Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 19 (7.5.1845)
- Date
- 1845-05-07
- Page
- Spalte 291-292 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8555529-9897698-9897719--4019-3531271- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
289 Studien. Die Aufschrift des 3. Psalms. zu bringen; müssen aber -och das Verdienst anerkennen, das sich der Verfasser dadurch erworben hat, daß er seinen Glaubensgenossen die Fabeln und Abentheuer des Königs Arthur von Britannien, dessen Krr'egszüge und Tafelrunde von den Dichtern so vielfach besungen wurden, in einem heitern, Frohsinn erregenden Gemälde vorgeführt hat, um so mehr, als demselben, wie dem Nibelungen-Liede, eine Liefe Weisheit und Moral zu Grunde liegen soll; denn unter den besungenen Helden seien die guten Regenten und Erretter der Unterdrückten, unter den Niesen, Drachen und Lindwürmern seien Tyrannen, Mörder und Räuber, und unter den fleißigen Zwergen die Unterthanen zu verstehen, welche mit Klugheit und Treue Gesild und Gebirg cmgebaut hätten,'deren Edelsteine Kraft und Stärke, deren Nebelkappen ihre unsichtbare, aber fühlbare Besonnenheit, und deren Berge und Höhlen ihre Vorsicht und Behutsamkeit bedeutet haben sollen. Da die poetische Produktivkraft erloschen war, so wurden auch gereimte Uebersetzungen hebräischer Lieder veranstaltet. So liegt mir ein in jüdischen und deutschen Lettern gedrucktes Klagelied über den von Vincenz Fettmilch im Jahre 1614 zu Frankfurt a. M. angeregten Aufruhr vor. Da das Titelblatt fehlt, so kann ich zwar den Verfasser nicht angeben; es ist aber dieses in Oktaven geschriebene Lied wahrscheinlich die von Wolf (ßiblioth. Jiebr. I, pag. 142, und UI, p. 91) erwähnte Übersetzung der im Anhang zum Zemach David mitgetheilten Elegie von Elchanan Sohn Abraham Helen, aus welcher folgende Strophe hier eine Stelle finden möge; nnp' dw mp DO'inn Möpn arm:» nropn rran uVi a'pn iranp rm nt? U'n^N hx cmrot» ßta Drape norte •bj rum nrt'NJt? rnntt mm *■ nun to liow mu Ein Theil frommer Weiber, Noschim jekoros, Ihre liebe Kinder sie Mitnahmen, Legten sich auf das Bes hakkevoros, Hie wöllen mir sterben mit asamen Auch ein Theil Cufen heim zu Haus, Und holten ihre Spies und Schwerter, Leicht schlagen wir sie wieder ercms, Eh der Krieg wert lenger herber. Das Lied wurde nach der Melodie des Liedes von der Schlacht vor Pavia, welche im Jahre 1525 zwischen Franz L, König von Frankreich, und Kaiser Karl V. vorgefallen ist, gesungen. Demnach hatte sich die Gesangweise bei dm Israeliten länger als ein Jahrhundert erhalten, nachdem sie bei den Christen längstens schon vergessen, oder durch neue Melodien verdrängt sein mochte. Bei dem Mangel der ästhetischen Ausbildung der Israeliten konnten sie auch 290 keine Original-Melodien komponiren, sondern es mußten den Liedern schon vorhandene Gesangweisen unterlegt werden, laut coiiime chez nous — da die Vorsänger die Synagogen-Poesien wie die Wachtparadenmärsche oder Markorgellieder oder Gassenhauer oder auch Operngesänge vortrugen. Nur die Polen waren originell in ihren Gesangweisen nach ihrer grotesken Manier des Vortrages, welche durch den Marsch der israelitischen Nationalgarde in Warschau (Marszt starozakonnych Gwardyi Narodowej) sehr richtig bezeichnet wurde. — 2. Die Aufschrift des 3. Psalmes. Die israelitische Kritik beschäftigt sich gegenwärtig mit der Untersuchung über Werke dMmittelalterlichen Literatur; eine biblische Kritik aber haben wir noch nicht. Denn theits hält die heilige Scheu vor der geoffenbarten Schrift von der zerstörenden Forschung zurück, und theils wagt man es nicht, die auf solchem Wege der Forschung erlangtenResultate öffentlich mitzutheilen, weil die Rabbiner auf die Gemeinden, zu welchen sie in Verhältnissen stehen, Rücksicht zu nehmen haben. Selbstständige Professoren haben wir nicht, und die äußerst wenigen Literaten, die in keinem Amte stehen, haben wenigstens auf das lesende Publikum Rücksicht zu nehmen, wenn sie die ohnedieß sehr schwache Theilnahme nicht ganz verscherzen wollen. Früher zwar regte sich auch bei uns der Geist der biblischen Kritik, aber, wie es bei jedem Uebergange der Fall ist, mit zu rascher Uebereilung und Anmaßung, so daß selbst von de Wette z. das Verfahren von Lazarus Ben-David, der von Kant'schen Ansichten übersprudelte, als unkritisch bezeichnet wurde. So sind wir einzig und allein auf die Kritik der protestantischen Theologen angewiesen, welche rücksichtslos den Boden unserer heiligen Schriften mit ihren Messern und Dolchen unterwühlen. Man sollt daher diesem Unwesen entgegenarbeiten, was aber nur mit ruhiger Besonnenheit geschehen darf, denn überspannter Eifer führt nie zum Ziele. Es sei mir erlaubt, beispielsweise den Psalm 3 mit seiner Aufschrift in Einklang zu bringen. Nach derselben hat David diesen Psalm auf der Flucht vor Absalom gesungen. Der Inhalt aber scheint mit dieser Situation.nicht in inniger Beziehung zu stehen, denn der Psalm enthält keinen einzigen Ausdruck der gekränkten Vaterliebe, keine Klage über die Treulosigkeit des. geliebten Sohnes. Schon der Talmud (Berachot 7, b) findet es auffallend, daß der Psalm als und nicht atö.n^p bezeichnet wurde, und protestantische Kritiker wollen die Ueberschrift als unecht erklären, und den Psalm mit anderen Situationen in Einklang bringen (Paulus, im Clavis, de Wette Commentar u. A.). Es läßt sich jedoch die Ueberschrift mit dem Inhalte aus psychologischen Gründen in Verbindung bringen. David hatte nämlich eine besondere Vorliebe für seinen Sohn, was sein schmerzlich rührender Ausruf beweist, als er die Kunde von dessen Tode erhielt (Sam. II. 19, 1). Manches schwache Vaterherz