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Der Orient · 1845-05-07 · 19 (7.5.1845) · p. Spalte 297-298

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Journal
Der Orient
Volume
1845
Issue
19 (7.5.1845)
Date
1845-05-07
Page
Spalte 297-298 (sequence 5)
Language
German
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295 Kritiken. Kurze Anzeigen 298 blind für die göttlichen Aufträge". — Der Prophetenstand kann hierunter unmöglich verstanden werden, in sofern es unstatthaft ist anzunehmen, daß ein Prophet sich selbst das Urtheil spreche; anzunehmen aber, daß der redende Prophet von der allgemeinen Verderbniß des Prophetenstandes eine Ausnahme mache, und mithin von der fraglichen Rüge nicht getroffen werde, — ist um so weniger zulässig, als die betreffende Klage dann ganz überflüssig erscheinen müßte, da es ja nicht darauf ankommen kann, wie viel Individuen der Prophetenstand zähle. Es muß also eingeräumt werden, daß in der fraglichen Stelle das Volk gemeint sei, allein dann bleibt nicht minder schwer zu begreifen, wie ein für Gottes Auftrag taubes und blindes Volk und 'fl genannt werden könne. Nur unsere bereits erwähnte Unterscheidung zwischen einem subjektiven und einem objektiven 'fl kann hier Licht in das Chaos bringen. Gemeint wäre demnach das Volk, und zwar in 5pinsicht sowohl wie es i st, als auch wie es von Rechtswegen sein sollte: es i st — blind, — sollte aber sein ein Knecht Gottes; es i st — taub, — sollte aber sein ein Bote des Herrn. Die fragliche Stelle wäre sonach zu übersetzen: „Wer anders ist blind, als Er, Der mein Knecht sein sollte? — Wer anders ist tckub, als Er, Den ich als Boten senden soll? — Ja, wer anders blind, als Er, Der vollkommen sem sollte? — 'Wer anders, als Er, Der sein sollt' ein Knecht des Herrn?" — (Fortsetzung folgt.) Kürze Anzeigen. 19) Blüthen rabbinischer Weisheit nach den besten Bearbeitungen zu einem volkstümlichen deutschen Lesebuche für Schule und Haus gesammelt von Dr. H. IoLowicz, israel. Prediger. Thorn 1845. Druck und Verlag von Ernst Lambeck. 8. S. 88. Schön gedruckt und drosch. Preis 6 gGr. Durch nachstehende Selbstanzeige will der Verfaffer, sich mit dem lesenden Publikum über Zweck und Plan des überschriftlich genannten Büchleins verständigen. Ein Jahrhundert ist beinah verflossen, seit dem die ersten*) „Proben rabbinischer Weisheit" dem größer» deutschen Publikum im dritten Bande der. „neuesten Mannigfal¬ *) Herr Prediger I. N. Mannheimer in Wien irrt, wenn er glaubt, die ersten Proben rabbinischer Weisheit seien durch Engel's „Philosophen für die Welt" veröffentlicht worden; er scheint die „neuesten Mannigfaltigkeiten" nicht zu kennen. — tigkeiten" vorgelegt worden sind. Diese Proben fanden zur Zeit solchen Beifall, daß selbst die ersten literarischen Persönlichkeiten des vorigen Jahrhunderts einen gewissen Ruhm darin setzten, die naive und doch kunstvolle Form jener morgenländischen Erzählungen, Mythen, Sagen, Parabeln und Fabeln in der geschmeidigen Muttersprache wiederzugeben. Die Aufgabe war aber allerdings schwieriger, als man für den ersten Augenblick meinte, und es beweisen dies genugsam noch viele aus jener Zeit in manchen Raritäten -Kabineten aufbewahrte übereilte Misgeburten schlechter Übersetzungen rabbinischer Erzählungen rc., durch welche sowohl der dichterische Gehalt, als die befruchtende Gestaltung der rabbinischen Poesien verloren gegangen, deren Mora! verwässert worden und die ehrenwerthesten rabbinischen Persönlichkeiten zur Karrikatur geworden sind. Natürlich konnte es nicht auöbleiben, daß die Fluth derartiger Machwerke das größere Publikum zu der verkehrtesten und schiefesten Beurtheilung der Fundgruben rabbinischer Weisheit, so da sind: Talmud und Midrasch, fortriß, aber Dank der fortgeschrittenen geististigen Entwickelung der neuesten Zeit, daß sie uns von solcher Verkehrtheit zurück und zu der Einsicht gebracht, mit dem unsterblichen Herder zu sahen: „So manche Aussprüche und Parabeln der Rabbiner, die sich auf die feinsten Bemerkungen gründen, wird irgend ein Verständiger sie ohne Achtung lesen? dem Pöbel der Schriftsteller zwar waren oft die sinnreichsten Parabeln aus Haß und Verkehrtheit bald lächerlich, bald verächtlich; woher aber? weil er in ihnen (von allen ist nicht die Rede) den Sinn nicht faßte und sich an die oft kindisch scheinende Einkleidung muthwillig hielt. Daß endlich einmal diese Turlipinaden des Judentums aus ihren Märchen aufhören, will zur Ehre christlicher Nationen selbst der fortschreitende Geist der Zeit, der auch die Albernheiten einer, abgeschränkten Schule lieber zu erklären sucht, als daß er sie grob verhöhne" (Adrastäa, Th. 2, S. 232° Ausgabe 1829). Ja, die in der neuesten Zeit von anerkannt guten Schriftstellern vielfach erfolgte Bearbeitung rabbinischer Poesien zeugt und bürgt dafür, daß man endlich doch zur Ueberzeugung gekommen, auch in diesen alten orientalischen Dichtungen seien die Gänge des menschlichen Geistes zur Freiheit sichtbar, auch in ihnen sei eine beherzigenswerte Moral zu finden, auch sie enthalten den Schlüssel zu den sonst geheimnißvollen helleren oder trüberen Gtaubensansichten. — Es liegt aber in der Natur der Sache, daß trotz der in neuester Zeit gewonnenen richtigen Erkenntniß von den rabbimschen Poesien, es doch nicht jedem Bearbeiter gelingen konnte, all' und jede Weise jener Dichtungen glücklich und geschickt wiederzugeben; vielmehr fanden nach ihrer wesentlichen Verschiedenheit und Besonderheit, Mythe und Sage, Fabel und Parabel, Mähr' und Erzählung re. ihre verschiedenen und besonder» Bearbeiter. Aber eben deswegen glaube ich durch diese, meine erste Sammlung: „Blüthen rabbinischer Weisheit" in welcher zwar, zur Weckung des Selbst- und Nachdenkens, ohne Ueberschrist, aber nichts desto weniger dem!

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