Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1845)
- Date
- 1845-05-21
- Page
- Seite 166 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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166 des allerdings mit großem Rechte als Auktorität anerkannten' Dr. Aunz seine Begründung finde. (Uns will jedoch scheinen, daß man diese Auktorität nicht verstanden hat, sonst würde wohl ihre bedeutungsvolle Unterschrift sich unter dein „Aufrufs befunden oder doch sonst wenigstens einige. Teilnahme verrathcn haben.) Endlich habe auch die öffentliche Meinung in vielen namentlich angeführten Zeitungen sich sehr günstig ausgesprochen. Nur wenige Artikel seien in einigen Zeitungen für die gegnerische Ansicht ausgetreten. Die. Genossenschaft könne schon ruhig ihr Ziel verfolgen und hoffen, neben den Andersdenkenden zwar Ln Frieden leben zu können, obschon sie nöhthigenfalls auch zeigen werde, daß es ihr nicht an Energie gebricht. Die eigentliche nähere Veranlassung der Reform ließ der Redner unentschieden, er vermöge nicht anzugeben, ob ihre Quelle..in einer ähnlichen Bewegung, in einer andern Religionsgenoffenschaft, oder in den Vorlesungen des Hrn, Dr. Stern, oder sonst wo zu suchen sei. Aus dieser Unentschiedenheit befreite denn die folgende Rede, welche Hr. Dr. Stern vor dem sehr aufmerksam und gespannten Auditorium in einer edlen Sprache vorlas. Er leitete diese Bewegung 1) aus der Lebenskraft des Iudenthums,' 2) aus dem Geiste der Zeit, 3) aus der Gesinnung der Reformfreunde her; er erklärte, daß die Reform erst in das Leben treten könne, wenn sachkundige Männer sich über Das, was niederzubauen fei, in der Synode werden ausgesprochen Haben , daß der jetzige Verein keine werdende, sondern schon eine vollendete Genossenschaft sei, und daß der neugewählte Vorstand entscheiden werde, ob diese Genossenschaft an dem bisherigen Gottesdienst, der thatsächlich nicht mehr der ihrige sei, noch Theil nehmen könne, oder nicht. Leider sing sich nun die Hitze im Saale geltend zu machen an, und der Referent war daher um den Schluß der Rede gekommen, tröstet sich jedoch mit der Hoffnung, daß sie, nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge, recht bald auf „allgemeines Verlangen" im Druck erscheinen wird, woraus denn alle Diejenigen, welche noch einen Sinn für die, wie wir noch hörten, aufopferungsfahige Thatkraft dieser großen Bewegung haben, am besten den philosophischen und positiv-religiösen Standpunkt derselben entnehmen und erkennen werden, ob und wie weit dieselbe sich ihrer Aufgabe bewußt ist» Richtung und Streben der wiffenschaftlichen jüdischen Theologen neuerer Zeit, skizzirt von Dr. M orLtz Feitel.*) A. Im Bestreben und in der Richtung der heutigen wissenschaftlichen Theologen ih Israel ist nichts Neues, und *) Schreiber dieses lebt 'in einem Lande, wo der krasse Obskurantismus jeder jüdischen Wissenschaftlichkeit den Einsie wollen nichts weniger als mit' dem Namen bezeichnet werden; der Geist ihrer Ansichten ist so alt, wie der, der alttestamcntlichen Propheten. Treu den Grundlehren des ältesten Iudenthumes, kennen sie keinen andern Gottesdienst und keine andere gottgefällige That, als solche, welche diejenigen, die sie üben, veredeln und sittlich erhöhen. Das Pcincip der Ebenbildlichkeit Gottes nach erläutertem Ausdrucke der innen: moralischen Freiheit lehrt sie, die auf dem Wege göttlicher Offenbarung bestätigten Erkenntnisse im Augenmerk zu gehalten — und übrigens die Vernunft als höchste Richterin menschlicher Ansichten gelten zu lassen. .Sie benützen daher Philosophie und Geschichte, um durch eine gesunde Kritik die Grundstützer: ihres Glaubens zu stärken und die gefährlichen Risse zwischen jüdischer Lehre und dem Leben mit eigenem Materiale auszufüllen. Daß bei diesem heiligen Aufbau der geläuterten Lehre Israels manches kleinliche angelehnte Gemäuer einstürzen muß, ist natürliche Folge. — Es gab bereits in allen der letzten neum Jahrhunderte Männer in ^Israel, welche von einem forschend prüfenden Geiste beseelt, dieNothwendigkeit der Läuterung und Sichtung ihres. Glaubens erkannten; nur stunden selbe zu sehr vereinzelt in ihren Generationen. Der Druck der Zeiten gönnte der bessern Empfänglichkeit und dem geistigen Verkehre keinen Boden; und die aus dem langen frühern Grau herüber leuchtenden Männer wie: Maimuni, Ibn-Esra und Mendelssohn, mußten sich leider dort größtentheits accomodiren, wo sie nicht dem Banne der Zelotie verfallen wollten. Das Verfahren des jüdischen Sokrates, welcher sich auf den strengst orthodoxen Standpunkt begab, um auf dem eigentlichen Gebiete der Widersacher, diesen ihre mächtigste und gefährlichste Waffe: Religionszwang, zu entwinden; — und des großen Kaiser-Josefs Toleranzedikt, welches zugleich den Rabbinen den Bann aus Händen nahm, eröffneten die für die gesammte Menschheit so hochwichtige Aera, der jüdischen Aufklärung. — ß. Die ergiebigsten Quellen zur Erreichung ihrer hohen Aufgabe liefert den wiffenschaftlichen Rabbinen der eben so unschuldige, als fälschlich verschrieene Talmud. Dieser ist es welcher in der Art des religiösen Lebens die Idee des wissengang wehren will und vor dem gefährlichen Streben und der unheilschwangeren Richtung der wissenschaftlichen Theologen in Israel höchlichst warnt. — Die früher aber nur in Flüchen und Verwünschungen sich geübten Theologen machen bereits Schritte verschiedener Art, die vorhabende Läuterung Israels zu verdächtigen. Dieser Aufsatz ist einstweilen der Umriß einer Arbeit, welche alle jene Punkte, die vor dem Forum der Kritik sich bewähren werden, möglichst erweitern und mit Citaten kräftigen will. Die darin vorkommenden Ansichten sind Resultate einer seit Jahren mich in Mußestunden beschäftigenden neuere jüdische Lektüre, nach dem ich in weinen Iünglingsjahren mit dem Studium der altrabbinischen Literatur mich befaßt habe.—-