Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 18 (30.4.1845)
- Date
- 1845-04-30
- Page
- Spalte 283-284 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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283 Kritiken. Kurze Anzeigen. 284 Ein Schritt, und das unrühmliche Bestreben im Namen der Aufklärung und des Fortschrittes aus früherer Zeit überkommene- Institutionen zu verdächtigen und herabzuwürdigenliefert dazu oft die sprechendsten Belege. So viele noch bestehende religiöse Institutionen haben ihren Ursprung in einer fernen Zeit, welche mit aller harmlosen und unbekümmerten Naivetcit ihres einfachen Sinnes für ihre religiöse Empfindung, den unmittelbarsten Ausdruck, die zunächstliegende Einkleidung wählte. Immer ist es dann eine von dem religiösen Inhalt erfüllte Form, .der noch jede Ahnung von einer Mißdeutung, wie sie ein späteres, verständig reflektirendes Geschlecht sinnreich zu erfinden weiß, fern liegt. Mag man es denn versuchen, solche Institutionen durch andere zu ersetzen, und so das religiöse Moment, das ihren Inhalt bildet, für die Gegenwart zu retten, wenn sie selbst, wie man meint, unzulässig geworden, mag man unerbittlich ihre Lücken und ihre Mängel aufzeigen, und wie sie etwa der hochgebildeten religiösen Anschauung, auch wohl der erhabenen Selbstgenügsamkeit und Sorglosigkeit und dem titanischen Selbstgefühl widerstreben, nur mag es nicht ganz ohne jene Regungen geschehen, welche allein jedem Streben und jedem Verhältnisse die Weihe des echt Menschlichen geben —- nicht ohne Achtung und Liebe. (Königsb. A. Z.) Kurze Notizen und Miseelleu. Die Musik der Hebräer und ihr Derhältniß zur Dichtkunst. In einem sehr schönen und umfänglichen Aufsatz über die Stellung der Tonkunst zum Leben, den Dr. Lowositz unter dem bescheidenen Titel: Quartet-Unrerhaltungen der Gebrüder Müller" veröffentlicht, wird in geisireicher Weise über die Kunst der Töne bei den alten Völkern, namentlich auch über die Stellung der Tonkunst, zur Poesie, gesprochen. Schon früher hat dieser Gelehrte im Königsberger Literaturblatt Nr. 8 des Jahrgangs 1843 einen Aufsatz unter dem Titel: „Wort-und Tondichtung" geschrieben, der sehr viel Zntereffantes enthält. Wir heben nun aus dem Aufsatze den Passus, der für unser LB. von Interesseist, heraus. „Vor allen Völkern des Orients zeichneten sich die Hebräer durch einen überwiegenden, wenn man will, etwas einseitigen religiösen Spiritualismus aus, und eben so auch in der Kultur der Musik, die hier in ihrer mehr unmittelbaren Beziehung zur Innerlichkeit, zur Tiefe und zu dem begeisterten Aufschwung der Empfindung, der ganzen vorherrschenden Gemüthsrichrung vorzüglich entsprach ° . . . . Das Saitenspiel, so häufig gepriesen als Verherrlichung Gottes, erscheint auch selbst bei Einzelnen als eine selbstständige Macht, wie bei David vor Saul und bei dem Spielmann, den der Propher Elischa fordert, um den vor ihm versammelten Königen von Israel, Juda und Edom weissagen zu können. Damit übereinstimmend blühte bei den Hebräern auch nur vorzugsweise diejenige Dichtung, die zunächst nur der Innerlichkeit des Gemüths angehorig, allein einen musikalischen Charakter Hatz Epos und Drama, die mehr objektiven plastischen Dichtungen, blieben ihnen fern." — Kurze Anzeigen. 14) NQD (Einleitung zum Talmud). Von Hirsch Chajes, Kreisrabbiner in Zolkiew. 1845. 28 Bl. 4. (Fortsetzung.) Das Werk, des zHerrn Chajes ist bestimmt, die talmudische Tradition in ihrer äußersten und vollständigsten Konsequenz vorzuführen. Der Verfasser erkennt dieselbe in ihrer ganzen Ausdehnung als die einzige wahrhafte Norm des Judenthums an, und findet in den vorliegenden Quellen dieselbe rein von allen Schlacken erhalten, mntt nittpn rjJOl DVPD urvy Ä rrDDDl »TpJ (P.!1.), so daß wer diese Tradition nicht annimmt. nicht als zum Iudenthume gehörig zu betrachten, sondern zu Sadducäern und Karaiten zu rechnen ist. Die Nothwendigkeit der Tradition erweist er, gleich allen Vorgängern, aus den im Pentateuch enthaltenen chronologischen, numerischen und sonstigen Widersprüchen, welche nur die Tradition zu erklären weiß. Der Inhalt der Tradition wird nun folgendermaßen näher erläutert: 1) Sie giebt die nähere Erklärung solcher Gesetze, deren Uebungsart gar nicht im Texte steht, z. W. der 4 Gewächse zum Laubhütten-Feste, solche in die Hand zu nehmen, oder, wie einige Karaiten meinen zur Bedeckung der Hütte dienen sollen, oder welche Frucht gemeint sei; der Art der Verbrennungßstrafe wegen Inceste; der Art des Verbrechens einer Priesrertochter, welche wegen Unzucht densTobe verfällt, ob nur eine Verlobte, oder eine Verheirathete, oder eine Ledige, darunter zu verstehen; der Art des Viehschlachtens; des Fettverbores; des Btutverbotes; der Totaphot, u. a. Die Tradition verläßt häufig den Wortsinn der h. Schr., so beim Gesetz wegen der Zeit, Ungesäuertes vor Pesach wegzuräumen; ferner beim peinlichen Rechte der Vergeltung, Hand für Hand rc. wo die Tradition Geldersatz dafür anordnete; das Anspeien bei der Chaliza, wandelt sie in Ausspeien; das Nichtkochen eines Zickleins in der Muttermilch ist bei ihr ein Verbot, Milch und Fleisch zusammen zu kochen; der Morgen nach dem Sabat beim Omer, wird hier zum Tage nach dem ersten Pesachtage; das Ausbreiten des Tuches wegen Virginität, zur bloßen Darlegung einer Aussage; die Nichttödtung der Eltern mit den Kindern zu Nichttödtung derselben auf Zeugniß der Kinder, u. s. w. Ja, sie hebt oft geradezu den Wortsinn auf, und läßt ihn nicht gelten. Für die 40 Geißelhiebe setzte sie 39. u. s. w.