Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 5 (29.1.1845)
- Date
- 1845-01-29
- Page
- Spalte 69-70 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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G Studien. Spinoza und Maimuni über Autorität und Erklärung der Bibel. 70 Ueber Mutorität und Erklärung der Bibel. Eine vielleicht zeitgemäße Erörterung, ' mit Rücksicht auf- Spinoza und Maimonides. Ueber Spinoza selbst, sein System, seine Ansichten über Philosophie und Theologie und das Verbältniß derselben zu einander, will ich mich einstweilen jedes Urtheils enthalten. Dies soll einer spätern weitläufigem Abhandlung Vorbehalten bleiben. Jedoch dürste wohl zu einer Zeit, wo es sich nicht mehr um die Anerkennung des Talmuds, sondern vielmehr um das Fundament der Religion, der Bibel selbst, handelt, folgende Untersuchung, über Autoritär und Erklärung der Bibel, nicht unangemessen erscheinen. Man erwarte hier aber nicht einen Angriff auf eine bestimmte Partei, sondern nur eine rein theoretische und streng wissenschaftliche Untersuchung, von deren Resultat es jedem unbefangenen Leser frei stehen mag, eine Anwendung aufs Praktische nach Gutdünken zu machen. Was den Titel dieser Abhandlung betrifft, so könnte dieser wohl bei Männern, die einen Spinoza zu würdigen wissen, Vorurtheil gegen mich erwecken, aber man lese und urtheile. Die betreffende Stelle Spinoza's gegen Maimonides befindet sich im theologisch-politischen Traktat Kap. VH, p. 99. Hier behauptet der Verfasser, daß, nach der Meinung des Maimonides, j ede Bibelstelle verschiedene, ja auch entgegengesetzte Erklärungen zuließe, und daß wir uns von dem wahren Sinn keiner Stelle gewiß überzeugen können, wenn wir nicht wüßten, daß diese Stelle, unserer Erklärung zufolge, Nichts enthalte, was nicht mit der Vernunft übereinstimme, oder derselben widerstreite. Denn die Stelle mag noch so deutlich sein, so müßte sie doch anders erklärt werden, wenn der Inhalt derselben mit unserer Vernunft nicht in Einklang zu bringen ist. Dies soll Maimonides in seinem Buche More Nebuchim Theil 2. Kap. 25 ganz deutlich gesagt haben. Hierauf citirt er diese Stelle mit folgenden Worten: „Man soll wiffen, daß wir uns nicht der Stellen wegen, die in der Schrift von der Erschaffung der Welt Vorkommen, zu sagen scheuen, die Welt sei ewig; denn solche Stellen giebt es nicht mehr, als die, welche die Körperlichkeit Gottes anzeigen, auch sind uns die Zugänge zur Erklärung der Stellen von der Erschaffung der Wett nicht verschlossen und abgeschnitten, sondern, wir hätten ja auch hier die Methode zur Erklärung der Bibel anwenden können, die sich schon bei der Entfernung der Körperlichkeit von Gott bewährt hat, und vielleicht ließe sich dieselbe hier noch besser anwenden, vielleicht vertragen sich diese Stellen noch eher mit der Idee der Ewigkeit der Welt, als jene mit der Unkörpcrttchkeit Gottes. Daß ich aber dennoch solches nicht thue, und die Ewigkeit der Welt nicht glaube, dazu bewogen mich zwei Gründe: 1) Weil aus einer deutlichen Demonstration erhellet, daß Gott nicht körperlich sei, müssen nothwendig alle Stellen, deren buchstäblicher Sinn dieser Demonstration widerspricht, eine andere Erklärung haben, nach welcher sie sich mit dem Resultate jener Demonstration vertragen. Die Ewigkeit der Welt aber kann durch keine Demonstration bewiesen werden; es zwingt uns also Nichts, der Schrift Gewalt anzuthun, und sie einer scheinbaren Meinung wegen zu erklären, von welcher wir doch aus irgend einem Grunde die entgegengesetzte Meinung anzunehmen leicht geneigt werden könnten. 2) Der zweite Grund ist, weil die Unkörperlichkeit Gottes nicht dem Fundament der Bibel zuwider ist. Hingegen die Ewigkeit der Welt zu glauben, sowie es dem Aristoteles vorgekommen ist, zerstört diese Gesetze von Grund aus re." Hieraus meint nun der Verfasser, wäre wohl deutlich, das was er gesagt habe zu entnehmen; denn, meint er, wäre dem Maimonides aus der Vernunft einleuchtend gewesen, die Welt sei ewig, so würde derselbe kein Bedenken getragen haben, an der Schrift zu drehen und zu erklären, bis es endlich schiene, daß sie gerade das habe lehren wollen, so offenbar sie doch allenthalben dagegen spricht, und so fährt unser Verfasser fort, konnte Maimonides vom wahren Sinn der Schrift, so deutlich dieser auch immer sein mochte, nicht überzeugt werden, so lange er noch an der Wahrheit der Sache zweifelte, oder so lange ihm die Sache selbst nicht deutlich einleuchtete; denn, so lange die Wahrheit einer Sache nicht fest steht, so lange wissen wir auch nicht, ob diese Sache mit der Vernunft übereinstimme oder ihr zuwider läuft, und so lange können wir auch folglich nicht wiffen, ob der buchstäbliche Sinn der wahre, oder der falsche sei. Hieraus weint unser Verfasser, folge nothwendig, daß man zur Erklärung der heiligen Schrift eines übernatürlichen Lichtes bedarf; denn behauptet er, da fast Alles, was sich in der Schrift vorsindet, nicht aus Grundsätzen, die aus dem Lichte der Vernunft bekannt sind, hergeleitet werden kann, also kann uns auch die Wahrheit aller dieser Dinge, und folglich auch der wahre Sinn und Verstand der Schrift durch die Kraft des natürlichen Lichtes nicht einleuchtend werden, sondern wir würden hierzu eines andern nothwendigen Lichtes bedürfen. Ferner, behauptet unser Verfasser, folge hieraus, daß das Volk, welches sich gar nicht auf Demonstrationen einlassen kann, die Schrift nur auf Autorität und Zeugniß der Philosophen würde annehmen und folglich voraussetzen müssen, daß die Philosophen in der Auslegung der Schrift nicht irren können. Nachdem er noch dem Maimonides, ganz ohne Grund anzugeben, die Ansicht, daß die Propheten aus der Wahrheit der Dinge geschlossen hätten, aufbürden will, ferner behauptet, daß nach der Meinung des Maimonides der Sinn der Schrift nicht aus ihr selbst, sondern anderswoher geholt werden müsse, und ihn endlich beschuldigt, daß er die Schrift leugne, indem er sie ganz und gar seinen Ansichten accomodire, schließt er mit folgenden