Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 5 (29.1.1845)
- Date
- 1845-01-29
- Page
- Spalte 71-72 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/8555529-9897698-9897704--3886-3531009- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Studien. Spinoza und Maimum über Autorität und Erklärung der Bibel Worten: „Daher verwerfen wir die Meinung des Maimonides als schädlich, unnütz und abgeschmackt." Zuerst ist zu bemerken, daß sich gar nicht absehen läßt, wie der Verfasser aus der Behauptung,' daß die Stellen, welche in der Bibel von der Erschaffung der Welt Vorkommen, so erklärt werden könnten, daß sie auf Ewigkeit der Welt hkndeuten, zu dem Schluß gelangen kann, daß jede Bibelstelle verschiedene und entgegengesetzte Erklärungen zuließe, zumal da derselbe Stellen, wie nnn Enn JW und nvw nw HD, die wohl auf Ewigkeit der Welt hindeuten könnten, in seinen Werken selbst citirt. Noch viel weniger läßt sich begreifen, daß Maimonides geglaubt haben sollte, man könne sich vom wahren Sinn keiner Stelle genau überzeugen, wenn man nicht wüßte, daß die Stellen der Erklärung zufolge, Nichts enthalten, das nicht mit der Vernunft übereinstimme oder derselben widerstreite; denn wir werden bald zu zeigen Gelegenheit haben, daß es wohl Stellen in der Bibel gibt, deren Wahrheit Maimonides aus der Vernunft nicht herzuleiten im Stande war, und die er dennoch erklärt. Ferner ist der Grund, den unser Verfasser für seine Behauptung angiebt, daß nämlich, sobald sich fände, daß eine Stelle nach dem buchstäblichen Sinn der Vernunft entgegen wäre, man die Stelle, wiewohl sie ganz deutlich zu sein scheint, dennoch anders erklären müßte, auch nicht auf alle Bibelstellen auszudehnen; denn in der Lhat giebt es Stellen, die dem Maimonides so deutlich waren, daß er eher gewagt hätte, die Bibel gänzlich zu beseitigen, als daß er sich unterfangen sollte, die Stellen anders zu erklären, wie wir gleich nachzuweisen Gelegenheit haben werden. Ja selbst von der Idee der Ewigkeit der Welt, wiewohl sie mit denBibelstellen, welche von diesem Gegenstand handeln, in Einklang zu bringen sei, behauptet doch Maimonides im zweiten Grunde, (auf dessen Untersuchung sich unser Verfasser wohlweislich im Lause der ganzen Abhandlung gar nicht einläßt), wo er das Verhältm'ß derselben zu andern Lehren der Bibel in Erwägung zieht, daß sie sich keinesweges mit der Bibel verträgt; denn daselbst behauptet er, daß diese Idee, sowie sie Aristoteles erklärt, daß nämlich die Natur, ewigen nothwendigen Grundsätzen gehorchend, sich auf keine Weise verändern und Nichts gegen den gewöhnlichen Lauf der Dinge Hervorbringen kann, den Grundprincipien der Bibel offenbar widerspricht und alle Wunder Lügen straft, und schließt sogar diesen Abschnitt mit folgenden Worten: on’1? DDNTin btt nnntt rojrb pyn pnjni nV?DD minn t>iDn njn by noio: „Stellte sich die Meinung des Aristoteles, vermöge eines evidenten Beweises, für wahr heraus, so wäre das Fundament der Bibel ganz und gar gestürzt, und die Sache würde auf andere Gedanken geführt haben." Wir müßten also die Bibel gänzlich aufgeben, wenn wir einen Beweis für die Ewigkeit der Welt hätten, nicht aber wie unser Verfasser meint, daß wir alsdann die Bibel so ausdeuten müßten, daß sie sich mit diesem Kriterium verträgt. Daß das mjf& jijyn rücht in diesem Sinne genommen werden kann, zeigt das 72 nfej ITMin-ßonj deutlich an. Es würde sich herausgestellt haben, daß die Autorität der Bibel Null und nichtig sei, da ihre Principien gegen anerkannte Wahrheit verstoßen, und man würde in Betreff dieser Autorität nothwendig auf andere Gedanken kommen müssen. Wenn aber Maimonides behauptet, daß man erst ganz genau von der Strenge seines Beweises überzeugt sein, und völlige Gewißheit in dem Sinne haben muß, ehe man die Nichtigkeit der Autorität derselben auszusprechen wagt, so könnte dies, meines Erachtens, nur derjenige misbilligen, der von vorn herein keine Bibel anerkennen, und sie nur dann annehmen will, wenn er einen strengen Beweis dafür hat. Daß dieser aber völlig im Irrthume sei, werden wirspäter, bei der Begründung der Meinung des Maimonides nachzuweisen suchen. Wenn aber wirklich Maimonides sich nicht vom wahren Sinne der Schrift überzeugen konnte, so lange er noch an der Wahrheit der Sache zweifelte, so müßte derselbe seiner Behauptung zufolge, daß man weder für noch gegen die Ewigkeit der Welt einen Beweis habe, keinesweges im Stande sein, die betreffenden Stellen über diesen Gegenstand zu erklären. Gleichwohl heißt es aber in eben der von unserem Verfasser angeführten Stelle:' „Auch sind uns die Zugänge zur Erklärung der Stellen, welche über die Materie der Erschaffung der Welt gefunden werden, nicht verschlossen und abgeschnitten." Ferner sagt Maimonides hier ebenfalls ganz ausdrücklich, daß er deshalb vom buchstäblichen Sinn nicht abweicherr darf und denselben für den wahren halten muß, weil er für die Sache keinen Beweis habe, also gerade das, was ihm nach der ihm von unserem Verfasser zu Grunde gelegten Ansicht, überhaupt die Fähigkeit, die Stellen zu erklären, absprechen sollte. Würde vielleicht Jemand behaupten, daß eben deshalb, weil er die Unhaltbarbeit des ersten Grundes gefühlt hat, fügt er noch einen zweiten hinzu, und sagt, daß er hier einmal eine Ausnahme machen muß, und wiewohl er nicht von der Wahrheit der Sache überzeugt sei, dennoch den buchstäblichen Sinn für den wahren gelten lassen muß, weil das Gegentheil hiervon gegen die Grundprincipien der Bibel, nämlich Offenbarung und Wunder verstoße, so frage ich nur, wie soll denn Maimonides den wahren Sinn der Schrift von Offenbarung und Wunder gefunden haben? etwa auch erst, nachdem er die Wahrheit der Sachen mit der Vernunft anerkannt hat, (abgesehen davon, daß er sogar in eben diesem Abschnitt, gegen diejenigen eifert, welche die Wunder mit der Vernunft erklären wollen,) und verstößt aber die Meinung des Aristoteles von der Ewigkeit der Welt gegen diese Grundprincipien, folglich auch gegen mit der Vernunft anerkannte Wahrheit, und wir hätten demnach einen Beweis gegen die Meinung des Aristoteles, und doch will Maimonides behaupten, daß man weder dafür noch dagegen einen Beweis habe. (Fortsetzung folgt.)