Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1845)
- Date
- 1845-04-16
- Page
- Seite 123 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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123 Wort „Kirche", welche zu beweisen sucht, daß wir Juden Recht und Ursache haben, unser Kultuowcseu als „Kirche" zu bezeichnen, wenn auch in Preußen diese Bezeichnung aus andern, nämlich exklusiven und christlichen Monopol-Zwecken den Juden untersagt worden ist. C. Frankfurt a. M., 28. März. S. 51 des Orients finde ich bemerkt: - „Zur Zeit, wo Jost noch als Schulmann hier wirkte, drückte dieses mittelalterliche Verbot (christliche Kinder aufznnehmen) die jüdischen Schulen noch nicht". Diese Angabe ist eine Unrichtigkeit, welche ich nicht stehen lassen darf, ohne solche als eine historische Uebereilung zu bezeichne!:. Das Verbot, christliche Kinder zuzütassen, hat ohnehin schon andere Publieisten zu fehlerhaften Darstellungen Anlaß gegeben. Dasselbe ward erlassen mittelst Minister: a l schreib en s vorn 10. Septbr. 1819. In soweit es mich betrifft, der ich bis zum 1. Juli 1835 meiner Schule Vorstand, ist also der Jrrthum klar, und dadurch fällt auch dasjenige, Mas in obiger Stelle aus dieseur geschlossen wird weg. Die Art, wie über dergleichen Thatsachen öfters von bloßem Hörensagen gesprochen wird, zeigt überhaupt eine gar zu große Flüchtigkeit der Anschauung, womit man unmöglich auf Staatsmänner einwirkt. Die Sache verhält sich so. Alle jüdischen Schulmänner wurden nur auf j ü di sch e Kinder k o n c e ssionirt. Streng genommen war das Verbot also nur eine Folge der Koncession. Die Regierung wußte, daß bei mir viele und angesehene Christel: ihre Söhne nicht blos unterrichten ließen , sondern sogar in Pension hatten, und schritt nicht ein. Erst, als zwei andere Schulmänner so sehr alle!: Takt verleugueteu, daß sie in öffentliche Blätter einrücken ließen, sie wollen auch christliche Kinder annehmen ui:d sie Mittwoch Nachmittag von einem Prediger in Religion unterrichten lassen, — erschien das Verbot, welches meine damals sehr große Anstalt zu Grunde richtete. — Wenn ich solche dann, im Kleinen noch immer ersprießlich, 16 Jahre fortsetzen konnte, so lag das an der energischen Thätigkeit, mit welcher ich mir das Zutrauen erhielt, trotz dem, daß die Berliner Juden christliche Schule::, sowohl behufs des Umganges, als auch wegen deren Wohlfeilheit vorziehen. Bei Jedem, der sich nicht entschließt, seine ganze Kraft dem Erziehungswesen zuzuwendei: , :nuß daher die Schule, unter solchen Umständen und Ansichten, natürlich sinken und verfallen. — Die Anwendung hiervon möge jeder -neue Unternehmer sich merken. Jost. Vom Rheine, im März. Aufruf an die Konservativen unter den Rab binenDeutschlands. Die zweite Versammlung deutscher Rabbiner wird in Frankreich am Main zusammentreten, sie wird zahlreich besucht werden; die vorjährige hat sich mit Vorarbeiten beschäftigt, die diesjährige wird Resultate bringen; mit gespannter Erwartung sieht die Judenheit ihr entgegen. Nur durch zwei Männer ist Eure Partei in Braunschweig vertreten gewesen; ich sage durch zwei, denn Nulten und Brüche zähle ich nicht. Werdet Ihr auch diesmal zu Hause bleiben? Viele Symptome taffen es mich fürchten, doch ich hoffe noch. — Ihr seid mit den Verhandlungen und Beschlüssen der ersten R.-V. nicht zufrieden — wer anders als Ihr ist schuld daran, daß sie nicht besser ansgefallen sind? Haben nicht jene zwei Männer gezeigt, was redlicher Wille und Befähigung vermögen, auch wenn sie noch so sehr in der Minorität sind? Oder legt . Ihr den Verhandlungen der R.-V. keine Wichtigkeit bei, glaubt Ihr nicht, daß sic praktische:: Einfluß haben werden? Ihr setzt Euch hin und doeirt, eine R.-V. habe keine. Autorität, es gebe im Judcnthume keine Trennung in Geistliche und Laien. Ihr habt Recht — aber die schwankende Menge folgt Jedem, der ihr die Last der Ceremonien erleichtert, Jedem der den Gottesdienst abkürzt oder modernisirt und kümmert sich wenig um Eure nachhinkenden Protestationen. Doch Ihr bereitet eine Demonstration, eine Erklärung in Masse vor, Ihr wähnt, dadurch werde Alles wieder in das alte Geleis gerückt werden, und die Menge werde stracks der Stimme ihrer hochgelehrten Frommen folgen — Kurzsichtigkeit und Hochmuth! — sie wird Euch verlacher:! In Braunschweig war der Kampfplatz, Ihr habt Euch nicht gestellt, nun denn, so schließt man, dann seid Ihr nicht vorhanden, oder seid zu feig, für tobt zu erachte:: m beiden Fällen; denn daß die Gegner Euch nicht ebenbürtig gewesen seien, das glaubt Euch Niemand, das legt ein Jeder Euch für Hochmnth aus — und das thnt er u:it Recht. Doch über Geschehenes rechte ich nicht mit Euch. Noch ist Alles wieder gut zu machen , darum aber frage ich zun: zweitenmale, werdet Ihr auch diesmal zu Hause bleiben? ES giebt Männer unter Euch, die nicht sitzen mögen, wo die „Spötter" sitzen, deren Ohr von dem, was da Vorkommen konnte, beleidigt sein würde, die schnell die einschlagenden Paragraphen des Jore Dea bei sich überdenken würden, um zu sehen, ob Ihre Kleider unversehrt bleiben dürfen bei den Lästerungen — mit diesen würdigen Leuten rede ich nicht, die Kindlicher: und die Kindischen, die Einfalt und die Boruirtheit mag zu Hanfe bleiben. Und wieder Andere giebt es, die Ihre .Schwäche fühlen, die sich bewußt sind, daß sie den Gegnern nicht gewachsen sind — auch an Die ergeht mein Aufruf nicht, sie mögen in ihren vier Wänden bleiben, sie würden der guten Sache nur Eintrag thun. Und noch Andere sind unter Euch, die kein Interesse mehr au: Jndenthum habe::, solche eutweder, die das Ganze schon in unaufhaltsamen Sturze begriffen sehen, und halb trostlos halb heuchlerisch, seinen Untergang bejammern; oder solche, denen auch das und auch Alles gleich 16 *