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Der Orient · 1845-04-09 · 15 (9.4.1845) · p. Spalte 231-232

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Journal
Der Orient
Volume
1845
Issue
15 (9.4.1845)
Date
1845-04-09
Page
Spalte 231-232 (sequence 4)
Language
German
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281 Studien. Der Eid nach dem rabbinischen Judenthume Eid weniger auflösbar sein soll, wenn er fremde Interessen betrifft. Diese hinzukommende Beziehung giebt ja dem Eide an und für sich kein neues Moment der Heiligkeit, das nicht schon früher in feinem Wesen gelegen haben muß, da die Verpflichtung, die man durch den Eid gegen Menschen übernimmt, nicht größer sein kann , als die welche man Gott schuldig ist. Ist der Eid seinem innern Wesen nach an und für sich auflösbar, weil die Reue, ihn gethan zu haben — mag herrühren aus innern psychologischen Gründen oder aus äußerlichen Vorgängen entsprungen sein — ihn hinterher aufhebt und von selbst auflöst, warum sollte er diese Auflösbarkeit verlieren, wenn der Schwörende mit dem Eide Verpflichtungen gegen Menschen übernommen hat? Er wird ja durch die Auflösung nicht von diesen gegen Menschen eingegangenm..Verpflichtungen, sondern von der Kraft des Eides, wo seine Verpflichtung gegen Gott, entbunden. Wenn wir von unserem Standpunkt aus gegen die Auflösbarkeit protestiren, so ist es ja auch nicht deshalb, weil fremde Rechte verletzt wurden, sondern nur weil wir die Heiligkeit des Eides an und für sich unverbrüchlich halten. Darum protestiren wir auch nicht gegen die Auflösbarkeit bestimmter Eide, sondern gegen die Auflösbarkeit der Eide überhaupt. Auf dem talmudischen Standpunkt dagegen, wo die Auflösbarkeit der Eide mit dem Begriff von der Heiligkeit derselben durchaus nicht im Widerspruch stehend und als Gegensatz erkannt wird, muß es als eine Inkonsequenz betrachtet werden, wenn man durchhinzukommende Beziehungen, die der Substanz des Eides keine größere Kraft verleihen können, die aus dieser Substanz mit Nothwendigkeit hervorgehende Auflösbarkeit auf gewisse Fälle einschränken will, wie denn auch im Talmud selbst das Faktum der Auflösbarkeit als ein unbezweifettes dasteht. — Bemerkenswerth ist es, wie der Vater aller Apologeten, R. Iehuda Ha-Levi in Kusari 3, 49 über diesen Punkt sich ausspricht: Dv-Oiy dh “wn twnyn Dnurn mymi mnm rr^nn r^imnn vtao m fpyn ^n. — wn, jpy ist ihm das absolute Recht, m’inn die strengere Moral, die jenes mildernd ausgleicht. S. I. Moskato's Kommentar das. Die hartnäckige Vertheidigung des Gegentheils, das zornentbrannte, leidenschaftliche Ab streiten einer jedem Unbefangenen in die Augen springende Thatsache, läßt übrigens einen tiefen Blick in das innere Wesen des heutigen rabbinischen Zudenthums, ich meine, in die tiefe, unheilbare Zerfallenheit desselben .mit der Zeit thun. Ich halte mich fest überzeugt — und Viele werden es mit mir sein — daß wenn dieselbe Streitsache vor hundert Jahren außer aller Beziehung mit den Verhältnissen des praktischen Lebens als reine halachische Materie verhandelt worden wäre; wenn Männer, wie noch der selige Rabbi Ezechiel Landau, darüber ein gelehrtes Gutachten Härten abgeben sollen, ganz sicherlich kein Zweifel dagegen erhoben worden wäre, daß nach den gewichtigsten ältesten rabbinischen Autoritäten die Auflösung 232 1 des Eides, auch wenn er fremde Verhältnisse betreffend, vor Gericht geleistet wird, als ein im Tglmud festbeg.rün- \\ detes Resultat feststehe. Durch einen Zweifel ander z Richtigkeit der Sache würde man seine talmudische Kenntniß;! höchlichst kompromittirt und sich den schimpflichen Vorwurf \ eines pND Dy, nach der damaligen Ausdrucks- und Sin-; nesweise, zugezogen haben. Wer gar damals sagen wollte, ] daß so was unmoralisch sei, würde als ein D‘T)p,|Dtt 1 verschrieen worden sein. Und woher das? Man war damals | viel ehrlicher, unbefangener, kindlich unschuldiger. Man hatte 1 in Bezug auf Moral und Religion keinen Standpunkt;J außer dem Talmud, in welchem das religiöse Bewußtsein jj voll und innig und ungetheilt wurzelte. Was im Talmud i steht, d. h., das, wovon die ältesten Autoritäten sagen, daß es im Talmud stehe, war und konnte nicht anders sein, als religiös, als moralisch, so wie das, was in der Bibel steht, d. h., das, von dem der Talmud sagt, daß es in der Bibel j; stehe, schon dadurch moralisch und religiös sein mußte. ji Man befand sich noch in der harmlosesten Unschuld; es konnte' kein Zweifel aufkommen, daß etwas, was im Talmud steht, mit der höher» Moral sich nicht vertrage^ der Talmud war st ja der unfehlbare Codex der höchsten Moral! Man hatte also j. nicht nöthig, das, was im Talmud sich befindet, vor dem st Forum der Moral zu vertheidigen, daher auch nicht nöthig, das, was in ihm steht, aus ihm hinweg zu dis put iren. Dieser Zustand paradiesischer Unschuld existirt aber nun nicht mehr. Die heutigen jüdischen Gelehrten, welche den Talmud vertheidigen, haben schon vom Baume der Erkenntniß des. Guten und Bösen genossen und sich aus dem talmudischen Paradiese verbannt; sie haben einen moralischen Standpunkt außer dem Talmud, ein religiöses Be-, wußtsein, das nicht mehr so ungetheilt in seiner ganzen Lebensfülle im Talmud wurzelt. Wenn heute etwas im Talmud Befindliches vor das Forum der Moral gezogen wird, so können die gelehrten Vertheidiger nicht mehr wie ehemals mit argloser Naivität austreten und behaupten: es müsse, weil es sich im Talmud befindet, ec ipso moralisch sein. Die Gesichtspunkte zur Würdigung der moralischen Beschaffenheit eines Objektes lieaen ganz anderswo; die Richter, welche das Urtheil sprechen, befinden sich außerhalb der talmudischen Grenzen. Die Vertheidigung muß sich daher nur auf eine schmale Linie beschränken; sie muß behaupten: das, was als unmoralisch angeklagt wird, stehe nicht rm; Talmud. Ueber die Moral ist man heute einig wie da-; mals, mit dem Unterschiede jedc-ch, daß damals die ausschließliche Kompetenz hierüber dem Talmud zugehörte, und heute . dem au ß e r und über dem Talmud stehenden allgemeinen Bewußtsein. Der Bruch mit dem Talmud ist nicht mehr zu heilen. Sähen sich die Talmud» ertbeidiger dahin gedrängt, daß das als unmoralisch Angegriffene dennoch im Talmud sich befindet, so müssen sie öffentlich ihn aufgeben und sich von ihm lossagen, wie sie ihn im Grunde ihres Herzens schon längst ausgegeben und von ihm sich losgeia

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