Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1845)
- Date
- 1845-05-07
- Page
- Seite 148 (sequence 7)
- Language
- German
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148 dieser Antrag einstimmig von der Kommission anfge- \ nommen worden. v. Scheurlen (Präsident des evang.Konsistoriums) beantragt hinsichtlich der Behandlung israelitischer Strafgefangerwn, daß das, was die Kommission. voraussetze, gegen die S ta atsregierung ausgespro chen werden möchte, indem die Israeliten das Gebot der Feier des Sabbats als ein von Gott selbst gegebenes allsehen. Ehef des Justizdepartements Gch.-Rath v. Pr lese r: Die israelitische Oberkirchenbehörde hat sich für die Hausordnung erklärt. Freiherr v. Hornstein spricht sich für v. Scheurl e n s Antrag aus; denn die israelitische Oberkirchenbehörde kann keine Erlaubnis) zum Arbeiten an Sabbaten ertheilen. Nachdem noch Holzinger, Rettenmair, Prälat v. Fab er u. a. m. sich für den Antrag des Abgeordneten v. Schenkten, gegen die Staatsregierung auszusprechen, daß israelitische Sträflinge zur Arbeit an Sabbaten und Feiertagen nicht veranlaßt werden können, ausgesprochen, wird er durch Zuruf angenommen. Breslau, 28. März. Wenn wir auf der einen Seite der christlichen Religionsgemeinschaft das bedauerliche Streben wahrnehmen, bei der Stabilität alter Dogmen und Koneilienbefchlüsse verharren zu wollen und damit sich abzuschließen gegen Alles, was die Anforderungen der Zeit und der Toleranz gegen Andersdenkende unabweisbar mit sich bringen; wenn wir andern Theils wiederum auch ein vereintes, brüderliches Hinarbeiten und Losdrängen auf eine allgemeine Association religiöser Ideen und sittlicher Thatkraft mit Freuden bemerken und von Tag zu Tag aufmerksam mit dem Blick in die Geschichte gegenwärtiger Entwickelung verfolgen: so muß es uns doppelt wohlthun, auch noch in anderer Beziehung das rüstige Fortschritts leben unserer Tage sich regen zu sehen, was in der That unser Stolz ist und die Gewähr in sich bürgt, recht angewendet, binnen weniger Deeennien vielleicht Resultate zu erzielen, die wir noch unlängst kaum geahnt hätten, und welche Jahrhunderte uns zu bringen nicht im Stande waren, noch sein werden, wofern wir diesen herrlichen Moment, so zu sagen, in der wahren Humanität einen unabsehbaren Sprung zu machen, unbenutzt vorübergehen ließen. — Daß auch das Judenthum am Rhein und an der Spree seiner Emaneipation dadurch in die Hand arbeitet, daß es sich selbst mehr und mehr zu emancipiren sucht, und welche zweck- und zeitgemäßen Verbesserungen auch in der hiesigen großen Synagoge erfolgt, und wie bedeutende Reformationen man noch im Sinne hat, davon haben wir erst kürzlich in bm Tagesbtättern gelesen. Aber Fortschritte, die vor unserw Augen bereits gemacht worden und die vielleicht gerade darum, weil sie uns zw nahe liegen, weniger beachtet und geschätzt werden, bedürfen noch genauerer Erwähnung und Darlegung, und wir glauben jene nicht besser ins Publikum zu bringen, als wenn wir den Eindruck mit Wenigem schildern, den der Gottesdienst im Judentempel am Oster- Sonnabend auf uns machte. Der neue, freilich zugleich sehr leicht erbaute Tempel der hiesigen Gemeinde bietet mehr den Anblick einer Kirche mit seinen Bankreihen, Chören und der Erhöhung für Sänger und Redner dar, als den einer finstern Synagoge, und beim Eintritt muß dem Fremden sogleich die stille Andacht der vor ihren Gebetbüchern Sitzenden, sich besonders vortheilhast bemerktich machen, wenn man damit die frühere Unruhe und das laute Gemurmel der Andächtigen vergleicht. Vor Allem herzerhebend war aber der frische , vierstimmige Chorgesang unter Leitung eines unlängst aus Wien berufenen tüchtigen Cantors, der, selbst mit einer sonoren Tenorstimme begabt, die Gebete und Litaneien mit einer Sicherheit dirigirte und einzelne Stellen davon selbst mit solchem Geschmack vortrug, wie ich, das Hebräische abgerechnet, sie kaum von einer andern, an Zahl so geringen Kapelle habe ausführen hören. Darauf folgte ein allgemeines (deutsches) Gebet, vom Rabbiner von der Estrade der Sänger aus gesprochen, was durch und durch Menschenliebe athmete, ohne allen jüdischen Partikularismus, wobei nach den einzelnen Bitten der Chor mit seinem gewichtigen „Amen! " zwischen durch einsicl. Ebenso zweckmäßig fand ich es, als vor dem Beginn der eigentlichen Predigt, zu der sich der Tempel mehr und mehr mit Zuhörern füllte, durch den Rabbiner die nöthigen Bekanntmachungen über Ereignisse in der Gemeinde z. B. Todesfälle, Trauungen k. k urz u n d mit b l o ß e r An f ü h r u n g des N amen s der Betreffenden verlesen wurden. Die Rede des Rabbiners selbst war eben so von Innigkeit, als dem wahren Geiste der Humanität und des Fortschrittes durchdrungen. Er zeigte nach dem Texte: „Alles hat seine Zeit", wie zwar von jeher das Volk Gottes in Israel sich stets nach einer schönem Vergangenheit zurückgesehnt und auch von der Zukunft die Erfüllung solcher Sehnsucht immerdar gehofft habe, wie es aber statt dessen dringende Pflicht für dasselbe sei, lieber in das rege religiöse Leben der Gegenwart thatkräftig ein zu greifen und sich zu betheiligen an den Fortschritten zum Bessern und au der allgemeiuenVereinigung der aufgeklärtesten Geister in der wahren Menschen- und Bruderliebe; wie es eben die Zeit auch unabweisbar fordere, sich nicht abzuschließen vor den übrigen Kindern des himmlischen Vaters, sondern einzutreten in den großen Bruderbund der Menschheit, was nur durch Mitwirken für das Wohl Anderer und durch Aufgeben Alles dessen möglich sei, waö der Zeit verfallen und auch in jüdischen Gebräuchen zur bloßen Form ge-