werden sich gefallen lassen müssen. Die rabbinische Assimilation der verschiedenartigsten Weltansichten, ohne aus demselben Gemische das eigentlich reine Kaliber gewonnen zu haben, hat zur traurigen Folge: a) daß sich der unwissenschaftliche Rabbanit, vor dem Maaßstabe der Weltweisheit, wie vor dem Zuchtstocke eines tyranischen.Drängers fürchtet — und jedes Licht verwünscht, welches dessen chaotisches Ideengewebe beleuchten könnte. Daher ist es eine notywendige Konsequenz des größten Theiles der heutigen stabilen Rabbinen, daß selbe jede Wissenschaftlichkeit verdammen und wenigstens ihre Anhänger und Angehörigen vor der Schule echter Bildung, als vor dem Feinde ihres Glaubens warnen. Aber das Bereich der Wissenschaftlichkeit greift zu sehr in's Leben, als daß der eigentlich stabile Anhänger des Rabbimsmus sich, ohne Parasit der Welt zu sein, oder zu heucheln in seiner eigenen Sphäre, als würdiges Staatsglied behaupten könnte. — 1)) Trägt auch der Feind der historisch kritischen Auffassung des Talmuds, indem er die Irrgänge aller Zeiten in sich ausgenommen und hochhält — den Widerspruch mit sich selbst und den Kampf gegen jede andere, aus dem Geist der Gesammtgeschichte sich entwickelnden Idee in sich. — Muß " er daher gegen die Richtung anderer Religionen sich passiv verhalten, so bleibt ihm zur Bewahrung der eignen Ruhe auch kein besseres Mittel, als von Allem, was außer seinem Kreise gedacht und gefühlt ward und wird die Augen abzuwenden. Strengste Jsolirung ist die Losung der eigentlichen Talmudisten früherer Art — und eben so geringe ist ihre Bekanntschaft mit den wichtigsten Weltereignissen und Lebensvorgängen, als ihre Kenntniß des Wesens der Religionen, welche ihnen noch so nahe gelehrt und geglaubt werden.— c) Gehören jene Anhänger einer Lehre, in welcher die Richtungen verschiedener Zeiten und Länder, ohne Sonderung und Sichtung sich abspiegeln, und^wo die Geschichtswehen zu keiner reifen Geburt gelangt; gehören die unkritischen Mannen des Talmuds, sage ich, gar keiner Zeit und keinem Lande an. Der blutige Opferdienst des Tempels, diese zur Bekämpfung des Heidenthums nothgedrungene Anbequemung, hält ihr ewiges Sehnen nach Jerusalem rege; und da für selbe das Resumv der Geschichte verschlossen ist, konnte ihnen auch noch kein Land und keine der ergebnißreichsren Zeiten höher gelten, als die Zeit des jüdischen . Priesterthums — und der Erdstrich, in welchem Milch und Honig fließt. — Kein Wunder, daß selbe gegenüber der prophetischen Lehre einer zu erzielenden messianischen Zeit, stets an den mehr materiellen Glauben eines persönlichen Messias hangen. O. Die hohen Begriffe von Staat und Bürgerthum, welche in unserem Jahrhunderte rege geworden, haben in den alle Zeitergebniffe aufmerksam belauschenden, wissenschaftlichen Theologen Israels entsprechende Würdigung gefunden. Und ohne von den Grundprincipien ihres Glaubens auch ein Iota aufgeben zu wollen, zielen sie zunächst dahin, daß alle nur durch das Zeitengrau ihrer Entstehung heilig gewordenen Observanzen dem Wohle des Staates aufgeopfert werden, welcher ihnen Aufnahme gönnte, und als dessen Kinder sie sich mit ganzem Herzen betrachten. — E. Die wissenschaftlichen Verteidiger der geläuterten Lehre Israels bedienen sich zur Realisirung ihrer mit allen Opfern vertretenen Richtung blos der Belehrung; — und wollen allein auf diesem Wege ihr hohes Ziel erreichen. Sie gönnen den Vorzug der sogenannten Alten, daß selbe außer der ihnen zu Gebote stehenden Geistesfolter manigfacher Art äußere Gerichte .bestürmen, um der Wissenschaftlichkeit die Wege zum Iudenthume abzusperren. Sie sehen mit Zerknirschung die innern und äußern Feinde: Missionäre und ignorante Rabbiner Hand in Hand zur Abwehr der geläuterten Lehre Israels sich rüsten. Die Fahne der wissenschaftlichen Theologen in Israel ist die Geschichte und deren heiliger, uns rertraute Anfang: die Bibel; als Fackel benützen sie den Talmud und als Waffe, mit welcher sie ihrer Lehre Eingang verschaffen wollen, dient ihnen das belehrende Wort. Das ist die Aufgabe der erwünschten und oft so misdeuteten jüdischen Predigt — und darum herrscht diese besondere Furcht jener unheimlichen Geister vor dem Worte, das sich zu dem Herzen Israels einen Weg bahnen will. — F. Größtentheils einig in der wahrhafte Religiosität und innigen Glauben bekundenden Ansichten, divergirm die heutigen, wiffenschaftlichen Theologen Israels nur noch in der Art und Weise, wie sie, bei möglichster Schonung der

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