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Der Orient · 1845-04-30 · Heft 18 (30.4.1845) · p. Seite 142

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 18 (30.4.1845)
Date
1845-04-30
Page
Seite 142 (sequence 11)
Language
German
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142 thums für einen in sich und durch die Zeit berechtigten erkennen, daß sie den Bestimmungen des Talmuds nur historischen Werth beilegen, daß sie von den jetzigen Gebräuchen ’ und Cultusformen diejenigen achten und ehren wollen, durch die die Andacht erhöht, theuere Erinnerungen an eine schöne Vergangenheit erhalten und Gefühle der Liebe und Tugend eingehaucht werden, insofern diese Gebräuche nicht den Forderungen der Vernunft, der Zeit und des Lebens wiederspre- .chen; sie können dieselben aber nicht als nolhwendige unabänderliche Bestandteile ihres Glaubens von gleichem Werthe mit dem Gebote der Nächstenliebe und des Glaubens an einen ewigen einigen Gott anerkennen. Dazu erlauben wir uns noch einige Bemerkungen. Wir wissen wohl, daß das Gebot einer vollkommenen Sabbatsruhe für Einige noch als eine heilige Pflicht und als eine Quelle religiöser Erbauung gilt. Auf der andern Seite aber müssen wir, wenn wir wahr sein wollen, eingestehen, daß sunter allen Geboten das des Sabbats von der größten Mehrzahl am meisten übertreten wird und werden muß. Die jetzigen Verhältnisse des gesellschaftlichen Lebens erlauben es dem Einzelnen nicht mehr, sich an einem Tage vor allen Geschäften abzuschließen, der von allen Mitbürgern der Arbeit geweiht ist. Wir kennen Familien, die noch vor 10 Jahren kein religiöses Gebot zu übertreten wagten, und die heute von dem Strome der Zeit fortgerissen, auch am Sonnabend ihr Geschäft betreiben. Die Nichthaltung des Sabbats von der Majorität der Juden ist ein fait accompli, das nicht mehr abgeändert werden kann. Gleichwohl hat diese Thatsache unendliche Uebelstände in ihrem Gefolge. Da der Sonnabend nur noch der einzige für den jüdischen Gottesdienst bestimmte Tag ist, so sind alle diejenigen, die diesen Tag durch vollkommene Enthaltung von allen Geschäften nicht feiern können, gleichzeitig von religiöser Erbauung fast gänzlich ausgeschlossen. Dadurch lösen sich die heiligen Bande, die den Einzelnen an seine Kirche knüpfen und die Theilnahme an der Sache der Religion verringert sich gerade bei dem gebildetsten und angesehensten Theile auf eine traurige Weise. Darum ist es eine unabweisbare Pflicht der jüdischen Gemeinden, auch denjenigen, die den Sabbat nicht auf die bisherige Weise zu feiern vermögen, Gelegenheit zur religiösen Erbauung zu geben, das heißt, unabhängig . von dem Sabbat - Gottesdienst auch am Sonntag einen solchen einzurichten, der die Bedürfnisse fortgeschrittenen Jahrhunderts mit dem Geiste und den Grundsätzen des Judenthums vereint und der, ohne dem Gewissen der Altgläubigen zu nahe zu treten, viele achtbare Mitglieder ihre Kirche wieder gewinnt und sie ln ihrem Glauben bestärkt und erhält. Andererseits können wir eine Denkschrift an die Rabbinerversammlung nicht -als den geeignetsten Weg zu dem beabsichtigten Schritte erkennen. Wohl kennen wir den freien Geist, der diese würdige Versammlung beseelt, und wagen ihn nicht in Zweifel zu ziehen; aber es ist hier um ein Höheres, um ein Princip zu thun. Wir glauben nicht, daß eine Ueberzeugung, die sich im Laufe der Zeit in der Majorität des jüdischen Volkes herausgebildet, erst der Genehmigung und Anerkennung seiner Rabbiner bedarf, um als berechtigt dazustehen. Die Rabbinerverfammlung, die keinen Laien , d. h. Nicht-Rabbiner in ihrer Mitte aufnimmt, ist nicht kompetent, über eine Bewegung zu entscheiden, die in und aus dem jüdischen Volke hervorgegangen; und es wäre Schwäche von uns, einer Macht von freien Stücken ein Recht über unfern Glauben einzuräumev, das dieselbe bis jetzt, Gott sei Dank, noch nie besessen und das im Lause der Zeit leicht zu verderblichen Mißbräuchen führen könnte. Der' Weg, den die deutsch-katholische Gemeinde bei ihrer Bildung genommen, eine öffentliche Versammlung, in der die Grundsätze berathen werden, die die hiesige jüdische Gemeinde als ihre Ueberzeugung erkennt, und dann eine allgemeine Synode, in der' dieselben vor der Gesammtheit deutscher Juden festgestellt werden, scheint uns der einzig richtige. Dann wird die Sache der Reform, als Sache des jüdischen Volkes, eine gedeihliche Entwickelung nehmen, sie wird alle Hindernisse besiegen und für Gegenwart und Zukunft von unendlichem Segen sein. Denn die Entwickelung des Judenthums im Geiste der Zeit ist ihr Ziel, die Wahrheit ihre Loosung und Gott ihr Schutz! VIII. Der erste Apostat der deutsch-jüdischen Kirche. Mittheilung eines Briefwechsels aus Breslau. Die in Nr. 79 der Breslauer Zeitung von unserm Rabbiner Herrn Dr. Geiger abgegebene Erklärung über einen in dem vorangegangenen Blatte enthaltenen anonymen Artikel hat, wie wir erfahren, in der hiesigen Gemeinde zu mannigfachen Misdeutungen Veranlassung gegeben. Wir erachten es daher für unsere Pflicht, an Herrn Dr. Geiger die Aufforderung zu richten, durch eine nachträgliche Erläuterung diesen Mißdeutungen zu begegnen, und indem wir nicht verfehlen, die uns von demselben hierauf zugegangene Erwiederung, zu deren Veröffentlichung wir ermächtigt sind, nachstehend zur Kenntniß unserer verehrlichen Gemeinde zu bringen, müssen wir noch ausdrücklich bemerken, daß wir unsererseits auf eine weitere öffentliche Besprechung dieser Angelegenheit nicht eingehen werden. Breslau, den 13. April 1845. Das Oberoorsteher-Collegium hiesiger Jsraeliten- Gemeinde. Eines wohllöblichen Obervorsteher-Collegii verehrliches Schreiben vom 8. d. M. ist mir den 9. zugekommen, und beeile ich mich, dasielbe zu beantworten. Weit entfernt, in meiner Erklärung in Nr. 79 der Breslauer Zeitung eine Billigung zu der Bildung einer „deutschjüdischen Gemeinde" ausgesprochen zu haben, muß ich vielmehr dagegen auf das Bestimmteste protestiren; was ich cm

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