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Der Orient · 1845-02-19 · 8 (19.2.1845) · p. Spalte 123-124

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Journal
Der Orient
Volume
1845
Issue
8 (19.2.1845)
Date
1845-02-19
Page
Spalte 123-124 (sequence 6)
Language
German
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123 Studien. Spinoza und Maimuni über Autorität und Erklärung der Bibel. 124 der Mangel an Vernunft, die Wahrheit zu ergründen, kann uns gestatten, unsere Zuflucht zur Wahrscheinlichkeit zu nehmen, wo nur doch wenigstens Wahrheit verrnuthen. 'Deshalb muß auch das Urtheil der Wahrscheinlichkeit sogleich verschwinden, wenn das Resultat der Vernunft, die Wahrheit selbst erscheint. Ruft uns nun die Bibel zu; sie sei im Besitz der Wahrheit, in ihr sei das Resultat der Vernunft von Gott selbst, dem Inbegriff aller Vernunft, niedergelegt, mit welchem Rechte, oder aus welchem vernünftigen Grunde wollen wir ihr diesen Besitz streitig machen? Etwa dadurch, daß wir nicht begreifen können, auf welche Weise sich Gott den Menschen geoffenbart habe, oder dadurch, daß der buchstäbliche Sinn der Bibel, welcher, der Wahrscheinlichkeit zufolge, der richtige ist, gegen objektive Wahrheit verstoße? Dies sind Gründe, die, wie wir gesehen haben, doch nur der Mangel an Vernunft gelten lassen kann, und wir brüsten uns, die Unzulässigkeit der Bibel aus der Vernunft dargethan zu haben, während wir uns auf Gründe berufen, die doch nur der Mangel an Vernunft gelten lassen kann. Man begeht also diesen Fehler, daß man'Mangel an Vernunft mit Vernunft verwechselt, und die Wahrheit, welche sich nur durch das Dasein der Vernunft manifestiren kann, gerade aus dem Mangel derselben herzuleiten sucht. Wenn aber Jemand einwenden wollte, wenn wir auch die Unzulässigkeit der Bibel aus der Vernunft nicht erweisen können, so ist ja damit noch nicht ihre Bestätigung erwiesen? Denn sie stellt das, was sie für Wahrheit vorgiebt, nicht als unmittelbar, aus der Vernunft anerkannt dar, sondern stützt sich auf Offenbarung, die wir doch auch nicht aus der Vernunft zu begründen ün Stande sind, und wir könnten ja, da sich die Vernunft nicht für das Andere entscheidet, eben so gut die Bibel verwerfen als annehmen. Hierauf läßt sich entgegen , daß man m der That eine so uralte und allgemein anerkannte Autorität, wie die Bibel, wie überhaupt Leine Autorität, die sich einmal allgemeine Anerkennung verschafft har, nicht dadurch beseitigen kann, daß man keinen Grund har sie gelten zu lassen, und ihre Giltigkeit nicht aus der Vernunft demonstriren kann, sondern nur dadurch, daß sich ein strenger, evidenter und allgemein anerkannter Beweis dagegen darthun läßt. Dies bestätigt die Geschichte so mannigfach, daß ich kein Beispiel anzufüyren hier für nöthig erachte. Wenn man aber einwendet, der Gedanke der französischen Revolution sei ja alle Autoritäten zu beseitigen, die Vernunft allein als Richterin anzuerkennen, und alles Bestehende, was wir aus derselben nicht herleiten können zu verwerfen, so läßt sich entgegnen, daß gerade die französische Revolution offenbar vom Gegentheil zeugt. Denn wiewohl die Ursachen derselben schon seit Ludwig dem 14. begründet waren, dieselbe erst dann zum Vorschein gekommen, und die Beseitigung der Autorität zur Folge hatte, als der evidenteste Beweis für ihre Unhaltbarkeit sich herausgestellt hatte, als nämlich unter ihr die drückendste Noth so überhand nahm, daß nur eine so radikale Umwälzung alles Bestehenden dieselbe abzuwälzen im Stande war. Und wenn sie behaupten, daß Napoleon deshalb untergehen mußte, weil er sich als Autorität darstellm wollte, so zeugt die Geschichte gerade vom Gegentheil; denn bekanntlich ist ja Napoleon nur dadurch gestürzt worden, weil er andere schon bewährte Autoritäten hat umstoßen wollen. Ja dies könnte auch nur dann ausführbar sein, wenn wir im Besitze der höchsten Vernunft wären, und genau wüßten, daß dasjenige, was wir nicht mit unserer Vernunft für wahr demonstriren' können, nothwendig falsch sein müßte. Glaubm aber diejenigen, welche das behaupten, wirklich Alles für falsch erklären zu können, was sie nicht aus der Vernunft zu demonstriren wüßten, nun so mögen sie die Bewegung der Himmelskörper leugnen, weil sie ihre Ursachen nicht kennen, mögen sie alle Sätze, welche auf Parallelen - Theorie beruhen, aus der Mathematik verrannen, weil sie dieselbe nicht beweisen können. So lange man dies nicht vermag, und so lange überhaupt unsere Vernunft nicht hinreichend ist, alle Wahrheiten zu demonstriren, so lange müssen wir uns begnügen, manchen Wahrheiten anderswoher als aus der ersten Quelle der Ver-. nunft zu schöpfen, und wir müssen also auch andere Autoritäten als diese gelten lassen. Ja der weise Schöpfer scheint sogar diesen Grundsatz der ganzen Natur zum Siegel aufgedrückt zu haben, damit wir denselben beständig vor Augen haben mögen. Bekanntlich, hat Neuton die Definition der vis inertiae sc» fest gestellt: Ein Körper bleibt nicht nur in Ruhe, so lange keine Ursache zur Bewegung da ist, sondern auch, wenn einmal eine Ursache zur Bewegung des .Körpers vorhanden war, diese Bewegung, selbst nach Beseitigung der Ursache, immer noch sortdauern muß, wenn sich nicht ein Hinderniß dieser entgegenstellt. Also nicht dadurch wird das Bestehende verändert, weil kein Grund cs fernerhin bestehen zu lassen vorhanden ist, sondern daß es einmal zum Bestehen gekommen, und daß doch einmal ein Grund dafür vorhanden war, muß schon genügen, es fernerhin bestehen zu lassen, bis sich ein starkes unabwendbares Hinderniß dagegen herausstellt. So lange uns also unsere Vernunft keine sichere Erkenntniß über die in der Bibel dargestellten Lehren gewähren kann,, und so lange wir überhaupt die Beschränkung derselben anerkennen müssen, so lange müssen wir uns in Bescheidenheit und Demuth der beseligenden Ruhe des Glaubens anvertrauen, und uns dem schützenden Genius desselben überlassen. M. Prag e r. Wissenschaftliche Benennungen für die Operation der Befchneidung. Der Name: Beschneidung (griechisch: rj 7t£Qtzofir(^ lateinisch: Peritomia, Circumdsio; französisch: circoncision; englisch: Circumcision.) ist, wenn gleich nur die Methode , nicht das Objekt der geheiligten Operation bezeichnend, durch einen so langjährigen Gebrauch sanktionirt, daß man denselben auch fernerhin Leihehalten kann und wird.

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