Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1845)
- Date
- 1845-04-16
- Page
- Seite 131 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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131 Commission hatte den Auftrag, zu ermitteln, Ln welcher Form und Ln welcher Art und Weise das in allen Versammelten lebende kirchliche und religiöse Bedürfniß öffentlich kund zu thun und wie dann weiter zu verfahren sei. Die Commission hatte alsbald erkannt, daß weder sie noch die übrigen Dreißig die Befähigung und den Beruf hätten, selbstständig etwas im Kultus zu ändern, daß sie aber wohl die Berechtigung hätten, mit ihren Commitenten einen Aufruf, in welchem die Principien und das durch sie erzeugte Bedürfniß klar ausgesprochen wären, an die deutschen Glaubensbrüder zu erlassen und sie öffentlich zur Theilnahme und fernerm Anschluß an die Bewegung aufzufordcrn. Ein solcher Aufruf ist von der Commission entworfen und dann in der zweiten Versammlung redigirt, angenommen und unterzeichnet worden. In diesem Aufrufe machen sich besonders folgende Punkte bemerklich: 1) Die Unterzeichneten erklären, daß sie den Talmud nicht mehr als bindende Autorität für sich betrachten. 2) Die Unterzeichneten erklären, daß sie die Messiaslehre mit Hinweisung auf ein irdisches Jerusalem nicht mehr als die ihrige erkennen, sondern daß sie mit Leib und Seele dem Lande angehören, daß sie ihre Heimath nennen. 3) Die Unterzeichneten erklären, daß sie zur heiligen Schrift, welche sie als den Urquell ihrer Geschichte und als den Canon, ihrer Religion betrachten, selbst zurückkehren, aber sie nicht dem Wortlaute, sondern dem Geiste nach erfassen wollen. 4) Die Unterzeichneten wünschen, daß dieser Basis aus dem geschichtlich hervorgebrachten ein Kultus, ein den Anforderungen der Gegenwart entsprechendes Ritual construirt werden möge. Zu diesem Zwecke soll von allen den in ganz Deutschland zu dieser Bewegung hinzugetretenen Juden eine Synode aus jüdischen Theologen, Schriftkundigen und Laien in nächster Zeit berufen werden. Dieser Aufruf an die deutschen Glaubensbrüder wird nun in diesen Tagen verössentlicht werden, und wenn unter den Namen hier und da solche fehlen, die als Notablitaten in der Handelswelt, als Chorführer in der Gemeindeverwaltung oder als rabbimsche Gelehrte bekannt sind, so hat das wahrlich hier wenig zu sagen und hält die Sache nicht im geringsten auf. Denn daß diese Bewegung eine allgemeine werden wird, ist nicht zu bezwciflen; nach den neuesten Nachrichten hat sie in Breslau schon begonnen und in Königsberg und andern Städten wird sie sicherlich nicht zurückbleiben; denn wo die Juden in der Bildung und Gesittung vorgeschritten sind, da ist auch dasselbe Bedürfniß vorhanden. Die Synode wird dann zu bestimmen haben, wie es mit der Sabbatfeier, mit den Festtagen, mit der Beschneidung und hundert andern Observanzen zu halten sei. Die Sicherheit für den Fortschritt ist gegeben, denn die Basis ist in obiger Erklärung unerschütterlich festgestellt." VI. Das Wichtigste vom Programme der Reformversammlung in Berlin. Berlin, 5. April Schon mehrfach habe ich ihnen witgetheilt, daß die allgemeine religiöse Bewegung hier auch au^ das Gebiet des Judentums übergreife. Von besonderer Anregung sind daher wohl Lee mehrfachen Reformvorträge des Dr. Stern gewesen. Achtundzwanzig der achtbarsten jüdischen Familien sind nunmehr zusammengetreten, und haben nach längerer Berathung so eben folgenden Aufruf erlassen, welchen ich bei der großem Wichtigkeit, die die Sache, namentlich auch für Breslau hat, in Folgendem wörtlich abschreibe. Man geht bei ihnen mit ganz gleichen Absichten um, und ist deshalb vielleicht um so eher geneigt, sich mit Berlin baldigst brüderlich zu vereinen. Der Aufruf lautet: „An unsere deutschen Glaubensbrüder." „Seitdem der politische Druck in unserm Vaterlande von unfern Schultern genommen und in uns der aufstrebende Geist sich seiner Fesseln entledigt, seitdem wir in Bildung und Sitten ganz in das Leben der Gegenwart eingetreten, hat die religiöse Befriedigung mehr und mehr aufgehört, welche der Trost und das Glück unserer Voreltern gewesen ist. Unsere Religion hielt unverändert fest an den Formen und Vorschriften, in denen sie uns seit Jahrhunderten vererbt worden; unsere Überzeugungen und unsere Empfindungen aber, unsere innere Religion, der Glaube unsers Herzens ist nicht mehr im Einklang mit dieser Gestaltung. Und wir stehen da in Zerrissenheit mit «uns selbst, im Widerspruch des innern Lebens, des Glaubens, mit dem äußeren Leben, dem gegebenen Gesetz. Wohl kämpfen unsere Gelehrten und Lehrer aus dem Gebiete der Theologie für uns gegen eine Ausgleichung dieses Widerspruchs; aber wie lange schon! und des Kampfes Ende ist nicht abzusehen. Inzwischen hat das Leben bereits vorgegriffen der Wissenschaft, inzwischen hat sich die überwiegende Mehrheit der Gebildeten thatsächlich losgesagt von dem größten Theile unserer religiösen Vorschriften, und selbst in Denen, die sie noch befolgen, ist meist ein Thun ohne Glauben und ohne Begeisterung geworden. Die Verwirrung ist groß. Nirgends Einheit, nirgends em Halt, nirgends eine Gränze. Das alte rabbinische Judenthum, mit seiner festen Basis, hat keine Basis mehr für uns. Vergeblich sind die Bemühungen derer, die es künftig in sich, oder sich in ihm zu erhalten suchen. Die erstarrte Lehre und unsere Lehre sind für immer auseinander gewichen. Der Zweifel, der zu regieren angefangendroht alle Gränzen zu überschreiten. Er erzeugt den Jndifferentismus und den Unglauben und giebt uns der Rathlosigkeit Preis, in welcher wir mit Schmerz zusehen, wie unserer Nachkommenschaft mit den veralteten Formen auch der innere heilige Kern des Judenthums verloren zu gehen droht. Dies sind Thatsachen, die für sich selber sprechen, die nur die nicht sehen, welche nicht sehen wollen, Thatsachen, welche unser Herz mit glühendem Eifer erfüllen, die unsere ganze Energie herausfordern und uns ermuthigen, den Aufruf an Euch, deutsche Glaubensbrüder, zu erlassen, die Ihr fühlt, wie wir, fühlt daß es an uns ist, nicht zuzusehen dem Verfall und dem künstlichen vergeblichen Uebertünchen des Bruches, sondern nach.gemeinsamer