Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1845)
- Date
- 1845-04-09
- Page
- Seite 119 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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149 bedeutsamer Kampf gekämpft, nur aus einer Illusion und aus Unwissenheit entstanden. Im Allerheiligsten des Iudenthums d. h. in denjenigen urthümlichen Elementen der jüdischen Religion, welche bei den jüdischen Denkern aller Zeiten als Kern und Fundament angesehen wurden, herrscht nach wie vor Jahrhunderten tiefer und stiller Friede, und diese Halle wird sogar nicht wie einst das Atterheiligste in Jerusalem, einmal im Jahre betreten. Oder ist etwa das ein würdiger Kampf des Geistes, wenn nach Art der Scholastiker darüber disputirt wird, ob man am Sühnetag in Filzschuhen Buße thun dürfe? Oder sind es etwa würdige Fragen des Iudenkampfes, wenn gestrittet wird, ob man Ln den Zwischenfeiertagen sich den Bart scheeren darf; ob man die strenge Trauerzeit, auf der Erde unbeschornen Bartes sitzend, von sieben Lagen auf drei reduciren könnte, oder ob irgend eine durch alten Misbrauch sich fortgepflanzte Dummheit, wiedasLaschlich oder die Kapparot noch ferner fortzupflanzen sei? Es ist freilich noch nicht lange her, als Geiger, Hirsch, Fasset, Abr. Kohn und viele andere Rabbiner und Rabbinerlein darüber zur Ergötzlichkeit der großen Menge viele Federn in Bewegung gesetzt, und ein zukünftiger Literarhistoriker könnte viel zu thun haben, alle jene längst vergessenen Broschüren und Aufsätze pragmatisch zusammenzustellen. Aber die modernen Kämpfer des Iudenthums, welche jene Zeit so gern als überwunden ausgeben, würden sehr in Verlegenheit kommen, wenn man sie nach den jetzigen Gegenständen ihre Haders fragen möchte. Oder war der aller Vernunft und aller Erfahrung Hohn sprechende Erbfolgekrieg in Posen und P r e ß bu rg, wo auch in der That der Pöbel gesiegt, eine principielle Lebensfrage des Iudenthums? Noch bis zur Stunde wurde nicht über eine Idee, über ein Princip des Iudenthums gestritten, noch bis zur Stunde hat man sich an Alfanzereien so ganz äußerlicher Natur zerarbeitet, und nicht einmal ein Versuch, sich von dem Schulchan Aruch zu emancipirrn, ist in würdiger und wissenschaftlicher Weise gemacht worden. Oder war der Hamburger Geberbuch-Streit, dieser Kampf mit Windmühlen, da nur Orthodoxe mit Orthodoxen kämpften, ein Streit um ein Princip des Iudenthums? War die Rauferei in Breslau, ob man eine eigene Sprache für die Predigt in der Synagoge erfinden sollte, und ob ein Rabbiner die Muttersprache sprechen darf, ein Kampf um irgend eine Idee des Iudenthums? Selbst die Konsequenz, wohin Geiger den wüsten Tumult geistreich getrieben, nämlich ob der Rabbinismus mit der Wissenschaft sich vertrage, wurde in ihrer Lösung zur Seifenblase, da sie zu dem kleinen Punkt zusammenschrumpfte, daß ein Rabbiner ein Buch schreiben darf. Oder wurde etwa die Frankfurter Beschneidungsfrage zu ihrem puincipiellen Punkte getrieben? Freilich hat es Gutachten in Masse geregnet; kapuzinerische, jesuitische, pastoralkluge d. h. herzlich dumme Vota sind zusammengeschmiedet worden, aber keiner der Schreier oder Stimmführer hatte die Kraft oder den Muth, über den engen Zauberkreis seiner religiösen Beschränktheit hinauszuschreiten, und ein guter Genius mag die Herausgeber geleitet haben, sie den Apokryphen bekzuzählen, d. h. sie in ihrem Elemente, in der Finsterniß zu lassen. Solche und »ähnliche antirabbinische Gedanken fielen mir ein, als ich die Schrift: ,,der Iudenkampf. Von Du. Pin off (Leipz. 1845. 8.)" zur Lektüre erhalten. Oer Leser dürfe aber nicht glauben, daß diese Reflexionen, wie sie aphoristisch hier vorausgeschickt sind, aus den Protokollen der Braunschweigec R.-V. entlehnt sind, oder daß sie den Standpunkt des Hr. P. bilden, sondern sie konnten höchstens dem Naturgesetze nach bei ihm vorausgegangen sein, da sonst von dem Buche bis zum Verständnisse desselben ein so großer Sprung zu machen wäre, daß man bei der besten Sprunggeschicklichkeit den Hals brechen kann. Nun mag der Leser den Standpunkt des Hrn. P. und die Tendenz seines formell sehr gut abgefaßten Büchleins erfahren. „Eine glänzende Trinität ist in der Neuzeit erstanden, eine Dreieinigkeit, die mehr geleistet, als es seit Jahrtausenden bis jetztlgeschchen; diese heilige Trias ist: Rüge, Bauer, Feuerba ch. Diese Lehrer der Menschheit haben die Mittel gefunden, wodurch Christen und Juden geholfen werden konnte; denn sie haben dem Menschen das Bewußtsein seiner Göttlichkeit wiedererobert und in diesem Bewußtsein zertrümmern sie alle Schranken, welche die Religionen aufgezimmert Das Unglück der Juden, die Unmöglichkeit ihrer Emancipation, liegt in diesem Mangel des Bewußtseins, daß es keinen Gott giebt und der Mensch selber Gott ist, sogar der Jude. (S. 13) Es liegt eine Kraft im Menschen, die früh oder spät erwacht und sich geltend machen muß. r Diese große Kraft ist das Selbstbewußtsein mit seinen Consequenzen, d. h. fraS Wissen, daß dev Mensch der Inbegriff alles Göttlichen ist, das Wissen, daß außer dem Menschen Alles nur Phantom und illusorische Phcrntasmagorie ist; denn der Mensch allein ist Gott der Welt. Dieses Bewußtsein der eigenen Göttlichkeit ist die eigentlichste Wahrheit, die alle Räthsel löst, das Glück der Gesellschaft fördert und das Individuum in seiner Erhabenheit zur Anerkennung bringt. Nun mit dieser Wahrheit giebt es nicht mehr Juden und Christen, sondern Menschen und um diese Wahrheit zu realisiren wird mit Riesenkräften gearbeitet. Der Socialismus ist ein Absenker der Wahrheit, der Atheismus, die erhabene Idee eines der größten Propheten Robespierre: ist die Parole sür Deutschlands Zukunft, Hegel und seine Jünger haben diese göttliche Idee Robespierre's verherrlicht und auf den Glanzpunkt der Zeit erhoben und die totale Negation muß künftighin die Religion sein, da die Philosophie sich bis zur Anthropologie hinaufgeschwungen. Hat der Christ dieses Ziel erkannt, dann tritt er vom Christenthum ab, oder giebt vielmehr dem Christentum den Scheidebrief, und wird Mensch d. h. Gott." Und was sollen die Juden thun?„(S. 15) Bruno Bauer, der mächtigste und würdigste Kämpe für die Sache der Juden, hatte noch die Illusi on das Iudenthumvon seiner Schlacke zureinigen und darauseine geläuterte Religion zu formiren; aber aus dem Iudenthume läßt sich eben so wenig wie aus dem Christenthume eine Wahrheit er-