Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 7 (12.2.1845)
- Date
- 1845-02-12
- Page
- Spalte 101-102 (sequence 3)
- Language
- German
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101 102 Studien. Messiaslehre der Bibel. seits die eonclitio »ine qua non gestellt ward, seine Persönlichkeit in die Gesammtheit seines Volkes aufgehen zu lassen, — so wurde es andererseits wieder ermahnt, hierbei nicht stehen zu bleiben, sondern sich durch die Gesammtheit und mit derselben zu jenem höhern -Standpunkt zu erheben, wo auch das Individuum als berechtigt erscheint. Dadurch aber, daß es nicht sowohl auf die Gesammtheit schlechthin, als vielmehr auf die Beschaffenheit derselben ankommt, obste berechtigt sein soll oder nicht, — konnte Israel seine Aufgabe btos damit, daß es einen Staat bildete, noch nicht völlig gelöst schengeschlechts nicht nach den geschichtlichen Fa k t i s, sondern auf eigene Faust a priori zu konstruiren, und so beliebt es ihr, dem Iudenthum eine niedrigere Stufe als dem alt-römischen Hcidenthum anzuweisen, — vorgebend, das Got- Lesbewußtsein der Juden hätte sich nicht über den partikularistischen Volksgeist erhoben, wahrend das' der Römer den allgemeinen Weltgeist umsaßt. Wäre nun dem wirklich also, wäre der Gott Israels in der Lhat nichts anders gewesen, als der Geist der Totalität des israelitischen Volkes: so hätte die höchste Ausgabe des Israeliten nur sein können-/ seine Persönlichkeit in die Totalität seines Volkes aufgehen zu lassen, — hier aber einmal angelangt, hätte er — als im Normal-Zustand sich befindend über allen und jeden Makel erhaben sein müssen, in sofern Gott nicht sündigen kann. Gleichwohl aber sagt uns die Einsetzung des Versöhnungstages, daß Israel selbst als Totalität noch der Entsündigung und Versöhnung ,bedarf, mithin die Totalität als solche mit dem vom Israeliten zu erstrebenden Rormal-Zustand keineswegs identisch ist, sondern daß dieser noch weiter hinaus liegt. — Wie hilft sich nun die bezeichnete Religionsphilosophie aus diesem Dilemma? — Ein zweiter Alexander, zerhaut sie — nicht den gordischen, sondern — den selbst geschürzten Knoten mit — mirabile dietu — mit der Behauptung, daß das Institut des allgemeinen Versöhnungssestes die Antieip'ation einer ch ristl ich en Id e e sei HU!). Dieser Weisheit gemäß dürfen die Nachbeter Hegel's die Priorität der Idee desselben sich vindiciren, und den etwaigen Einwurf, daß man ja das Alles bereits bei Hegel finde, mit der einfachen Bemerkung beseitigen können, Hegel habe ihre Idem anticipirt. Sonst war man es nur an der Theologie gewohnt, daß sie Widersprüche durch Annahme einer Anticipation auszugleichen suchte, so z. B. (wenn auch in einem andern Sinne) den bekannten Widerspruch zwischen den Synoptikern und Johannes; jetzt aber muß man cs erleben, daß auch die Philosophie zu diesem verzweifelten Auskunftsmittel ihre Zuflucht nimmt. Indessen scheint das Gewissen der He ge loschen Religionsphirosophie endlich doch erwacht zu sein, indem sie sich später mit der Bemerkung zu verbessern sucht, „daß sie nur den alten, starren und partikularistischen Mosaismus.dem Gottes-Bewußtsein der Römer nachgesetzt, hingegen gern anerkenne, daß die späcern Propheten brave Leute seien, denen man gar nicht grollen kann, indem man bei ihnen nicht nur römische Ideen (sic!), sondern dieselben sogar in einer bei weitem liebenswürdigern-Weise ausgesprochen finde als bei den Römern, — daher auch der Stifter des Christenthums lieber an das Prophethum als an Römerthum ’ angeknüpft". — Wie auf einmal so bewunderungswürdig naiv! — ,,0 temporal o itiores!“ würde C ice ro auch in Bezug aus den modernen Ca tili n a ausgerufen haben. — habenx3) , — wie hinwiederum dadurch,, daß dieser Staat zu Grunde ging, die betreffende Lösung noch nicht unmöglich -geworden"); vielmehr ist dies nur eine Aufforderung mehr an die Betheiligten, auf den Normal-Zustand der Gesammtheit, und zwar nicht nur Israels, sondern des ganzen Menschengeschlechts, nach Kräften hinzuarbeiten ")♦ Der Normal-Zustand der Gesammtheit des Menschen-Geschlechts ist aber nichts anders als das Messias- Reich"), wie auch der Normal-Zustand des Individuums nichts anders ist als das H i m m e l reich lT). Die Hinarbeitung auf das M e ssias-Reich hat indessen nicht erst mit dem Brande des Tempels zu Jerusalem, sondern bereits mit den Uranfängen des Iudenthums begonnen, in so fern schon in der ersten Verheißung an Abraham (Genes. 12, 1. 2) von dessen Nachkommenschaft und ihrem Beruf als Gesammtheit die Rede ist "). Wir kommen nun zu der Frage, ob der Lehre der Schrift gemäß die Nealisirungdes Normal-Zustandes der Gesammt- 13) Der Hegel'fchen Philosophie, deren letzte Konsequenz die Vergötterung des Staates ist, und die daherdem Judenthume keine größere Ehre erweisen zu können glaubt, als daß sie es als eine politische Konstitution desinirt, muß dies, gegen den Orbis terrarum der Römer gehalten, nothwendig als das Geringere erscheinen. Aber dieser Maßstab ist ein falscher; das Iudenthum kennt und verlangt eine in Gott ausgehende Totalität. Das Iudenthum konnte daher'seinen Rormal-Zustand erreichen ehe es noch einen Staat bildete.' Dies.'-war am Sinai der Fall; hier ging das Individuum in die Totalität auf: oy n - 8^ Uyq m rp (GSpob, 19, 8), — wie hinwiederum die Totalität in Gott cuifgtng: TI in "PN ^2 riDN'l (iWtl.). Daß dies aber wirklich der Normal-Zustand des Iudenthums ist, spricht Gott selbst auf's Klarste mit den Worten aus: Ä;Di nr nvn Deut. 5, 29. Hingegen sehen wir wieder,. wie das Iudenthum als Staat in einem abnormen Zustand. sich befindet: 7di )DND "jffiN N'1? ’O (1 Sam. 8,7). Hier will nämlich die Totalitär ihren Schwerpunkt in sich selber finden: n’Urrte UCDp -f?!2 1J1? ruri (ldicl. ibid. 6), während ihr Ziel doch weiter hinausliegt: n/JTl □22^12 caviiw ib. 12, 12. — 14) D'DDND DHD'IN pN2 DniVD flN! D.i f}N). orrriV^ 'n 'IN -o dnn ’n’i2 idh“? 'di.. Lev. 26, 44. - 15) Je st 56, 1 ff. — Zefanja 3, 9. — Micha 4, 1 ff. 16) Ies. 11, 1 ff. — 17) nnp rvrm n^rr^Dm Dan. 12, 3. — 18) Wir glauben nicht zu irren, wenn wir die ersten zwei niiro der m&y nitDB' so auffassen': 1) ni3N/ die Verh eißung (— Offenbarung) des Iudenthums und seiner Mission; 2) vollständige Realisirung des Messias-Reiches (t>ic ro~\2 schließt nur A b r a h a m allein, weil mit ihm die Realisirung der Messias-Idee begann); endlich 3) rpnn Hi mne elre i ch vchj) Unsterblichkeit), wohin man nur durch das Messias-Reich gelangen kaum Nun wird man auch einen liefern Sinn in jener Ha gada finden: pf:n)n ttr? h'O' l'omn p * „hdin n’ni"!?'n * ^22".—