Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1845)
- Date
- 1845-04-09
- Page
- Seite 120 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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120 weisen, weit nur die totalste Negation gerade dessen, was Juden- und Christenthum ausmacht, zur Wahrheit führen kann. Die Religionen sind nichts als das Faeit der durch die Kritik nachgewiesenen Unwahrheit. Die Absurditäten desJudenthums anzugreifen, selbst die radikalsten Reformen, scheinen lächerlich und unsinnig; Juden und Christenrhum müssen ganz bei Seite gelegt werden." Von diesem Standpunkte aus fühlt der Verfasser das tiefste Mitleiden für seine Brüder, daß sich unter ihnen nur so Wenige finden, welche der Knechtschaft der Religion sich entwunden, daß die Nationalisten leider nur modernisirte Orthodoxen, die noch immer an etwas Religion fest halten, daß nicht einmal ein Rabbiner der Braunschweiger Versammlung sich von dieser Knechtschaft loszusagen den Math hat." In diesem Mitleiden fordert H. P. die, Juden auf, „sich durch das Bewußtsein des Göttlichen im Menschen selbst zu emancipiren, den Geist zu lösen von den Feffcla des Glaubens undsich von den Schrecken derReligion zu befreien." Man maß gestehen, daß in den Worten des Hrn. Pitt off, der beiläufig gesagt,' auch ein ausgezeichneter ärztlicher Schriftsteller ist, eine Deutlichkeit, Bestimmtheit und Klarheit herrscht, woran die Rabbinerversammlung sich ein Beispiel nehmen konnte; ob aber der Aufruf zum Einpacken der Religion und zur Anbetung des Atheismus Anklang finden wird, möchte man sehr bezweifeln, um so mehr als dann nicht abzusehen ist, was die große Rabbinerversammlung nächstens in Frankfurt zu Lhun haben könnte. Uebrigens kann es nicht schaden, wenn der Verfasser diese seine Broschüre in der .Fernu-eines Antrags der R.-V. übergeben möchte; es sind doch noch so wenig Commissionen gewählt, und die Eitelkeit der Majorität ist noch so lebendig, daß wohl die Wahl einer Commission für diesen so heiligen Gegenstand zu erwarten sieht. Und in der Lhat, welche Kräfte könnten sich nicht da entwickeln! der Präsident könnte seine Gelehrsamkeit und AUweisheit bei der Entwerfung einer angemessenen Liturgie für den Atheismus bekunden; ein anderes Mitglied, das für die alte Religion schon aus Nichts eine unsinnreiche Religionsphilosophie zu schreiben verstanden, könnte sich um so eher geneigt fühlen, auch für den Atheismus eine Religionsphilosophie zu schreiben, als er auch Hegel'sche Brocken verschluckt, und Hegel, wie Hr. P. meint, doch der Patriarch des Atheismus war. — Im Ernste aber ist es gut, auch diese kranke Seite des Zeitgeistes, selbst wenn man nicht Arzt ist, kennen zu kernen; die/ empörten Wellen der Modephilosophie müssen auch solche grinsende Gestalten an das Ufer treiben, und das auch Juden, wie Dr. F. Pinoff und Dr. Frankel u. A., diesen Geisterspuck als Wahrheit begrüßen, kann wohl nicht b fremden. Das Wesen des Judenthums kann dcrAtheismus nicht sein, und. selbst wenn Hrn. P. zugeben will, daß die Menschen diesem Unglauben entgegen gehn, so kann man logisch doch nicht sagen, daß der Atheismus die Zukunft des Judenthumö sein wird, sondern höchstens der Menschheit. Verlag von C. L. Fritzsche. Persoüalchronik und Miseelle». Ham bürg. Interessant wäre eine Zusammenstellung dessen, was die neue preußische Gewerbeordnung noch für die Juden zu wünschen übrig läßt, mit dem, was in andern deutschen Staaten in dieser Beziehung . bereits geleistet oder noch vermißt wird. (üf. Frankfurt a. M. Mehrere Zeitungen schwatzen wieder von einer beabsichtigten Verlegung des Sabbats auf den Sonntag. Das neue Heil soll zuerst in Frankfurt a. M. aufgehen, spätestens in folgender diesjähriger Rabbinerversammlung, vielleicht auch schon früher, da ein reicher jüdischer Banquier 3000 ft., Andere weniger, Mehrere zusammen 11,500 ft, und Hr. Rabb. Stein das Einkommen eines halben Jahres auf den Altar der neuen Synagoge zu legen beschlossen haben, wenn neben dem Sabbatgottesdienst auch ein Sonntagsgottesdienst eingeführt wird.' * ■ * Westph alen. In der preußischen Provinz Westphalen, wo bisher die' ultramontane katholische und die pietistisch protestantische Geistlichkeit in der Verfolgung der Juden und in der Feindseligkeit gegen ihre bürgerliche Gleichstellung einander pfäfsisch die Hand reichten, scheint jetzt ein besserer, humanerer Geist erwacht zu sein. Davon zeigen die bei den Provincialständen in Münster eingereichten Petitionen kn höchst erfreulicher Art. So hat der Vorstand der isr. Gemeinde zu Paderborn' um Aufhebung des Gesetzes vom 20 Sept. 1836 gebeten, ein städtischer Abgeordneter auf Emancipation angetragen, ein anderer die Petition der Bewohner Paderborns um völlige politische und bürgerliche Gleichstellung der Juden, wieder ein anderer die Bitte jüdischer Bürger um vollkommene politische Gleichstellung mit den christlichen Staatsbürgern vorgelegt. Rußland und Polen. Nunmehr ist auch unterm 7. Januar d. I. ein Ukas enthaltend die Verordnung über die Ansiedelung von Juden zum Ackerbau erschienen. Auch hier erscheinen die Karaiten vor den übrigen „Ackerbau-Juden" bevorzugt. * * * Pr a g. In Nr. 23 der „österreichischen Blätter für Literatur und Kunst" befindet sich eine lobende Necension des Wiener Jahrbuches für 1845. Wir waren überrascht, unter österreichischer Censur solche freie Worte aussprechen zu sehen. Der Recensent tritt bei dieser Gelegenheit für die Rechte der Juden in die Schranken. ~ Prag. Man geht hier damit um, einen Lehr- und Leseverein ims Leben zu rufen. Angesehene Männer haben sich für die Errichtung dieses Instituts interrssirt. Druck von I. H. Nagel.