Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1845)
- Date
- 1845-04-23
- Page
- Seite 130 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Juden betreffenden Bill als nahe bevorstehend 'ankündigte, ward schon am folgenden Tage (7. März) im Oberhanse, durch den Lordkanzler eine Bill eingebracht, durch welche die Unfähigkeit der Juden, insoweit sie dadurch von städtischen und Gemeindeämtern ausgeschlossen sind, beseitigt werden soll. Noch am 7. wurde die Bill zum ersten Mal verlesen und für den 10. war die zweite Verlesung anberaumt. Der Globe, ein Organ der Whigs und besonders des Lord Palmerston, früheren Ministers der auswärtigen Angelegenheiten, begleitet den Vorschlag mit einem für die Juden anerkennenden^ die Tories wegen ihrer Inkonsequenz geißelnden Kommentar. Don -er Spree, 2; April. (Die preußischjüdischen V e r hältnisse.) Die Petition der Bielefelder Stadtverordneten zu Gunsten der bürgerlichen Gleichstellung der Inden ist nun auch bei dem (westfälischen) Landtage eingereicht worden. — Die Stimmung der rheinischen Provincialstände in Koblenz hat sich bereits im Februar bei Gelegenheit der Berathung über die königliche Proposition, die Führung von Gesindedienstbüchern betreffend, kundgegeben, indem auf die Bemerkung eines Abgeordneten, daß der Ausdruck „konsirmirt" im Gesetzvorschlage wegen der jüdischen Dienstboten nicht passend sei, der Landtag einstimmig die Streichung des Wortes beschloß. Das nennt man die Sache beim rechten Ende anfassen.— Die zuerst von den Sachs. Vaterlandsblättern mitgetheilte Petition des Magistrats und der Stadtverordneten zu Königsberg für die Emaneipation enthält auch eine Hinweisung auf Dänemark, die indeß nur in sofern-richtig ist, als dort die Juden alle bürgerlichen und kommunalen Rechte besitzen; indeß fehlen ihnen noch die eigentlich politischen, z. B. Landtagsfähigkeit, akadem. Lehrämter und höhere Staatsanstellungen. -- Dr. S. Stern hat am 15. März seine sechste Vorlesung: „lieber die Stellung des Judenthums und der Inder: im preuß. Staate" zu einem wohlthätigen Zwecke (Versorgung der Armen mit Brennmaterial) wiederholt. — Der Petitionsausschuß mit brandenburgischen Landtage hat die Berliner Petition für die Wiederherstellung des Edikts von 11. März 1812 einstimmig den Ständen zur Bevorwortung empfohlen. — Von den Breslauer Juden ist eine Petition an den schlesischen Landtag eingereicht und der Druck derselben beliebt worden. — Beim Posener Landtage sind die Petitionen der Juden-Korporationcn des bomster Kreises, ferner der zu Posen und Schwerin a. W. und der Antrag eines ritterschastlichen Deputirten zu Gunsten der Emaneipation eingelanfen. — Hamburg, 4. April. (Emaneipation nach in nen und von au ßen.) Das Jahr 1845 scheint doch kein so ganz ungünstiges und fruchtloses werden zu sollen, wie man nach den schlechten Ergebnissen der Emaneipationsangelegenheit in den nächstvorangehenden Jahren vorauszusetzen sich versucht fühlen mochte. Wenigstens ist die Judenfrage bereits in England, Preußen, Darmstadt und Baden, wenn auch in dem obengenannten Großherzogthume mit einem günstigen Resultate für die Stellung der Juden zum Staate, von Neuem in Anregung gebracht worden; inWürtemberg, Baiern und Hamburg wird sie ebenfalls wieder zur Sprache kommen; in Hannover und vorzugsweise in Braunschweig ist man auf eine zeitgemäße Modistkation des Eides bedacht gewesen. Am erfreulichsten aber zeigt sich der Fortschritt in der veränderten. Partei- und Volksstimmung gegen die Juden. Wer hätte noch 1840 geglaubt, daß ein Toryministerium in England die Initiative zur Anbahnung der Emaneipation ergreifen und daß es dabei im Oberhause auf fast gar keinen Widerstand stoßen würde? Des Herzogs von Newcastle Protest in den Times bleibt jetzt eben so wirkungslos, wie wenn er von einem Verstorbenen, etwa dem Dr. Joseph Allen, Bischof von Ely (Cambridge), der obgleich Whig, doch — als hoher Geistlicher — die Gleichstellung bekämpfte, aber gerade beim Beginne des Frühlings (21. März) das Zeitliche segnete, herrührte. Und welch herzerhebender Kontrast zwischen jener Art und Weise, wie man vor. 1843 die Judenfrage bei den preußischen Provincialständen behandelte, oder vielmehr misshandelte, weniger beurtheilte, als vermtheilte, und derjenigen, die zuerst 1843 in Di'lsseldorf sich Bahn gebrochen und 1845 bereits in Koblenz tiefe Wurzeln gefaßt hat. Die Zahl der Petitionen, die meist von den, christlichen Bürgern und den Magistraten der größten und gewerbfleißigsten Städte ausgingen, hat sich bedeutend vermehrt; eine größere Anzahl von Abgeordneten hat sich dieselben in der Form eigener Anträge ungeeignet; die Majorität der Abgeordneten zu Gunsten der völligen Gleichstellung und der Abschaffung des napoleonischen Wucherdekrets hat wirklich zugenommeu; die Debatte ist kürzer, weil die Opposition niedergeschlagener gewesen; zu der Proposition über die Gesindedienstbücher ist ein einstimmig angenommenes Amendement zu Gunsten jüdischer Dienstboten gestellt; die Annahme von Familiennamen den Juden zur Pflicht gemacht worden; von allen am Rheine erscheinenden Zeitungen hat nur der obskure und einflußlose, von der öffentlichen Meinung desavouirte „Rheinische Beobachter" den Juden etwas am Zeuge zu flicken gesucht; an die Stände ist kein einziges abmahnendes Gesuch gerichtet worden. Dazu rechne ittmt noch, daß in Westphalen, wo man früher den Judenhaß als eine unheilbare Krankheit betrachtete, sich diesmal viele und gewichtige Stimmen christlicher Korporationen in Petitionen an den Landtag vernehmen ließen; daß man auch in Sachsen und Brandenburg nicht mehr ganz müßig blieb; daß in Posen der slavische Fanatismus dem toleranten Bürgerthume mehr und mehr das Terrain überlassen mußte; daß sogar in dem für stabil geltenden