Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1845)
- Date
- 1845-04-16
- Page
- Seite 129 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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129 lin aus berichten die Zeitungen über Berathungen in entschiedenem Sinne; wir sind im Stande, auch aus der hiesigen Gemeinde ein merkwürdiges Aktenstück beizubringen über das ein Kreis achtbarer Männer sich verständigt hat, und dessen Resultaten man wohl mit großer Erwartung entgegensetzen darf. Wir lassen dasselbe hier ohne/ weitern Commentar folgen, überzeugt, daß es die ernsteste/ Aufmerksamkeit der Leser auf sich ziehen wird: Wir nehmen gegenwärtig eine schiefe zweideutige Stellung ein zu dem Bekenntnisse,! nach welchem wir uns nennen, und das uns die religiöse Erhebung spenden soll, uns und unfern Kindern; wir befinden uns dadurch in einem Zwiespalt, der viele Nachtheile hat, und den wir endlich zu heben trachten müssen. 1) Das Iuden.thum mit seinem reinen, ungetrübten Glauben an den Einen, geistigen und Heiligen Gott, mit seinem Ansprüche an uns, uns zu heiligen,, .ist der Glaube, dem wir aus vollem Herzen angehören; 'allein das Iudenthum, wie es gegenwärtig besteht, wenn es auch von Vielen gleich uns nicht beobachtet wird, enthält Lehren und Vorschriften, welche unserer religiösen Ueberzeugung diametral entgegengesetzt sind. Es ist daher unmöglich, daß wir in dem gegenwärtig jüdischkirchlichen Leben unsere Ueberzeugung-ausgesprochen finden, daß es uns die Freudigkeit und Erhebung gewähre, welche nur ein voller, bewußter Anschluß an die Religion und deren Andachtsmittel verschaffen kann. Wir verhalten uns im Gegenteil zu den Vorschriften und religiösen Mitteln des bestehenden Judentums kritisch,. negirmd, bestreitend, und es kann das religiöse Gefühl in uns durch den beständigen Kampf zwischen unfern innern Anforderungen und der Erscheinung, in welcher confessionell religiöses Leben auftreten soll, nicht erwärmt, es muß vielmehr immer mehr ertödet. werden. Was von uns gilt, gilt noch mehr von unfern Kindern; sie, die erst in ein religiöses Leben eintreten sollen, denen wir die Segnungen einer innigen und warmen Religiosität wünschen, werden, noch bevor die Unterscheidungskraft in ihnen erstarkt ist, bevor Grundsätze sich in ihnen befestigt haben, von vornherein in einen Strudel von Gegensätze gerissen, der den religiösen Keim in ihnen zur vollen Entfaltung nicht gedeihen läßt. Es ist deshalb unsere doppelte Pflicht, unsere Kräfte anzustrengen, damit dieser Zwiespalt zwischen unserer religiösen Ueberzeugung und dem bevorstehenden Judenthum aufgehoben werde. 2) Unsere Ehre und unser Gewissen gebieten es uns, gegenüber unfern Glaubensbrüdern, uns über, unsere Stellung zu. der gegenwärtig noch bestehenden Form des Judenthums klar und unzweideutig auszusprechen. So lange wir nicht offen gesagt haben, was wir unter wahrem Judenthum verstehen, daß wir diesem treu anhangen, aber Vieles, was jetzt als zu ihm gehörig angesehen wird, als eine .falsche Entwickelung desselben betrachten, — so lange werden wir, die wir doch in Gesprächen und in Handlungen schon längst unfern Widerspruch gegen vieles sonst hochgehaltene gezeigt haben, bei anders gesinnten Glaubensgenossen als leichtsinnige, von ,materieller Sucht getriebene Uebertreter, als Sünder in Israel, als Verächter des Glaubens gelten. Wir sind es daher uns und unfern Glaubensbrüdern schuldig, unsere religiöse Ueberzeugung diesen unumwunden kund zu thun. 3) Unsere Stellung im Staate, im büraerlichen und socialen Leben heischt von uns eine aufrichtige Aussprache über diesen wichtigen Gegenstand. Wir räumen zwar Niemanden das Recht ein, unsere religiöse Ansichten zu richten und an das Urtheil darüber die Entscheitung zu knüpfen, ob wir an allen Rechten des Staatsbürgers Lheil nehmen können, oder nicht,/ da dies blos von der vollen Erfüllung der Pflichten abhangt,/..unddiese von sämmtlichen Juden unseres Vaterlandes schon -seit längerer Zeit mit Freuden übernommen worden sind. Allein mag /der Staat es immerhin dem Gewissen des Einzelnen überlassen, wie dieser seine (des Staats) Anforderungen mit seinen eigenen religiösen Ansichten in Einklang bringe, wenn er nur den Anforderungen wirklich genügt; für uns bleibt es jedoch ein Ehrenpunkt, dem Staate und unfern Mitbürgern andern Glaubens zu erklären, daß alle Bedenklichkeiten, welche sie über unfern aufrichtigen Anschluß an den Staat und die bürgerliche Gesellschaft hegen, und aus unserer Religion begründen zu können glauben, nur durch eine falsche, , von uns abgewiesene Auffassung derselben eine scheinbare Stütze erhalten. Es ist daher unsere Pflicht, es ohne Hehl auszusprechen, daß z. B. der Glaube an einen persönlichen Messias, wie ihn das Mittelalter ausgebildet, wonach dieser die Juden wieder nach Palästina zurückführen, und diese dort einen besondern Staat bilden sollen, die gegenwärtigen Juden also noch immer zersprengte Glieder eines beson- Volkes seien, in uns gänzlich erstorben ist, daß wir vielmehr mit vollem Herzen unserm Vaterlande angehören, für das wir leben und dem wir unsere ungeteilte Liebe weihen, daß wir lediglich Glieder des deutschen Volkes und nur dem Bekenntnisse nach Juden sind. Wir haben es ferner auszusprechen, daß das hohe religiöse Gebot eines wöchentlichen Ruhetages, unserer Ueberzeugung nach, nur dann seinen wahrhaft heilsamen Einfluß zu äußern fähig ist, wenn dieser nicht mit den Pflichten gegen den Staat und. mit den Forderungen -des bürgerlichen Lebens in Collision tritt. Wir müssen erklären, daß die absondernden uns das innige bürgerliche Zusammenleben erschwerenden Speisegesetze für uns keine Bedeutung haben, da in ihnen gar kein religiöser Gedanke mehr lebt, sie vielmehr das innerlich religiöse Leben zu einem rein äußerlichen machen und zur Werkheiligkeit führen. 4) Wir sind eine solche Erklärung unfern Religionslehrern schuldig. ' Bei dem ernsten Willen, welchen viele derselben zeigen, wahrhaft religiösen Sinn wieder in den Gemeinden zu wecken, angemessene Einrichtungen zur Befriedigung und Pflege desselben zu treffen, kann es ihnen nur erwünscht sein, den wirklichen Standpunkt und die tiefen -Wünsche eines großen Theils derJudenheit kennen zu lernen; sie müssen erfahren, daß wir nicht faule, abgestorbene Glieder an dem Kör-