Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1845)
- Date
- 1845-05-21
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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165 Herstellung des mosaischen Deismus vernehmen und schließt damit, daß die Juden sich erst selbst emancipiren müßten, bevor sie vom Staat emancipirt werden könnten. Der Mann meint es jedenfalls gut mit seinem Volke; wir aber, die wir die hiesigen Juden genau kennen, glauben doch nicht, daß ihm sein Werk gelingen werde, und zwar aus folgenden Gründen. Wir zählen eine israelitische Bevölkerung von circa 9000 Seelen, dem Bekenntnisse nach sämmtlich Talmudisten, wenngleich nur sehr Wenige eine genauere Kenntniß vom Talmud haben. Sie spalten sich ganz schroff in Reactionaire (Altgläubige) und Reformisten (Liberale); jene heißen auch „Schwarze", diese „Weiße". Zu jenen zählen der Oberrabbiner, die Synagogenbeamten, die Prediger, der größere Lheil der altern Generation und einige wenige Jüngere aus der niedrigsten und unwissendsten Klasse; sie sind durchweg bornirte Fanatiker und jedem Fortschritt abhold, gänzlich unwissend, ohne äußere Bildung, und größtenteils ekelhast schmutzig. Die Liberalen dagegen unterscheiden sich äußerlich fast gar nicht von den Christen; sie achten nicht auf die Lehren des Talmuds, den sie kaum kennen, wie sie überhaupt nur den dürftigsten Religionsunterricht genossen haben; sie sind Vernunstgläubige, das Positive der Offenbarung für überflüssiges Beiwerk der Religion haltend, das nur der Hierarchie zur Stütze diene; sie haben meistens christliche Unterrichtsanstalten besucht, haben einen ziemlichen Bildungsgrad, achten Wissenschaft und Kunst und streben nach geistiger Vervollkommnung. Die Interessen des religiösen Glaubensttreten aber nur bei den Wenigsten so lebhaft hervor, daß sie bereit wären, für sie ein Opfer zu bringen oder wohl gar ihre äußere Stellung zu gefährden; sie sind dergestalt in Materialismus befangen, daß sich dem durchaus Alles unterordnet. Die Schuld davon trägt die Mangelhaftigkeit ihrer religiösen Erziehung und die überaus dürftige religiöse Erbauung, die sie in ihren Synagogen finden. Sie haben zwar Prediger, und darunter einen von einem gewissen Ruft, Hrn. Pleßner; allein diese sind entweder kalte, nüchterne Exegeten, die den Verstand und das Herz leer lassen, oder es sind, wie der Letztgenannte, bombastische und verworrene Deklamatoren, die bunte Bilder wie in einem Guckkasten vorüberführen, aller Klarheit der Ideen und aller logischen Konsequenz der Entwickelung aber völlig bar sind. Die Gemeinde hört den poetischen Wirrwarr mit an und trägt davon so wenig nach Haus, als hätte sie eine chinesische Rede angehört. Wo sott da die religiöse Erhebung Herkommen? Darum glauben wir auch nicht, daß die Reform bei uns Boden gewinnen werde; wenige, gewiß sehr wenige unserer Israeliten werden bereit sein, der Religion wegen sich irgend Unannehmlichkeiten im Gemeindeverband auszusetzen oder der Verbreitung der gereinigten Lehre erhebliche Geldopfer zu bringen. Sechs Tage der Woche ist der Jude angestrengt in seinem Berufe thätig', und am siebenten will er Ruhe und Ergötzung; zu einer religiösen Reformation ist daher bei uns wenigstens die Zeit noch nicht gekommen. (D. A. Z.) xm. Berlin, 8. Mai. (Privatm.) Heute Abend fand im Saale des englischen Hauses die General-Versammlung derjenigen jüdischen Männer statt, welche sich zu einer Reform ihrer Religion vereinigt hatten. Es waren zu derselben auch eine beträchtliche Anzahl von Nichtmitgliedern, unter ihnen auch einige Christen erschienen, und die Versammlung durste wohl aus 3 - bis 400 Personen bestanden haben. Bereits im März d. I. hatten sich, wie diese Zeitung auch s. Z. gemeldet, mehrere Männer zur Begründung jener Reform vereinigt/ und später, etwa zu Anfang v. M., einen Aufruf an die deutschen Glaubensbrüder erlassen, dessen wesentlicher - Inhalt — Abschaffung veralteter Formen, ohne „Losreißen von der bisherigen Genossenschaft" — gleichsam in diesen Blättern enthalten war. In der heutigen General- Versammlung wurden nun die Stimmzettel zur Wahl eines definitiven Vorstandes abgegeben. Zuvor richtete eines der Mitglieder des provisorischen Comitö's einige Begrüßungsworte an die „Sinnesgenossen", dann erhob sich ein anderes, um eine längere Rede abzulesen, aus der man erfuhr, daß die erste Vereinigung von 28 Männern, welche sich im Ganzen und Einzelnen vom Talmud zuvörderst losgesagt, bis zum heutigen Tage auf 240 hierj in Berlin gestiegen sei, wozu aus dem übrigen Deutschland im Laufe von fünf Wochen noch etwa 100 gekommen seien. Diese Zahl habe sich nur in Folge des Aufrufs gebildet, den die hiesige Vossische und die Deutsche Allgem. Zeitung wörtlich mitgetheilt. Das Comlto selbst habe nichts dazu beigetragen, als -—persönliche Mittheilung. Ueber diese anscheinend kleine Zahl in Berlin, mit seinen 15- bis 1600 Familienvätern dürfe man sich nicht wundern; denn die Berliner Juden beständen 1) aus freilich nur sehr wenigen Orthodoxen, die ihr höchstes Glück noch in der strengen Beobachtung.der veralteten Formen fänden; 2) aus solchen, die aus verwandtschaftlichen Rücksichten durch den Beitritt zur neuen Genossenschaft die ad 1 genannte Kategorie nicht kränken wollten; 3) aus Indifferenten und solchen, die überhaupt von keiner positiven Religion etwas wissen wollten; 4) aus vielen „ehrenwerthen" Handwerkern, die die Kundschaft der Orthodoxen nicht verlieren wollten. Auch wurde im Laust der Rede noch angeführt, daß „das Sceprer" der Gemeinde sich in den Händen der Orthodoxen befinde. Daß auch mehrere Unterzeichner des Aufrufs ihre Unterschrift zurückgenommen, erfuhren wir aus dieser Darstellung nicht; muthmaßlich waren wir also über diesen Punkt falsch berichtet. Dagegen erfuhren wir, daß der Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten Exc. Hrn. Dr. Stern, in einer diesem bewilligten Audienz erklärt habe, daß die angeregte geistige Bewegung ausströmen und daß dieselbe den Kampf weder suchen noch scheuen müsse. Ferner erfuhren wir, daß mehrere gelehrte Rabbiner, uurer ihnen auch der Ober-Rabbiner von Dresden, Hr. Dr. Frankel, sich bereits günstig über die Tendenzen der Reform ausgesprochen, die auch in den Ansichten