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Der Orient · 1845-04-16 · Heft 16 (16.4.1845) · p. Seite 130

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 16 (16.4.1845)
Date
1845-04-16
Page
Seite 130 (sequence 19)
Language
German
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130 per des Iudenthums, gleichgültig bei dessen Bewegungen sind, daß wir vielmehr mit lebhafter Theilnahme eine jede Bewegung in demselben verfolgen, aber eine wahrhafte Heilung der gegenwärtigen Gebrechen nur von einer entschiedenen Hervorhebung der reinen jüdischen Grundlehren, einer entschiededen Abweisung aller zeitlichen und örtlichen Ausflüsse derselben, aller verkehrten Entwickelung und mißbräuchlichen Zuthat, deren reiche Quelle der Talmud ist, und von einer diesen Grundsätzen angemessenen Einrichtung des Sultus und anderer weihenden Akte erwarten. Die geeignetste Form zur Abgabe einer solchen Erklärung an die Rabbiner glauben wir in einer Denkschrift an die zusammentretende Rabbiner-Versammlung zu finden, wo ein Verein von geachteten Lehrern des Iudenthums gerade in der Absicht sich versammelt, um das wahre Heil unseres Glaubens zu berathen. 5) Durch eine solche Denkschrift hoffen wir, unter dem Beistände Gottes, zu unserm Zwecke, der kein anderer ist, als ein rein religiöser, zu gelangen. Wir beabsichtigen nicht, uns von den bestehenden jüdischen Gemeinden loszutrennen, und eine besondere Gemeinde zu konstituiren. Wir sind vielmehr überzeugt, daß die von uns hier kurz ausgesprochenen Ansichten bereits in der Iudenheit tief wurzeln, und es nur einer ernsten Anregung bedarf, um ihnen immermehr Geltung und Verwirklichung zn verschaffen; nur Gleichgültigkeit und Rücksichten verschiedener Art mögen bis jetzt einen großen Theil unserer Glaubensgenossen von einem solchen Schritte, wie wir ihn hiermit beabsichtigen, abgehalteu haben, diese aber werden von der gegenwärtigen Macht der öffentlichen Meinung, und dem erwachenden kräftigen religiösen Leben -schwinden, und so wird das Iudenthum in der Gesammtheit seiner Wekenner zu einer, seinem innern Gehalte angemessenen Bedeutung sich erheben. Wir haben daher auch .das feste Vertrauen, daß viele unserer Glaubensbrüder mit Freuden die Gelegenheit ergreifen werden, sich an einem Werke zu betheiligen, daß zur Ehre Gottes und Stärkung ihrer selbst im Glauben unternommen wird, einen Wunsch auszuführen, der sicherlich schon in den Herzen vieler tief gelebt, ohne daß die Hoffnung vorhanden gewesen wäre, ihm den rechten Nachdruck zu geben. Und so wollen wir denn vereint, mit Gottes Hilfe, muthig und unverzagt unsere religiöse Ueberzeugung und unsere heiligsten Wünsche aussprechen, zu tief von dem Bedürfnisse der Gegenwart durchdrungen, als das wir eiteln'Rücksichten nachgeben sollten." II. Erklärung des Hrn. Dr. Geiger, Rabbiner in Breslau. „Ich halte es für meine Pflicht, meine Ansicht über die wichtige That eines „achtbaren Kreises" hiesiger Gemeindeglieder, von welcher die heutige Zeitung uns Nachricht giebt, recht bald auszusprechen, um von vornherein jeder Anfrage zu begegnen. Wenn mich die darin kund gegebenen Ueberzeugungen nicht überraschten, da auch das blödeste Auge bei einem Blicke auf das Leben, es ohne Weiteres erkennen mußte, daß dieselben wirklich in einem großen Theile der Gemeindeglieder wurzeln, so fand ich deren Aussprache ehrenhaft und nothwendig, da die Zweideutigkeit, welche der Tag für Tag in Wort und That offenbarer, werdende Zwiespalt zwischen Leben und Ueberzeugung auf der einen und dem Bekenntnisse, dessen Namen sie tragen, auf der andern Seite auf diesen Theil der Iudenheit häuft, zu einer Erklärung) drängt. Erfreulich war mir jedoch, daß diese herbe Nothwendigkeit, welche die Männer dieser Gesinnung nicht von sich weisen konnten, mit dem ernstesten Wohlwollen für die Gesammtheit der Glaubensgenossen sich paart; auf entschiedene Weise wird es abgewiestn, daß man für sich bürgerliche Vortheile erringen, die Andern aber, welche engere Glaubensschranken sich ziehen, politischem Drucke preisgeben wolle, und nicht nur wird eine jede Gehässigkeit gegen Andersdenkende, eine jede Verspottung andrer heiliger Gebräuche vermieden, sondern auch der ernste Wille ausgesprochen, noch ferner in Verbindung mit der Gesammtheit den Weg des geschichtlichen Fortschritts zu gehen, nur daß allerdings für diesen Fortschritt eine größere Entschiedenheit verlangt wird. Ueber die Berechtigung dieses Verlangens, so wie über die Nichtigkeit der aufgestellten Sätze weitläufig mich auszusprechen, ist hier der Ort nicht. Im Allgemeinen kann bei der gegenwärtigen Lage des Judenthums das Recht zur offenen Aussprache dessen, was es als Bedürfniß in sich fühlt, Niemanden abgesprochen werden; wir stehen an einem ernsthaften Wendpunkte, und das eine Extrem der Starrheit fordert das andere der raschesten Bewegung heraus, wie denn sicherlich solche Demonstrationen, wie sie sich nun verschiedentlich kund geben, unterblieben wären, wenn dem besonnenen Fortschritte nicht bei den kleinlichsten Punkten die unsäglichsten Hindernisse in den Weg getreten. Jedenfalls treten die hiesigen Anforderungen in einer Form auf, welche die ruhige Erwägung und Belehrung von Seiten der Vertreter der Gesammtheit sichert; die versprochene Denkschrift an die Rabbiner-Versammlung, von der doch auch erst eine wahrhafte Begründung der bis jetzt skizzenhaft hervortretenden Ansichten zu erwarten ist, wird mir in Verbindung mit würdigen Amtsbrüdern die beste Gelegenheit geben, zu prüfen, was allgemeines Bedürfniß ist, und unsere ernste Aufmerksamkeit auf die Mittel zur Befriedigung und Belehrung lenken. Bis dahin werde ich die Strömung der Wogen nach beiden Seiten aufmerksam beobachten, und auf dem bisher von mir befolgten Wege des allmähligen Fortschrittes fortfahren. Geige r." III. Die erste thatsachliche Kunde über diese Reformbewegung aus Berlin. Berlin, 6. April. „Eine Versammlung jüdischer Reformfreunde erwählte eine Commission von sieben Männern: Dr. Stern, Dr. F. I. Wehrend, Friedländer, C. Hey man, L. Lesser, Rebenstein und Simion. Diese

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