Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1845)
- Date
- 1845-05-14
- Page
- Seite 157 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 157 - läßt, welche nicht unter diese Rubrik zu bringen wäre. Mögen nun die gebildeten Rabbinen durch Wort und That sich Vertrauen zu verschaffen suchen und nicht im Sturmschritt alles niederschmetternd sie würden dann in die Orthodoxen kein Hinderniß, vielmehr die kräftigste Unterstützung finden. Man könnte allerdings fragen, warum die Orthodoxie nicht auf eigner Faust Reform re. eingefnhrt; die Lösung dieser Frage Haben wir uns jedoch für jetzt nicht zur Aufgabe gestellt, behalten uns dies für ein andres Mal vor, wollten jetzt aber nur diesen Gegenstand in der Fassung/ wie ihrr-mehrerwähnter Artikel giebt, beleuchten. Geniicanus. Frankfurt, 27. April. (Aus einem Frkfl Journal.) Die Selbstkonsticuirung der Bra u nschw ei g er Rabbinern er sam m lu n g einerseits und die andrerseits von mehreru Rabbinern gegen letztere eingelegte Protestation haben nachgerade die Aufmerksamkeit vieler Israeliten auf sich gezogen, welche es mit ihrer Ruhe wie mit ihrer Gewissensfreiheit gleich unverträglich finden, fortwährend in die Strömungen theologischer Kontroversen und Parteiungen hineingeriffen zu werden. Sie fühlten sich daher veranlaßt, vor einigen Tagen in nachfolgendem Aktenstücke ihre Unabhängigkeit von aller bisher dem Judenthum fremden hierarchischen Autorität sowie ihre Abneigung gegen jede Art kirchlicher Spaltung in ihrer Mitte zu verwahren und an den Tag zu legen: -„Verwahrung.. Nachdem im Juli v. I. 23 Personen, größtenteils Rabbiner kleiner Landgemeinden, ohne irgend eine Vollmacht oder ein Mandat zu solchem Zwecke je erhalten zu haben, aus eigenem Antriebe in Braunschweig zusammengetreten, sich, weil sie in Deutschland ansässig sind, den vielsagenden Namen „d e u (sch e Rabbinerversammlung" anmaßlich beigelegt und darauf verschiedene Beschlüsse durch Stimmenmehrheit gefaßt und andere für eine nächste in Frankfurt a. M. abzuyaltende Versammlung vorbereitet haben, und nachdem hierauf von einer Anzahl Rabbiner Deutschlands, denen sich noch viele Rabbiner Ungarns und Hollands angeschlossen eine Verwahrung gegen die Beschlüsse jener s. g. „deutschen Nabbinerversammlung" unterzeichnet und veröffentlicht worden^ so erklären wir, die Unterzeichneten, daß alle diese und ähnliche Schritte, welche weder in der Verfassung der Synagoge noch im Eivilrecht irgend eine Begründung finden und nurZwietracht und Zersplitterung im Schooße des ohnehin. minderzä'hligen Judenthums stiften und befördern können, unserm Willen wie unserer Ueberzeugung stets fremd geblieben, daß die jüdische Religionserkenntniß , weit entfernt, in Einzelnen oder im Ganzen der Ausfluß irgend welcher hierarchischen Autorität zu sein, lediglich aus den Allen zugänglichen historischen1 Schriftquellen geschöpft wird und daß wir somit jede innerhalb unserer Glaubensgenoffenschaft aufstrebende neue geistliche Ma cht ebenso verwerfend, wie in und von der Synagoge eine Ordin ation und ein Priesterstand seit dem dritten Jahrhundert nirgends mehr anerkannt wird, für uns und die Unsrigen gegen alle und jede usurpa torische V ersammlung, deren Kompetenz wir als eine nicht vorhandene erkennen, feierlichst protestiren und die Beschlüsse derselben, als eigenmächtig und in jedem Betracht ungiltig, soweit solche uns betreffen können, unbedingt als null und nichtig angesehen und in keiner Weise gesonnen sind, die von der Versammlung selbst sich beigelegten oder noch etwa beizulegenden Eigenschaften irgend anzuerkennen, oder uns deren Aussprüchen je zu unterwerfen." (Folgen die Unterschriften.) Die ersten. Regungen . einer deutsch - judischeu Kirche. x. Der Frankfurter Reform-Verein und die dentsch-jnd. Reform in Berlin. Berlin, 2. Mai. Die hiesige Reformbewegung unter den Juden hat keinen leichten Standpunkt, und mit nicht geringen Schwierigkeiten hat sie zu kämpfm, um nur einigen Raum und Boden für sich zu finden. Es ist nicht blos die Orthodoxie des Judenthums, welche sich ihr entgegenstellr, noch gefährlicher ist für sie der Jndifferentismus, die Kühlheit, das Achselzucken, womit sie in vielen jüdischen Kreisen ausgenommen wird, der Zweifel, daß bei ihrem Bestreben etwas herauskommen werde. Wir haben hier in Berlin ein Judenthum, welches sich Ln dem Bekenntnlß der Freigeisterei den orthodoxen Elementen gegenüber gefällt, und dieses Judenthum meint, daß mit einer solchen Reform nichts gewonnen werden könne. Es will eigentlich gar keine Religion, zum Theil ist es ganz und gar materialistisch, zum Theil ist cs, im Contraste mit der modernen Philosophie, vollkommen skeptisch geworden. Wenn die Orthodoxie die Reform anfeindet, weil sich dieselbe vom Talmud lossagen will, so ignorirt der Skepticismuß diese Reform, weil sie nach positiven Haltpunkren sucht. Zu einer Religionsreform gehört Feuer und Liebe; diese beiden Elemente aber scheinen dem Judenthum abzugehen, und dadurch muß jede großartige Reform unmöglich werden. Die Orthodoxie beharrtauf einem kalten, lieblosen Dogmatismus, und der Skepticismus, ihr gegenüber, ignorirt eben so kalt und lieblos, was sich daran abmüht, eine neue Gestaltung, ein neues Leben innerhalb des Judenthums zu schaffen. Diese Zustände sind es, welche die Ausbreitung der Reform bedenklich machen. Mit großem Interesse hat man aber in den hiesigen Resormkreisen die Rede ausgenommen, welche der Schriftsteller Ludwig Wihl zu Frankfurt in der Versammlung der dortigen Reformfreunde