Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1845)
- Date
- 1845-02-12
- Page
- Seite 53 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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53 Oesterrei ch. Prag, Ende Jan. Um drei Punkte dreht sich das Gespräch in unserer alten und neuen Gemeinde: um die Besetzung der Predig erstelle, die jüdisch-deutsche Hauptschule und die Errichtung eines Seminars. Die ,,Temprtgemeinde" sieht es ein, daß ein energischer Mann den Schlußstein des Tempels bilden man und ist daher über die Wahl eines neuen Predigers sehr unschlüssig. Zwar ist die Kandidatenliste bereits mit vielen Namen gefüllt, doch sind die Wagschaalen in Schwankung. Ein Hauptgrund der Unentschlossenheit ist das Streben der Gemeinde, eine literarische Notabilität für sich zu gewinnen, was wir als einen durchaus verkehrten Gesichtspunkt bezeichnen müssen. Die Gemeinde bedarf eines thatkräftigen Mannes. Hat sie doch selbst bereits die Erfahrung gemacht, daß Energie ihr mehr als literarischer Ruhm gefruchtet! Der Judenheit Prag's im Ganzen wäre allerdings ein gelehrter Mann zu wünschen, der Sinn und Interesse für Wissenschaft anregen mochte.— Unsere Hauptschule hat einer: gewissen Herrn W— z zum neuen Direktor. Diesen neuen Direktor haben wir dem Hrn. v. Läml zu verdanken. Man beschuldige den Hrn. von L. nicht des Jndiffermtismus. Er sorgt nicht blos für unsere Gemeinde; sein Eifer erstreckt sich auch arrf die Besetzung der Kreisrabbinate. Als Pächter der Judensteuer bewährt er sich auch als einen energischen und eifriger: Mann. —- Da ich dieses durch und durch morsche Institut nächstens mit einer Philippica begrüßen werde, so will ich für heute bloS hervorheben, daß außer Wesfety's ,,Reügionsbuch", Alles den Geist des vorigen Jahrhunderts athmet. Unsere Lehrer glauben, nur dann in ihren Lehrfächern fortschreiten zu müssen, wenn der Fortschritt von Oben geboten wird! — Wichtig ist der Plan, ein Seminar für Rabbinatskandivaten und Lehrer zu errichten. Als Lehrer werden — da Ausländer wahrscheinlich nicht zugelassen werden — Napaport, Nedisch, Lcwi (ein tüchtiger Talmudist und Kenner der rabbinischen Literatur), Wessely, Landau und Steinschneider bezeichnet. Wir wünschen, daß der Plan bald realistrt werde und daß man zugleich an die Verbesserung der materiellen Lage der RabbinatSkandidaten und Lehrer denken möge. Das Gesetz über die Gide der Juden im Herzogthum Brarmfchweig. Mitgetheilt von Dr. PH. Ghrenberg. Jede Erörterung einer in den Vorurtheilen der Menge begründeten, aber mit dem Urrechte der Menschheit unvereinbaren Erscheinung ist wichtig und nothwendig für Aufklärung und Vorbereitung der befangenen Gemüther. Aber wie weit ab in der Zeit liegt die Anregung, z. B. der Sklavenemancipation, von ihrer Verwirklichung! Wie viel Worte sind fast spurlos verschwendet worden, ehe die That nachgefolgt! Das Beispiel wirkt wie der Blitz, rasch, zündend, zermalmend! Solch' ein Beispiel liegt uns vor, herzerquickend in dieser dürren Zeit philosophischer und religiöser Spitzfindigkeiten, in diesem Zahrzehend der erneuerten Judenverfolgungen in Damaskus, Westphalen und Polen. Ein Grundstein ist wiederum gebrochen aus dem Gebäude mittelalterlichen Aberglaubens und Vorurtheils; der geringste Stoß wirst es vollends zusammen. Dank dem hochherzigen Fürsten, Seinen edeln Rathen und den ruhmvollen Vertretern des Volks, die, sich abwendend öon den Gemeinplätzen des Vorurtheils, die Wahrheit) das Recht frei und laut bekannt und einen langjährigen Druck fast mit einem Worte vernichtet haben! — Fehlt auch dem Staatsleben in unserm Braunschweiger Lande die vollständige Oeffentlichkeit, bieten daher die gedruckten landständischen Verhandlungen nur ein Gerippe des lebendigen Organismus dar, und darf ich oft nur andeutend die Persönlichkeit der Handelnden bezeichnen^ so offenbaren sämmtliche Aktenstücke, den Iudeneid betreffend, dennoch einen so durch und durch edeln Geist der Milde und Gesinnungsreinheit, daß sie keines Kommentars bedürfen. Mögen die Leser selbst noch in die summarischen Berichte alle Wärme des Herzens, alle Freundlichkeit der Worte, deren sie fähig sind, hineinlegen: sie erreichen doch kaum den Geist, der sich, nach dem Zeugnisse der Eingeweihten, in den zuvorkommenden Bemühungen der hohen Regierung wie in den Verhandlungen der Landstände ausgesprochen hat. So möge denn das Werk für sich reden! Ich begleite die ofsiciellen Aktenstücke nur zuweilen mit einigen Bemerkungen. Obgleich das Staatsministerium in dem vorgelegren Gesetz-Entwürfe sich fast ganz nach den von den Juden selbst ausgegangenen Anträgen*) gerichtet hatte, machte dasselbe doch nicht die geringste Schwierigkeit, auch die wenigen dem Partikularismus huldigenden Bestimmungen aus dem Gesetze zu entfernen , da die Juden zu besserer Einsicht gelangt waren uud wir uns des langentbehrten erhebenden Gefühles zu erfreuen wünschten, auch in den äußern Formen *) Das größte Verdienst um diese, wie um so manche das Gemeinwohl betreffende Angelegenheit, haben sich die würdigen Vertreter der Gemeinde, die Herren L. Helfft, I. Jüdel, W. Hertz erworben, deren Wirksamkeit durch den Landrabb. Hrn. Dr. Herzfeld mit Elfer unterstützt ward.