Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1845)
- Date
- 1845-04-30
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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141 Die ersten Regungen einer deutsch-jüdischen KLeehe. VII. Die Sonntagfeier neben dem Sabbat. Motto. „DieWahrheit, daß man etwas Seiendes, als seiend halten, daran nicht mergeln noch mäkeln soll, ist ein Gewinn im Denken unserer Epoche". Immermann. Breslau, 7. April. Unsere Zeit ist eine Zeit des Frühlings. Das Leben der Gegenwart durchdringt mit jugendlichem Geiste Alles, was wir von unfern Vorfahren überkommen; es haucht ihm eine neue tiefere Bedeutung ein, und indem es die welken abgestorbenen Zweigen von sich stoßt, treibt es auf dem alten Stamme frische Wlüthen empor. Von seinem Geiste erfüllt, hat sich der Katholicismus in unser» Lagenverjüngt; ebenso steht auch das Judenthum, das bis jetzt sein Bekenntnis;, wenn auch nicht seine Bekenner von den Bewegungen unsrer Zeit fern erhalten, am Morgen seiner Reformation. Die Kluft zwischen den einzelnen Vorschriften der jüdichen Religion und ihrer thatsächlichen Ausführung, zwischen dem geschriebenen und dem lebenden Iudenthume ist eine große u. verderbliche. Gerade die gebildeten Juden fühlen am tiefsten den Zwiespalt zwischen den Bestimmungen veralteter, für die Gegenwart abgestorbener Gebräuche und den Forderungen des Lebens und der Vernunft. Unbefriedigt durch die Formen, die den Geist ihres Glaubens verhüllen und die von der Bigotterie Einzelner als der Kern derselben ausgegeben werden, verfallen die meisten in jene religiöse Apathie, die der Fluch des Judenthums in unsrem Jahrhunderte ist. Oder sie heucheln, um ihren Glaubensgenossen keinen Anstoß zu geben, | und behalten Gebräuche bei, die sie in ihrer Vernunft j nicht gerechtfertigt finden. Religiöse Erbauung, deren Quellen f das Judenthum so reichlich in sich trägt, ist ihnen versagt, l theils, weil die jetzige Form des Gottesdienstes sie nicht anspricht, theils weil der besonders für ihn geweihte Tag, der Sonnabend, den Meisten die in einer Handlung, in einem Handwerk, in einem Amt beschäftigt sind, d. h. dem größten Theil der Juden, unübersteigliche Hindernisse in den Weg legt. i Noch verderblicher ist der gegenwärtige Zustand für die f jüdische Jugend. S ie wird gelehrt, den Sabbat durch voll- | fommene Ruhe zu heiligen; und sie wird in den Schulen anj gehalten, zu schreiben, und siehe ihre Eltern den Sabbat offen I oder heimlich durch Arbeit entweihen. Sie kennt alle die ktein- | lichen CeremoniaLge setze, die die Pedanterie vergangenerJahr- | Hunderte zu göttlichen gestempelt, und sieht eben dieselben auf j? jedem Schritt und Tritt übertreten. Was ist die Folge da-;! von? Heuchelei oder Gleichgültigkeit, die sich leicht zum vollkommenen Unglauben, zur Frivolität auch in heiligen Dingen steigert. Auf der andern Seite muß auch der gebildete u. denkende Jude sich alles das zur Last legen lassen, was der Fanatismus und die Beschränktheit einzelner Starrgläubigen verschuldet; er muß alle die Beschuldigungen ertragen, zu denen die religiöse Intoleranz so gern-greift: „Der Jude schlöffe sich selbst durch seine Gesetze und Gebräuche von der Gemeinschaft mit seinen christlichen Mirbrüdern aus; seine Religion sei das Conglomerat von lächerlicher Pedanterie und veraltetem Aberglauben und könne von den Strahlen der Bildung nie erleuchtet und durchdrungen werden." Aber in Wahrheit werden die Gebräuche, die der Vernunft und dem Geist der Zeit nicht mehr entsprechen, schon längst nicht gehalten; die Religionsanschauung und die Ansichten der heutigen Juden sind schon längst nicht mehr die vergangener Jahrhunderte und das Aufgehen der jüdischen in die deutsche Nationalitat wäre schon längst ein weit innigeres, wenn sich nicht von einer ganz andern Seite so viele Hiderniffe entgegenstellten. Alle verderlichen Folgen des gegenwärtigen Zustandes nehmen mit den Jahren zu, und werden nicht eher verschwinden, als bis das jüdische Volk frei und offen, ohne Scheu und ohne Eitelkeit, sein Glaubensbekenntniß ausgesprochen, wie es sich in der Gegenwart herausgestaltet hat. Das Judenthum hat seit Moses Mendelssohn den Keim des Fortschrittes wieder in sich ausgenommen, und ist zu einer höher» Entwickelung gelangt, die kein Unbefangener mehr ableugnen wird. Diese Entwickelung männlich und offen anzuerkennen ist die Pflicht der gegenwärtigen Generation. Der jetzige Zustand ist ein Zustand der Lüge und Heuchelei, verderblich für uns, verderblicher für das Heranwachsende Geschlecht. Thöricht würden wir handeln, wenn wir Abgestorbenes durch den trügerischen Schein eines Lebens erhalten, unwahr, wenn wir Gebräuche für heilig anerkennen wollten, die unserer Ueberzeugung widersprechen. Die Schale, die von der Vergangenheit zum Schutz gegen äußere Stürme geschaffen war, ist in einer mildern Luft zerfallen; wozu sie noch länger gegen das Leben und die Vernunft aufrecht erhalten? Denn um so strahlender entfaltet sich jetzt der ewige Kern unseres Glaubens, der in den zwei Versen ausgesprochen ist: Höre Israel, Gott unser Herr ist ein einiger Gott, und du sollst lieven Gott deinen Herrn von ganzem Herzen von ganzer Seele und von ganzen Kräften; und du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst. (5. Mose 6, 4 und 5 und 3« Mose 19, 18.) Darum müssen wir mit Freude den Schritt begrüßen, den viele achtbare Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde nach der Breslauer Zeitung vom 5. April zu thun entschlossen sind. Sie wollen sich nicht von der Gemeinschaft mit denjenigen ihrer Brüder lossagen, die zur Beruhigung ihres Gewissens die Beobachtung gewisser uralter Gebräuche für nothwendig erachten; sie wollen an den ewigen Grundlehren des Judenthums unerschütterlich festhalten und nicht aus Eitelkeit ein neues Bekenntnis; aufstellem; sie wollen nur offen aussprechen, daßsie den gegenwärtigen Zustand des Juden-