Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1845)
- Date
- 1845-01-29
- Page
- Seite 36 (sequence 7)
- Language
- German
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36 entriß, in welchem nicht nur eine Familie den zärtlichen Gatten und liebevollen Vater, sondern auch eine Gemeinde Israels den treuen Seelenhirten beweint, und indem ein Jeder, der sich seines näheren Umganges zu erfreuen hatte, ein Ideal von Leutseligkeit und Humanität erblickte. Eö ist der würdige, frounne und mit seltenen Tugenden begabte Rabbiner Moses Landsberg hier. Ein Sabbat des Channuka-Festes war es, der den frommen Rabbi zum ewigen Sabbate rief. In gewohnter Weise ging er am Morgen dieses Tages nach der Synagoge, verrichtete den Gottesdienst, bestieg rüstiger als je die Kanzel, sprach über die Bedeutung des Festes, und erklärte merkwürdiger Weise eineHagada des Talmuds (Berachot, S. 6), wobei er das menschliche Leben mit der Nacht verglich, und führte hierzu mehrere Beweisstellen aus der heiligen Schrift an. Kräftig und eindringend waren seine Worte, sie fesselten die Aufmerksamkeit der Zuhörer, und im Flusse der Rede sprach er endlich in feuriger Begeisterung: ,,nDN JD3D nny nm 2WU ony?" „nakt ging ich aus meiner Mutter Leib, und nakt werde ich in den Schooß der Erde zurückkehren" (Hiob 1, 21). Kaum hatte er das letzte Wort dieses Verses ausgesprochen, so sank sein theueres Haupt der heiligen Lade zu, und seine Hände waren nach oben gerichtet; Engel harrten seiner an den: Orte, an welchem er noch bis zu seiner letzten Stunde seine Berufspfticht treu erfüllte, nur seine reine Seele nach ihrer Heimath zu geleiten. DaS heißt ,,einen Tod der Redlichen sterben", ein solcher Tod ist der sicherste Bürge eines gottgefälligen Lebens und frommen Wandels. Mit diesem Veteranen altherkömmlicher mosaischer Schule hat das Judenthum wieder eine seiner Stützen verloren. — Moses Landsberg zu Posen geboren 1776 hatte'sein acht und sechzigstes Jahr erreicht, und bekleidete ein und dreißig Jahre hindurch das Rabbinat der israelitischen Gemeinde zu Karge auf eine ruhmvolle Weise, der nun im Herrn entschlafene hochselige Rabbi hatte während seines ganzen Lebens keine andere Grundsätze eingesogen, als diejenigen, welche uns die heilige Schrift und der Talmud geben. Obgleich sein Wirkungskreis sich nur auf seine Gemeinde und die ihr anliegenden Ortschaften beschränkte, so umfaßte doch sein Wohlwollen eine Welt. Vielen Jünglingen von nahe und fern, war er ein vortrefflicher Lehrer, vielen Nothleidenden und Bedrängten ein liebevoller Vater und weiser Rathgeber, und ein Nachlaß Don mehreren kostbaren voluminösen Manuskripten beurkundet den seltenen Fleiß des gelehrten Gottesmannes. — Tiefer Schmerz erfüllte die Bewohner von Karge, viele fanden sich aus der Umgegend ein, um denr theueren Verblichenen noch die letzte Ehre zu erweisen, unübersehbar war der Zug des Leichengefolges und alle Kanfmannsläden waren geschlossen. -— So ruhe denn sanft, du treuer Hirte, bescheidener und anspruchsloser Gelehrter, du aufrichtiger Lehrer und unvergleichlicher Menschenfreund! Dein Andenken wird ewig in unserem Herzen fortdauern. — Polen und Rußland. Von der polnisch-russischen Grenze, 21» Deebr. (Königsb. Ztg.) Nach den neuesten uns zugegangenen Nachrichten soll die Realisirung des Ukases vom 20. April (2. Mai) unverhofft in ein passives Verhalten übergegangen sein. Die erst neulich geschärften Befehle lauten nur für die Uebersiedlung der Huden vom platten Lande, allein die Städte sind in keine Erwähnung gebracht. Der Kaiser soll nämlich dem Minister des Innern befohlen haben, so lange von der Erfüllung des Ukases abzustehen, bis er Höchstdemselben unmittelbar genauen Bericht über die Zahl der Juden in den Städten, über ihre dortigen unbeweglichen Besitzungen , über der: Bestand ihrer Mittel im?lllgemeiitm und Einzelnen ab statten und vorlegen wird. Die Bedrückten glauben, in diesem Allerhöchsten Befehl ein günstiges Zeichen jit sehen, nachdem ein Senatsbeschluß noch am 10. (22.) Januar 1844 diesen Gegenstand als abgeschlossen erklärte. Auch theilte Sir Moses Montefiore seinen Brüdern in Rußland mit, der Kaiser habe während seiner Anwesenheit in London eine dargebrachte Fürbitte geneigt ausgenommen, und empfiehlt ihnen Vertrauen auf das hochedle Herz dieses Monarchen. Ein Bescheid vorn 'Minister des Innern auf eine an ihn noch im April voll einer jüdischen Gesammtheit gerichtetete Bitte ist noch nicht angelangt, während auf eine solche an deil Generalgonvernettr die ersprießliche Antwort zu Thcil wurde: ,,die gewünschten Pllnkte werden berücksichtigt werden." Erfreulich und tröstend ist es, zu sehen, wie die Jilden in Rußland edelsinnige Theitnahlne an ihren: bevorstehenden Schicksal erhalten. Ohne des Generalgouverners, Grafen voll Bibikow, dessen edle Gesinnung hinlänglich bekannt ist, zu erwähnen, können wir nicht umhin, den Vorsteher des Adels, Freiherrn v. Tonschefski, zu nennen. Dieser ehrwürdige Greis, geschmückt mit der Liebe seiner Mitbürger und der Achtullg der Regierung, nahm keinen Anstand, die Juden seines Distrikts gegen die Anfälle seines eigenen Vorgesetzten, voll dem sie ill ihreln Schicksal nicht unabhängig silld, mit hohem Edelmuth §u vertreten; er detaillirte den Gegenstand mit solcher Energie und Wahrheit, überzeugte mit solchen positiven Gründen, wie das Leerwerden der Städte von Juden allch auf die christlichen Mitbürger nachtheilig wirken wird, daß er demselben das Geständlliß abnothigte: ,,Nach Ueberlegung scheine das Gesagte wirklich einzuleuchten". Nun sprach der edle Malln die MeillUllg aus, er wolle von Seiten des Adels um die Erlaubniß anhalten, Bitte und Vorstellung darüber an die hohe Regierung verabfolgen zu können. Ulld ans sein Emmthigen fand sich der ganze Adel be-