Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1845)
- Date
- 1845-01-29
- Page
- Seite 37 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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37 reit komme es darauf an — Fürsprache für die Juden bis zu den Stufen des erhabenen Throns zu wagen. Die Entstehung des Schaukelns der Juden beim Beten und beim Studium des Talmuds. (Mit Bezug auf: „das Schaukeln der Juden re." von L. Dukes, LB. des Orients, v. I. Nr. 45.) Mitgetheilt von K. Reusz, Rabb.-Kandidat. Frankfurt a. M., im Decbr. 1844. Der geistreiche Verfasser jenes Artikels leitet seinen, dem Anscheine nach kleinlichen oder lächerlichen Gegenstand gleichsam mit einer captatio benevolentiae ein, mit einer Art Rechtfertigung seiner selbst, wie er so etwas Geringfügiges, etwas Lächerliches zum Vorwurf seines Nachdenkens wachen könne, und dem Leser gegenüber mit einer Entschuldigung, daß er ihm dergleichen vorführe. Allein wenn auch das Geringfügigste und Lächerlichste, wie derselbe hier selbst darthut, an und für sich schon eine interessante Seite darbieter, so kann es, eben durch die Auffindung seiner Ursachen, noch erheblicher werden; und wenn vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist, so nicht minder vom Lächerlichen zum Erhabenen. Nicht blos löbliche Sitten verdienen unsere Beachtung; auch Unsitten nehmen unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und wollen in ihren Ursachen erkannt sein. Herr Dukes betrachtet seinen Gegenstand mehr als antiquarischeThatsache, denn als Ersch ein ung; es ist ihm auch eine psychologisch-ethische Seite abzugewinnen durch Auffindung der Ursachen der Entstehung und Fortpflanzung. — Auch ich dachte schon manchmal über die Ursache nach, woher bei den Juden die Gewohnheit des Schaukelns beim Beten und beim Studium des Talmuds vorgekommen sein möge, und glaubte sie, — was zum Theil mit mancher, von H. D. beigebrachten Ansicht übereinstimmt —, in nachfolgenden Umständen zu finden. I. Das Schaukeln beim Studium des Talmuds. Nicht ungereimt dürfte es sein, die Entstehung dieser Erscheinung einer bloßen Zufälligkeit zuzuschreiben. Ein angesehener Rabbi, etwa Vorsteher einer Schule, oderein Na si hatte die Gewohnheit, beim Studiren oder auch beim Beten sich zu schaukeln, und Andere, willkürlich oder unwillkürlich, ahmten ihm nach; es wurde allgemeine Gewohnheit, eine Sitte. Wie viele Sitten und Unsitten, Tugenden und Untugenden verdanken nicht ihre Allgemeinheit dem Beispiele der Großen, denen Untergeordnete, unbewußt, oder mit dem Bewußtsein ihnen dadurch gefällig zu werden, oder auch mit dem Gedanken, daß es so, weil sie es thun, recht schön sein müsse, so gerne nachahmen! Lesen wir denn nicht schon in der Natur, — die uns vielleicht sinnbildlich darauf aufmerksam machen wollte, daß der Mensch, der Vernunftbegabte, nicht wie ein Thier, unselbstständig nachahmen, daß er vielmehr selbstständig, nach Vernunftgründen handeln solle —, gleichsam hieroglyphisch diese Wahrnehmung! Dem Thiere, welches mit dem Menschen äußerlich die meiste Aehnlichkeit hat, gab sie zur vorherrschenden Eigenschaft den Trieb der Nachahmung; was der Affe vom Menschen sieht, das will auch er thun, das thut auch er, so gut er's kann. — So könnte demnach jene in Rede stehende Gewohnheit auf die einfachste Weise entstanden sein und sich dann fortgepflanzt haben; ihre weite Verbreitung jedoch möchte wohl noch andere Ursachen erheischen, die aufzusinden, in Folgendem versucht werden soll. Nach unserem Bedünken sind die Anläße des Schaukels in seinen beiden Erscheinungen zweierlei: ein natürlicher, also eigentliche Ursache, und ein religiöser, also Grund, und zwar'ist jener der Zeit nach älter, und dieser erst später hinzugekommen. 1) Die natürliche Ursache. Zwei einander entgegengesetzte Seelenzusiände, Gedankenlosigkeit und lebhafte Geistesthätigkeit, äußern sich, nach Verschiedenheit des Temperaments oder des Gesundheitszustandes des Leibes wie des Geistes und der Gemüthsverfassung, bald in einer ruhigen, bald in einer aufgeregten bewegten Haltung: beim Phlegmatischen in der Ruhe, beim Sanguinischen in der Bewegung; beim Blödsinnigen in still hinbrütendem Stumpfsinne, beim Wahnsinnigen in der Raserei, beim geistig Nachdenkenden in ruhiger, beschaulicher Betrachtung, wobei gleichsam der Geist den Leib aufgiebt, ihn vergißt, oder, bei gleichzeitiger Aufregung des Gemüthes, in Aufgeregtheit des Geistes, der in seiner Aufregung zugleich den Körper mit sich fortceißt, in Bewegung setzt. Die Mienen und Geberden (Gestikulation) auch beim gewöhnlichen Sprechen sind nichts Anderes, als ein Begleiten der körperlichen Gliedmaßen, folgend — venia sit verbis — den entsprechenden Gliedern (Gedanken) der Seele. Der körperlich und geistig gesunde Mensch, aber außer dem Zustande wirklichen Denkens und angemessener Beschäftigung, empfindet Langeweile, wird ungeduldig, körperlich unruhig, macht allerlei Bewegungen, und zwar äußert sich dies um so mehr, je größer der Fond der geistigen Anlage, je regsamer das Temperament ist. Diese Erscheinung zeigt sich schon beim Kinde, und desto mehr, je geistig begabter es ist. Eines eigentlichen Nachdenkens ist es noch nicht fähig; mangelt ihm nun eine angemessene Beschäftigung oder Unterhaltung: so wird es ungeduldig; begeht Unarten, bricht in ungestümes Wesen aus: wie auch bei Erwachsenen Ausgelassenheit und Ausschweifungen oft nur die Folgen langweilender Beschäf-