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Der Orient · 1845-04-30 · Heft 18 (30.4.1845) · p. Seite 143

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 18 (30.4.1845)
Date
1845-04-30
Page
Seite 143 (sequence 13)
Language
German
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143 dem Artikel in der. Breslauer Zeitung Nr. 78, wonach einige mit Ansichten einer Radikalreform des Iudenthums hervor- Lreten wollen, lobenswerth fand, bestand gerade darin, daß dieselben zugleich es bestimmt aussprechen, daß sie von der Gemeinde sich loszusagen nicht beabsichtigen, also keine schismatisch e n.Zwecke haben. Um sie vor solchen auch ferner zu bewahren habe ich gleichfalls den Plan, wonach sie sich in einer Denkschrift an die Rabbiner-Versammlung wenden wollen— was überhaupt Jedem unbenommen bleibt, — ,gut geheißen, indem sie damit ihre Wünsche gerade vor ein Forum bringen, das gewiß schismatischen Gelüsten abhold ist. In einer Zeit, in welcher schismatischc Bestrebungen um sich grei-* fen, muß der Rabbiner einen Versuch der Art nach Kräften zu verhindern bemüht sein, und dadurch, daß er die Männer extremer Richtungen nicht abstößt, sie zu einem ruhigen Verfahren hinleiten. Dies war mein Zweck bei meiner „Erklärung," die es bestimmt aussprach, daß ich auf dem Wege des allmäligen Fortschrittes wie bisher fortsahren werde. Einem solchen redlichen Fortschritte habe ich stets gehuldigt, den reinen göttlichen Inhalt des Judenthums in den Gemüthern zu befestigen, dadurch, daß er von den zeitlichen Schlakken gesondert werde, den religiösen Formen eine Gestalt zu geben, welche Leben und Gesinnung zu wecken geeignet ist, war und bin ich ernstlich bestrebt. Dafür zeugt meine bisherige Wirksamkeit und ich darf auf sie als auf eine Bürgschaft für mein ferneres Wirken Hinweisen. — Mit Bedauern ersehe ich freilich, aus Ihrer verehrlichen Zuschrift, daß meine Erklärung nüsdeutet worden. Ich müßte fürchten, daß einer zweiten Erklärung dasselbe Schicksal widerfahre und eine Diskussion entstehe, die dem Zwiespalte der Gesinnungen eine verderbliche Nahrung gäbe. Der Rabbiner aber, welcher es mit der Gesammtgemeinde wohl meint, dem das religiöse Leben Aller am Herzen liegt, er wird innerhalb der schroffesten Gegensätze, welche gegenwärtig in Leben und Wissenschaft sich geltend machen, vermittelnd, belehrend, anregend auftreten, er wird über den Parteien sich zu erhalten bemüht sein, und je schwieriger dies ihm in dem heftigen Drängen der Gegenwart ist, mit um so größerem Ernste muß er daran halten. Deshalb halte ich es für angemessener von einer weitern öffentlichen Erklärung abzustehen. Hochachtungsvoll verharrt Eines wohllöblichen Kollegii ganz ergebenster Dr. Abraham Geiger, Rabbiner. Breslau, den 11. April 1845. IX. Sendschreiben an das jSomtte der jüdischdeutschen Reform in Berlin. Sie haben, meine Herren, in Ihrem „Aufruf an die deutschen Glaubensbrüder" Worte ausgesprochen, welche die heiligsten Interessen des Judenthums betreffen und die Manchem die gefesselte Zunge gelöst. Sie haben die richtigen Accorde der Zeit angeschlagen, die dem charakterfesten Juden angenehm, dem zerfahrenen schrill und schreiend klingen. Daß Sie den wunden Fleck des Judenthums gezeigt, beweisen Ihnen die Verdächtigungen und Bannbullen, die bereits gegen Sie sich erhoben. Und konnte es anders sein! Welche Reform ist nicht aus einem hartem Kampfe emporgeblüht? Als Mose Sohn Amram's gegen das Heidenthum ankämpfte, als er das geknechtete Volk zu freien Männern machen wollte, da empörte sich die sklavische Masse und wünschte sich nach den liebgewordenen Fleischtöpfen zurück. Auch die Verehrer der Löschern Fleischtöpfe werden murren und brummen, auch sie werden die Gräber Egyptens der lebensfrischen Gegenwart vorziehen. — Als Mose Sohn Maimun's seine „Leitung der Irrenden" geschrieben hatte, erhob ein Heer von Zeloten ein Zetergeschrei, verketzerte den orthodoxen Maimonides und wollte den philosophischen„Rambam"—% einen der schwierigsten — nicht rechtfertigen. Auch Sie werden als Ketzer verschrieen, auch gegen sie werden die bombastischen Worre „Deismus", „Nihilismus" geschleudert werden. — Als Mose Sohn Mendel's seine deutsche Uebersetzung des Pentateuchs veröffentlichte, sauste und brauste es unter seinen beschränkten Zeitgenossen und die deutsche Sprache mußte einen rabbinischen Legitimationsschein erhalten. Jede Reform ist ein Kind des Kampfes, und kinderlos bleibm die, welche den Kampf scheuen. Man wird sie Materialisten nennen. Gut. Leben wir denn in einem spiritualistischen Zeitalter, wo die Materie mit Füßen getreten wird? Nur diejenigen verteidigen den materiellen Inhalt des Judenthums, denen der Geist fremd ist und mit größerem Rechte könnte man diejenigen Herrn Materialisten nennen, welche das Judenthum mit den Zähnen erfassen wollen. Sie sehen meine Herren, daß ich im Principe mit Ihnen übereinstimme; allein, bedenken Sie doch, daß die wissenschaftliche Orthodoxie, die gemäßigte Reform auch die'Worte im Munde führt: es muß anders werden! Schöne, wohlklingende Redensarten, meine Herren haben nie reformtt; die Reform will klare Urrheile, Sätze, bestimmte, wohlausgeprägte Sätze, um welche die Anhänger sich schaaren können. Und diese vermisse ich in Ihrem Aufrufe. Sie wollen eine Synode berufen. Wann? Und bis dahin sollen wir uns mit Phrasen begnügen? Sie müssen Glaubenssätze formuliren, Sie müssen ein positives und ein negatives Glaubensbekenntniß abgeben. Erlauben Sie daher, daß ich hier ein solches formulire, die Nichtigkeit desselben ihrer Begutachtung anheimgebend. Positives Glaubensbekenntniß. I. Wir glauben an ein einig-einziges Wesen, das die Welt geschaffen und sie erhält. II. Wir glauben an die Göttlichkeit der Vernunft im Menschen, die ihn zur wahren Erkenntniß Gottes fähig macht. III. Wir glauben, daß Gott sich den Menschen mittels der Vernunft offenbaret. IV. Wir glauben, daß Gott sich dem Mose offenbaret

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