Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1845)
- Date
- 1845-04-23
- Page
- Seite 132 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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132 die sich voranschläglich auf 200,000 ft. belaufen sollen, werden unverzinsliche Obligationen emittirt. Die. reichsten Häuser haben bis jetzt zusammen kaum den zehnten Theil und die Orthodorie noch gar nichts gezeichnet. Letztere, die über bedeutende Geldmittel zu verfügen haben, weigern sich zu zeichnen, weil sie fürchten, die nächste Rabbinerversammlung mochte einen neuen Kultus auf eine Weise Herstellen, wodurch sie ganz und gar aus der Synagoge vertrieben würden. Es steht daher zu befürchten, daß der Neubau dieser Synagoge abermals auf eine andere Zeit verschoben wird. Breslan, 8. April. Mit einiger Geduld lehrt der Erfolg immer,, daß das Horazische „sich über nichts wundern" sogar in unsrer wunderarmen Zeit seine Anwendbarkeit bewähre. Man konnte nämlich bisher verwundert sein, daß'die Juden vom Aufklärungsorden, die so . gerne jede originelle geschichtliche Bewegung abkonterfeien und .vom schäumenden, gährenden Geiste gerne die Oberfläche abschöpfen , man konnte verwundert sein, daß der Neukatholieismus noch nicht eine Konterfei in der Judcnheit gefunden hat. Aber sieh da, noch zur rechten Zeit hat sich das ml uclmirurl bethätigt; die Nummer 78 der Breslauer Zeitung bringt ein Dokument von einem „Kreise achtbarer Männer" in Breslau, worin dieser Kreis bekundet, daß der Sinn für die nachahmende Kunst in seiner Mitte wenigstens noch nicht ganz erstorben ist. Diese Männer halten es für eine Ehren- und Gewissenssache, gegenüber ihren Glaubensgenossen, dem Staate und den Rabbinern, sich nicht nur vom Messiasglauben, sondern ganz besonders von einem wöchentlichen Ruhetage und von den genirenden Speisegesetzen , überhaupt von allen „Verkehrtheiten des Talmuds" loszusagen. Dies ist die Quintessenz des langen vielfach gedrechselten und phrasenreichen Aktenstückes. — Daß aber diese Herren bis jetzt mit ihrem negativen Bekenntnisse gezaudert l Warum sprachen sie sich nicht zur Zeit aus, als der Reformverein noch nicht ganz in Verfall gerathen war, und sie denselben durch Anschluß um einige Individuen hätten bereichern können? Dieses spricht sehr dafür, daß sie nicht ohne Nutzen Ronge's Brief an den Bischof Ärnoldi gelesen , und daß sie aus der fleißigen Zeitungslektüre viel Schönes gelernt haben. Ob aber diese Sturmschrittsreformritter es nicht selbst fühlen, welch einen: lächerlichen Kampfe sie sich mit ihrer verspäteten Erklärung aussetzen l Denn daß sie wirklich nur gegen Windmühlen kämpfen, wenn sie, die neukatholischen Überzeugungen fast bis auf die Phrasen parodirend, die Erklärung abgeben, „daß sie in dem jüdischkirchlichen Leben nicht nre'hr die Freudigkeit und die Erhebung finden können" wird ihnen bald jeder Schnlbube entgegenrufen. Diese Breslauer Neuisraeliten oder Deutsch- Israeliten oder katholische Israeliten (denn einen von diesen Namen werden sie doch wohl nach ihren: Muster annehmen müssen, wenn sie sich schismatisiren werden), haben also den gewagten pas vom Erhabenen zum Lächerlichen gemacht; denn während die Neukatholischen von tiefer Glaubensinnigkeit bewegt sind und darum die allgemeinste Sympathie erwecken, ist dieser jüdische „Kreis" offenbar von den faulen Dünsten eines schalen wurmstichigen Deismus, von einem desparaten Nihilismus durchwehet. Während die Neukatholiken mit einer beinah apostolischen Begeisterung zur Heitsquelle der Bibel zurückkehreu, von der sie die pfäffische Politik so lange ferngehaltm / und die Bibel in ihrem ganzen Umfange ihrem Bekenntnisse zu Grunde legen, sprechen diese das Anathema überdie Bibel aus und erklären sie sj'n antiquirt. . Sie mögen es noch so sehr verhehlen und ihren Kreuzzug nur gegen den Talmudismus gerichtet ausgeben, so sind ihre heimlichen Gesinnungen durchsichtig genug, daß sie aus ihrem Kreise die biblische Offenbarung, welche der befruchtende Thau einer unendlichen, weltgeschichtlichen Aussaat ist, zn bannen gedenken. Denn nur die wahnsinnigste Sophistik kann z. B. die Heiligkeit des Sabbats, die Speisegesetze, die Beschneidnng, als für alle Zeit für das Bundesvolk verpflichtend, aus der Bibel wegraisonniren. — Während endlich die Begründer des Neukatholiciömus sich nicht scheuten, des Erfolges -ungewiß, öffentlich ihre Namen unter ihr Bekenntnis zu setzen, verkriechen sich diese Reformhelden hinter die feige Anonymität, und bekunden damit/daß sie nicht alles Irdische von sich abgestreift, sondern daß sie die Hasenfüßigkeit noch beibehalten NEW 'ö by *)N Nin — Möglich auch, daß sie die geheime Triebfeder ihrer Bewegung nicht durch Nennung ihrer Namen verrathen wollten. Doch dürfte diese Mühe eine vergebliche sein, denn wenn sich der Abfasser auch nicht durch einige routinirte Phrasen verrathen, so könnte doch jeder den Bereger leicht herausriechen. Jedenfalls gehört die Erklärung in Nr. 79 von Abraham Geiger mit als Supplement zu diesem Aktenstück. In dieser Erklärung wird dieser wichtigen papiernen That alles Lob gespendet, und jede Verdächtigung mit zarter Aufmerksamkeit von vorne herein von ihr abgewendet, und sott ihr wahrscheinlich als Empfehlungsschreiben für die Welt dienen. Die etwas verblümte Aussprache, daß man am Sabbat lieber öffentlich Cigarren rauchen will, als heimlich, daß mun an christlichen laüles cl'!wl68 ohne gene mitspeiscn will, ohne sich den: heimlichen Gekicher des christlichen Publikums auszusetzen, diese allerdings wichtige Aussprache findet der Rabbiner Geiger ehrenhaft und noth wendig. Und er verspricht seinen Klienten .nicht undeutlich auf der nächsten Rabbincrversannnlung, von welcher dieser Kreis sein Heil erwartet, zu ihren: Schritte behilflich zu sein. „Wehe denen die nach Egypten ziehen wegen Hilft" — Jesaja 31, 1. — So war denn doch jenes abenteuerliche Gerücht, daß Geiger nur seinem Anhänge zu Rouge übergetreten sei, nicht so ganz ohne Sinn und jedenfalls von prophetischer Beden-