Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1845)
- Date
- 1845-01-29
- Page
- Seite 38 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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38 tigungslosigkeit sind. Wie demnach Mangel an angemessener Lhätigkeii, des Körpers und des Geistes, den gesunden Menschen unruhig, beweglich macht, so auch zu Lange hinhaltende Geistesth ätigk eit, zumal wenn diese nicht selbstschaffend, sondern mehr ausnehmend ist. Der geistreichste Vortrag ermüdet auch den Geistreichsten, wenn er zu lange dauert. Die Aufmerksamkeit des Zuhörers wird erschöpft; er wird abgespannt, fühlt Misbehagen, wird ungeduldig, und mit der Untha'tigkeit des Geistes, der sich nach Ruhe sehnt, beginnt die Thätigkeit oder Beweglichkeit des Körpers. Aus dem aufmerksamen Zuhörer wird ein belästigter und belästigender Ruhestörer. So ist er, der Mensch. Er will Beschäftigung, angemessene Beschäftigung; sein Geist will Nahrung, angemessene, verdauliche Nahrung, Mangel und Ueberfülle werden ihm unerträglich, verursachen ihm Unbehaglichkeit, die sich bald auf die, bald auf andere Weise kundgibt. Mit dieser — vielleicht auch zu langweiligen — allgemeinen Betrachtung läßt sich vielleicht jene so alte und weit verbreitete Erscheinung ganz natürlich erklären, wenn wir dabei die Umstände berücksichtigen, unter welchen früher das (Talmud-) Studium und das Beten stattgefunden. Versetzen wir uns in die Zeit des Genesis des Talmuds, zunächst der Mi sch na, und später-der Gemara, wie wurde da das Studium betrieben? In dem. ^-nßn fTO wurde, vom Vorsitzenden, oder einem Andern der Anwesenden, eine Frage ausgestellt über die nähere Bestimmung irgend einer Vorschrift der Lora, — die erste Mischna schon beginnt mit einer solchen Frage; oder über die Vorschrift einer bereits in Geltung stehenden Norm. Der Eine äußerte nun diese, der Andere eine andere Meinung; es entspann sich eine Debatte, wurde diskutirt und endlich Beschluß gefaßt, oder auch die divergirenden Ansichten ohne Entscheid ausgenommen. Die Verhandlungen geschahen-mündlich; kaum mochte Ein Exemplar der heil. Schrift oder auch nur der Tora gegenwärtig gewesen sein. Der Redakteur der Mischna, i^npn M-,, trug die Resultate jener Verhandlungen, aber ohne die vorhergegangenen Debatten, in der Mischna zusammen; und es entstanden neue Zweifel und Erörterungen auch über diese. Es wurde von Neuem debattirt und diskutirt, welche Debatten und Diskussionen aber von den Redakteurs der Gemara in ihrer vollständigen Ausführlichkeit in diese ausgenommen wurden. Bei jenen Verhandlungeu nach Abfassung der Mischna, waren aber die Exemplare dieser, wie bei dem nachmaligen Studium des Talmuds, nach Abfassung der Gemara, die Exemplare desselben noch seltener r so daß, bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst und noch später, das ganze Studium fast ausschließlich auf die mündliche Verhandlung und aufs Z u h ö r e n beschränkt war. Läßt sich nun bei dergleichen Studien und Verhandlungen schon von den Hauptwortführern eine ruhige Bewegungslosigkeit nicht erwarten, so noch weniger von den müßigen Zuhörern. Je länger, je lebhafter die Debatte und je größer die Teilnahme von Seiten der Zuhörer, desto aufgeregter und bewegter wurden diese, wie überhaupt die Anwesenden. Der stumme Zuhörer zumal war um so beredter durch Geberden und Miene, durch körperliche Bewegung. Was bei dem Einen geschah aus natürlichem Anlaß, das thaten Andere aus Nachahmung, bis das Bewegen und Schaukeln unter den Anwesenden und dann überhaupt beim Studiren allgemeine Sitte wurde, so unter den Lanncü'm, den Helden der Mischna, so unter den Amoralm, den Helden der Gemara, so später heim Studium des Talmuds überhaupt. Eine solche Gewohnheit, einmal im Schwung, mußte dann auch, wie bei den Orientalen überhaupt und insbesondere bei den Juden, ein jeder Brauch und Misbrauch, eine jede Sitte und Unsitte, 2) eine religiöse Bedeutung erhalten , die bei unserem Fall um so näher zu liegen schien, da das Studium an und für sich schon — cte m',n Dübn — als eine religiöse Handlung galt und die Ansicht, daß auch der Leib dem Dienste Gottes geweiht sein solle und müsse, den Juden so geläufig war, eine Ansicht, die, auch in ihrem wörtlichen Sinne, in der heil. Schrift leicht einen Stützpunkt fand, wie namentlich das 'n nriDNH 'nicsy II. DaS Schaukeln beim Beten. Was vom körperlichen Bewegen beim Studium des Talmuds gesagt worden, findet auch auf das Saukeln beim Beten seine Anwendung. Auch nach Einführung bestimmter Gebetsformeln besaß wohl nicht ein jeder eine Abschrift davon; vielmehr vertrat der Vorbeter, der , die ganze Gemeinde (vergl. die mancherlei hierauf bezüglichen Ausdrücke im Talmud und Midrasch, wie namentlich das auch von Dukes in seinem Werke („zur Kenntniß der neubebräischen religiösen Poesie „S. 32 angeführte ij-ijn mp} ’) und Zunz's Vorträge S. 380.) Während nun der Vorbeter die Gebete vortrug, wurden die Andern, die mehr die Zuhörer, abgaben, unruhig, beweglich, verfielen sie ins Schaukeln, *) Vom genannten Verfasser werden in der angeführten Stelle von dem Worte mp in diesem talmudischen Ausdrucke die zwei Bedeutungen: „opfern und „sich nähern" angegegeben, und jener Ausdruck bedeute demnach: „gehe nnd nähre dich," oder „gehe und opfere für uns." mp heißt in der heil. Schrift aber auch in den Kampf gehen, kämpfen (2? mp, rnpb nmDtan); jener Ausdruck nun scheint mir eben diese Bedeutung zu haben: „gehe und kämpfe: streite für uns, führe unsere Sache (vor Gort)." Diese Bedeutung ist in einer solchen Aufforderung an den Vorbeter, als den Stellvertreter und Verfechter der Sache seiner Gemeinde nicht nur ganz angemessen, sondern wird noch erhärtet durch das ein Ausdruck, welcher in der heil. Schrift vom Znfeldeziehen und namentlich vom Anführer, dem ganz gewöhnlich ist und hier auf den Borbeter ganz passend seine Anwendung findet. In wiefern diese meine Ansicht in den betreffenden Stellen des Talmud und des Midrasch sich noch näher begründe, oder auch widerlegen lasse, muß ich dahingestellt sein lassen, da mir jene Quellen nicht zur Hand sind.—