Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 7 (12.2.1845)
- Date
- 1845-02-12
- Page
- Spalte 105-106 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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105 Studien. Spinoza und Maimuni über Autorität und Erklärung der Bibel. 106 halben offenbar aus spricht, nicht aber, wie-Spinoza sie auffaßte, ist, meines Erachtens , ganz der Vernunft gemäß, bewährt sich praktisch und ist sowohl in der Geschichte, als auch Ln der Natur des Universums begründet. Was die Autorität der Bibel anlangt, so ist sie keineswegs von der Art, daß sie höher stände als unsere Vernunft und hätten wir einen strengen Beweis gegen das, was die Bibel lehrt-, so müßten wir' dieselbe beseitigen und unserer Vernunft folgen. Nur muß man: 1) nicht einen strengen Beweis mit höchster Wahrscheinlichkeit verwechseln, und 2) gewiß sein, daß die Bibel wirklich das lehrt, wogegen wir einen strengen Beweis haben. Ersteres beruht auf Intelligenz und gründlicher Bildung. Letzteres hingegen setzt eine objektive Gewißheit in dem Sinne der Bibel voraus. Wenn wir nun zwar nicht mit Spinoza i übereinstimmen können, daß, nach der Meinung des Mcümonides, jede Bibelstelle verschiedene und entgegengesetzte Erklärungen zulasse, so müssen wir denn doch zugeben, daß wirklich manche Stellen, von verschiedenen Kommentatoren, verschieden und auch bisweilen entgegengesetzt erklärt worden sind. In diesen Stellen können wir allerdings keine objektive Gewißheit über ihren Sinn haben, indem objektive Gewißheit jede andere Meinung ausschließt. Besonders in dem spekulativen Kheil der Bibel, von der Art und Weise, wie sich Gott dem Menschen offenbarte u. dgl. m. Die Ausdrücke von so viel umfassender und auch metaphorischer Bedeutungen, daß es sehr schwer mit völliger Gewißheit zu ermitteln sei, in welcher Bedeutung irgend ein Wort genommen werden muß. Dies wird übrigens Jeder, der Schrift und Sprache kennt, nicht in Abrede stellen. Was jedoch Offenbarung und Wunder betrifft, so sind sie so deutlich und unzweideutig dargestellt, daß kein Zweifel, ob sie die Bibel wirklich annimmt, hierüber obwalten könne. .Sie liegen vielmehr so der gesummten heiligen Schrift zum Grunde, daß Alles, was nicht damit in Uebereinstimmung zu bringen ist, als ihr fremdartig betrachtet werden muß. Man kann sie also gewissermaaßm als Grundprincipien betrachten, worauf das Ganze beruht, und jedes Einzelne damit in Einklang zu dringen ist. Demnach werden Stellen, die zwar an und für sich genommen, verschiedene Erklärungen zulaffen, von welchen aber-nur eine einzige sich mit diesen Grundprincipien verträgt, alle übrigen . aber Folgerungen nach sich ziehen, welche diesen Grundprincipien widersprechen, nur in dem Sinne genommen werden können, in welchem sie sich mit denselben vertragen. Was wir auf diese Weise vom Sinne der Bibel herausgebracht haben, kann uns also für den objektiv wahren Sinn derselben gelten. Was aber die übrigen Stellen anlangt, die verschiedene Erklärungen zulaffen, welche, sich allesammt mit dem auf obige Weise -anerkannt objektiven Sinn der Bibel vertragen, erkennen wir, der höchsten Wahrscheinlichkeit zufolge, den buchstäblichen Sinn für den einzig richtigen an. Jedoch könnten, wie wir weiter sehen werden, gewisse Gründe vom buchstäblichen Sinne abzuweichen uns nöthigen. So lange aber dies nicht der Fall ist, müssen wir den buchstäblichen Sinn für den einzig richtigen anerkennen. Will man nun, nachdem man die Bibel nach dieser Norm erklärt hat, .den Inhalt desselben vor das Forum der Vernunft fordern, so könnte dies auch aus einem allgemeinen Gesichtspunkte geschehen, wenn man sich die Frage stellt, ob denn die Bibel, vermöge ihres göttlichen Ursprungs, nur objektive Wahrheit lehren könne? Die bejahende Antwort dieser Frage würde zugleich das Resultat mit einschließen, daß kein specieller Fall eintretcn könne, wo die Bibel gegen anerkannte Wahrheit verstoße. Jedoch dürste wohl die unumstößliche Gewißheit, daß die Bibel nur objektive Wahrheit lehren könne, auf Erklärung derselben da von Einfluß sein, wo wir, der höchsten Wahrscheinlichkeit zufolge, den buchstäblichen Sinn für den richtigen angenommen haben; denn sollte es sich ereignen, baß; eine solche Stelle, vermöge unserer Erklärung nach dem buchstäblichen Sinne, gegen anerkannte Wahrheit verstoße, so müßte sie nothwendig anders erklärt werden; denn es würde in diesem Falle das Resultat der höchsten Wahrscheinlichkeitgegen objektive Gewißheit streiten, und ersteres muß also nothwendig falsch sein. Hieraus erhellet nun, in welchem Zusammenhang die Begründung der Sache mit der Vernunft, mit der Erklärung der Bibel steht, daß nämlich innerhalb der Voraussetzung die Bibellehre objektive Wahrheit, wie da, wo wir der Wahrscheinlichkeit zufolge, Len buchstäblichen Sinn für den richtigen angenommen haben, bisweilen genöthrgt werden, von demselben abzuweichen. Da nun' der wahre Sinn dieser Sätze erst nur dann ermittelt werden kann, wenn wir mit dem Satz, ob die Bibel objektive Wahrheit lehrt, völlig im Reinen sind, so müssen wir zuvörderst diesen Satz selbst untersuchen. Gesetzt aber, dieser Satz wäre außerhalb der Bibel fest begründet (etwa dadurch, daß wir genau wüßten, daß die Dibel uns von Gott überliefert worden sei und von Gott nur objektive Wahrheit ausgehen-könne), so könnte kein Fall eintreten, wo die Bibel gegen objektive Wahrheit verstoße, und selbst da, wo wir einen strengen Beweis zu haben glauben, dürfen wir unserer Vernunft nicht trauen; denn wir könnten uns doch nicht anmaßen, die Wahrheit besser einzusehen, als Gott, der Inbegriff aller Wahrheit selbst. Gleichwohl sagt aber Maimonides: r,y?:o minn fen iqd'in njn by noraerb newn hätte man einen Beweis gegen die Bibel, so würde man dieselbe beseitigen müssen. Hieraus erhellt, daß der Satz von der objektiven Wahrheit der Bibel außerhalb - derselben nicht begründet ist, und wir müssen also suchen, denselben aus der Bibel selbst zu erweisen. Dies könnte aber nur aus den Sähen geschehen, wo wir völlige Gewißheit in dem Sinne der Bibel haben; denn da, wo der Sinn des Satzes, vermöge -der höchsten Wahrscheinlichkeit bestimmt wäre, läßt sich ja hierüber Nichts ermitteln, bevor wir mit dem unseren zu erweisenden Satz im Reinen sind. Nun hat sich in dem Maimonides herausgestellt, daß wir nicht einmal die Wahrheit der Sätze, deren Sinn wir nicht genau kennen, zu erweisen