Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1845)
- Date
- 1845-05-21
- Page
- Seite 168 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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168 bestehenden Vorbegriffe, den Morgen der bereits dämmernden Wahrheit Hervorrufen. Einig sind sie bereits darin, daß das sämmtliche Israel einen gleichen Beruf habe, daß der jüdische Wasserträger und Holzhauer, eben so wenig in der Unwahrheit leben darf, wie der welcher Lag und Nacht in der Lehre forscht. Einig sind sie bereits darin, daß die in früherer Manier bestehenden Gotteshäuser nicht nach dem Herzen Gottes sind — und schleuniger Abhilfe benöthigen. Einig sind sie auch darin, daß Manches in Israel geschehen müsse, so man der Zukunft vom Offenbarungsglauben mehr als den nackten Rationalismus erhalten soll. — In letzterer Zeit hat eine neue Richtung bei einigen der jüdischen, wissenschaftlich gebildeten Theologen sich kund gegeben, welche dahin zielt, bei möglichster Verbreitung der Wissenschaftlichkeit unter den Juden und Entfernung des Anstandswidrigen ausden Gotteshäusern, dem großen Heere der bestehenden Gebräuche, woran die Angewohnheit sich so fest anklammert, seine Geltung zu lassen — und nur diesen eine bessere, rein ethische Gesinnung zu unterlegen. 6. Die wissenschaftlichen Rabbinen, welche bereits an der Spitze der gebildetesten Gemeinden stehen, führen gegenüber, der in kitzelnden Witzeleien sich ewig schaukelnden, gemächlichen Nonchalance ihrer sie verfolgenden Kollegen, ein vielbeschäftigendes, im Gebiete praktischer Wissenschaft und ihres geistlichen Berufes äußerst thätiges Leben, ohne höhere Einkünfte oder sonstige Macht zu beanspruchen. — Sie predigen leicht faßliche, geläuterte Moral am Sabbate, an den Festtagen, bei Trauungen und Sterbefällen. Sie sind häufig selbst Lehrer der Jugend, und führen diese konsirmirend in den Bund des Glaubens. — Thatkräftig unterstützen sie und fördern jeden reden bürgerlichen Nahrungszweig in ihren Gemeinden — und sind wahre würdige Vertreter und Verfechter jüdischer Angelegenheiten. — Aber auch in ihren Lehren spricht sich nicht btos das Erleichterungs - und Bequemlichungsprincip aus. Viele der bisher hintangesetzten Ceremonien suchen sie zu erhöhen — und erkennen es nicht minder, daß Israel vermöge seines religiösen Berufes dieAufgabe hat, durch eine gewisse, Geistund Herz erhöhende Symbolik, sich als die Träger und Verkünder der unverfälschten Offenbarung zu manifestiren. — 1-1. Groß ist der Kampf, den die vorhabende Läuterung der jüdischen Lehre zu bestehen hat. Graue Vorurtheile und blinder Aberglaube, der auf das alte Unwesen beschränkte Broderwerb, die Angewöhnung und der Trotz, der Materialismus der Zeit — und die sogerne besondere Geltung genießende Ignoranz, stehen sammtlich gegen dieselbe gerüstet, größtentheils sich der schmählichsten Waffen bedienend. Aber auch außerhalb der Iudenheit ist hie und da das Bestreben rege, dem morschen Gebäude keine neuen Stützen geben zu lassen, damit dessen Bewohner früher oder später es verlassen müssen — und damit sie das traurige Loos verdienen sollen, welchem sie preisgegeben sind. —- Mag aber hier Kleingeisterei und Gemeinheit das Gute zu untergraben ausgehen, und dort die Macht des Bösen sich der heiligen Aufgabe entgegen stemmen; — Gottes Rathschluß trügt nicht und ist nicht zu vereiteln. Die Erde muß der Erkenntniß des Wahren voll werden, wie das Meer des Wassers voll ist! Papa 19. April 1845. Personalchronik und Miseellen. Berlin. Das Werkchen von Dr. Sachs über die spanischen Dichter wird nächstens die Presse verlassen. Dem Gerüchte nach soll es ein vortreffliches Büchlein werden. Das Werk von Dr. Zunz, das den Titel führt; „zur Geschichte und Literatur der Juden in Deutschland und Frankreich im 12. u. 13. Jahrhundert" wird natürlich wie Alles was Zunz schreibt eine Zierde werden. — Frankfurt a. M. Gegen eines der Aktenstücke über die deutsch - jüdische Kirche, Dr. Geiger betreffend, wird nun eine heftige Polemik geführt im hiesigen Journal. — Vermischtes. Das Journal des Debats verspricht einen Aufsatz des bekannten franz. Reisenden d’Abbadie über die abyssinischm Juden nächstens zu liefern. — Die Hamb. N. Zeit, vom 18. April sucht in einem von der Ostsee datirten Schreiben 'zu beweisen, daß die 77 Rabbiner, welche gegen die Rabbinerversammlung protestirt haben, mit sich selbst in Widerspruch gerathen sind, wenn sie die politischen Beschlüsse ihrer Gegner für sich bindend erklären und dabei nicht einsehen, daß der Talmud, der nach ihnen volle Gültigkeit behalten soll, von der Anerkennung aller Nichtjuden als Brüder nichts wissen wolle. Zur E man cipatio nsfrage in Preußen. In der Sitzung des Landtages der preußischen Provinz Sachsen zu Merseburg vom 19. März wurde die Petition der Magdeburger Behörden für die Gleichstellung der Juden mit allen gegen 4 Stimmen verworfen. Die bei dieser Gelegenheit vorgebrachten Gründe laufen auf folgendes hinaus: Wir haben uns die Juden bisher vom Leibe behalten; Daher sind die Juden uns fremd geworden oder geblieben; Folglich wollen wir sie uns auch in Zukunft vom Leibe halten. Probatum est. — Die preußischen, rheinischen, schlesischen, posenschen und brandenburgischen Stände sind freilich anderer Meinung gewesen, aber der protestantische „Geist" (?) der Sachsen und ihrer Vertreter kümmert sich einmal um Recht und Vernunft nicht. Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.