Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1845)
- Date
- 1845-01-08
- Page
- Seite 11 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Namen Salonions, Montefiore und Rothschild stehen noch immer bei Erneuerungen zu städtischen Ehrenämtern und auf den Listen der Beförderer gemeinnütziger Anstalten in erster Reihe. (Zluch in Berlin finden wir in dem Vereine für das Wohl der arbeitenden Klaffen Namen wie Geh. Kommercienrath W. Beer, Buchhändler und Gemeindevorsteher Dr. Veit, Stadtrath Ben da, Dr. Behrends, Fabrikant Goldschmidt u. A. an der Spitze; eben so in Paris unter den Komitemitgliedern des deutschen (hört! hört!)Hilfsvereins die Herren Dr. Cohn, Karpeles rc.) — In England wird auch die Gründung einer Rabbinerschule durch Montefiore und Hananel de Castro unter der Leitung des jungen Wolf (Wilhelm Willy- Rot h s ch i l d beabsichtigt. Hr. Dr. Adler dürfte also der letzte aus Deutschland geholte Londoner Rabbiner sein. -- Sehr lebhaftes Intereffe und noch lebhafte Entrüstung erregt auch in England (besonders in der engl. Freimaurer-Vierteljahrschrift) und in Frankreich die Weigerung der preußischen Logen, Juden als Freimaurer anzuerkennen und aufzunehmen. (Dieselbe Angelegenheit behandelt auch Dr. Gotthold Salomon's neueste Schrift; auch in Frankfurt (wo neulich der Antrag des Dr. Matzes, die Ehehindernisse der Juden zu beseitigen, durchsiel) finden deshalb bedeutende Spaltungen statt. --- In Frankreich steht eine Modifikation des Judeneides bevor, (die braunschweigische Regierung hat den Ständen bereits eine solche zur Berathung vorgelegt, die dann auch diese, mit Berufung auf die Protokolle der Rabbinerversammlung, unter Anerkennung des intellektuellen Standpunktes der braunschweiger Juden und mit dem Wunsche einer Veränderung auch des christlichen Eides einstimmig angenommen haben). — Im Kanton Uri (Schweiz), wo die Jesuiten allmächtig sind, sucht man die Nahrungszweige der Juden wieder zu beschränken. — In den Doncmfürstenthümern kommen noch fortwährend einzelne Fälle von Gewaltthätigkeiten gegen die Juden vor. — Mit den afrikanischen Juden ist es noch sehr schlecht bestellt, die marokkanischen sind kürzlich von den Kabylen geplündert worden, weshalb in England für sie Sammlungen veranstaltet wurden. — In Palästina scheinen die Juden selbst und die Verwaltung der zu ihrer Unterstützung bestimmten Gelder in Europa einen großen Theil der Schuld an ihrem Elende zu tragen. Der Zwist zwischen Pinsker, dem Agenten Lehren's, und dem Portugiesen Turgeman dauert fort und man hat es von Jerusalem aus sogar gewagt — was uns lächerlich und niederträchtig zugleich erscheint — die Doktoren Jost und Philippson und wohl auch dieRothschild'sche Familie wegen ihrer Thätigkeit für die Errichtung eines Hospitals und einer Schule daselbst in Bann zu erklären. — Nach Nordamerika wandern viele russische und polnische Juden. In Newyork ist ein Streit über den Gebrauch der Orgel beim jüd. Gottesdienste ausgebrochen. — Man wäre fast versucht, auf die Juden auf dem ganzen Erdbälle die Worte anzuwenden, die Uhland einst zum 12. Oktbr. 1816 mit Beziehung auf Deutschland sang: Nicht preisen will ich, nicht verdammen: Untröstlich ist's noch allerwa'rts, Doch sah' ich manches Auge flammen, Und klopfen hört' ich manches Herz. E. C. «Obersschlesien, 28. Decbr. In einem Dorfe unweit B — hat sich folgender höchst bedauerlicher Vorfall, ganz vor Kurzem, ereignet. Ein jüdisches Ehepaar, sammt der Tochter, wurde, der Diebeshehlerei bezüchtigt, von Polizei wegen gefänglich eingezogen. Der Sohn des Hauses, ein Jüngling von 20 Jahren, bisher ganz unbescholten und allgemein wohlgelitten, war gerade abwesend, und mit Zufuhren zu der in dasiger Gegend begonnenen Eisenbahnarbeiten beschäftigt; wurde jedoch auch aufgesucht, und etwas später ebenfalls gefänglich eingebracht. Wie verlautet, ließ der dasige Gutsherr, der sich überhaupt von jeher niemals gerade durch Humanität ausgezeichnet, diesen jungen Menschen gröblich mishandeln, um ihn dadurch zum Geständniß zu bewegen, aber ohne Erfolg, weil Letzterer nichts zu gestehen wußte. Nach Verlauf einiger Zeit wurde er in seinem Gewahrsam mit durchschnittenem Halse aufgefunden. Durch ärztliche Bemühung, nach hiervon gemachter Anzeige, wieder zum Leben und vollem Bewußtsein gebracht, konnte er seit der Zeit zwar kein Wort mehr sprechen, aber recht gut schreiben. Er klagte nunmehr bemeldeten Gutsherrn schriftlich an, daß dieser ihn, als ec (der Verwundete) in Folge der an ihm verübten argen Mishandlungen ohnmächtig zusammengesunken, in den 5pals geschnitten habe; wahrscheinlich aus Furcht, da er den Ohnmächtigen tobt, geglaubt, um den Verdacht der tödtlichen Mishandlung von sich abwälzen, und den Tobten MtS Selbstmörder bezeichnen zu können. Der Angeklagte jedoch weist die Anklage als lügenhaft zurück, und behauptet fest, der Ankläger habe sich wirklich selbst verwundet. Der unglückliche Jüngling hat noch ungefähr drei Wochen ein qualvolles Leben geführt, und ist dann zum jenseitigen Leben eingegangen. Bis zu feiner letzten Stunde ist er unerschütterlich bei seiner Anklage stehen geblieben, und hat auch vermahnt vom Rabbiner zu B—, der von Seiten der Gerichtsbehörde hierzu requirirt worden, keinen Punkt derselben zurückgenommen. Jedoch hört man, daß vier Zeugen bereits den Schwur abgeleistet haben darauf, daß der nunmehr Verstorbene sich selbst müsse verwundet haben, weil die Thür seines Gefängnisses von innen fest verrammelt gewesen, und er, nachdem man sie gewaltsam geöffnet, in seinem Blute liegend, angetroffen worden. Die gerichtliche Untersuchung geht ihren Gang. 9 *