Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 1 (1.1.1845)
- Date
- 1845-01-01
- Page
- Spalte 11-12 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Kritiken. Kurze Anzeigen. IS indem er zugleich nachweist, woher es komme, daß im Talmud so sehr, viele unrichtige Lesarten sich eingeschlichen haben, und.wie.so überhaupt der Talmud so viele Widersacher, besonders bei denen gefunden habe, welche sich anmaßen, anstatt das Gesetz zu erforschen, über die innern Glaubenssätze , welche über das-menschliche Denkvermögen hinausgehen, absprechend zu urtheilen, um als tiefsinnige Philosophen zu gelten. — Der wichtigste Brief. in wissenschaftlicher Beziehung ist der d.r e i z e h n t e, in welchem der Verfasser die sehr wichtige Stelle.-'pi wipDprm - NDjn« KHpDH welche Holdheim vorzüglich in Anspruch nimmt, einer scharfen Kritik unterwirft. Er prüft alle Stellen.des Talmuds, in denen dieser Lehrsatz gegeben, oder^ in Bezug genommen wird, und zeigt die ungemeine Wichtigkeit desselben , indem die Lesart, wie sie jetzt ist, offenbar das ganze .Eherecht trübt; endlich gelangt er zu dem für das jüdische Recht folgenreiche Ergebnis, daß die Lesart fehlerhaft ist, und der Satz lauten muffe; wypDm ^.rprrn Nny -in1 -tsn:iün ^WP-11?/ welches dem ganzen Inhalte und allen darauf Bezug nehmenden Stellen ihren richtigen Sinn giebt, und alle Bedenklichkeiten beseitigt, womit, aber auch Holdheinsis Ansichten verschwinden. .Wir können nicht umhin, alle.Rab-" binen auf eine ernstliche--Prüfung dieser Kritik aufmerksam zu machen, indem uns die Lesart des Verfassers in. der That die echte zu sein scheint.; Sollen wir nun ein Urtheil über die hier angezeigte Schrift aussprechen, so muffen wir gestehen, daß wir sie im Allgemeinen nicht recht befriedigend finden. Holdheim ist -in derselben von einem durchaus einseitigen Standpunkte beurteilt, und seine Grundsätze sind zu Konsequenzen geführt, zu denen er. selbst, wie uns scheint, sich nicht bekennt. In der That drückt sich Holdheim in dem Werkchen „Autonomie", welches auf uns, wie wir öffentlich dargerhan Haben, einen sehr günstigen Eindruck gemacht hat, bisweilen so aus, daß wir selbst darüber stutzten und cs auch uns Vorkommen wollte, als ob er der Landesregierung ein Recht einräumte, welches in die Gewissen eingreifen dürfe; jedoch erkannten wir auch andrerseits, daß er an einzelnen Stetten wieder einkenkt, und Grenzen zieht. R. S. Hirsch und Z. Frankel haben ihn wegen der allzugroßen Ausdehnung des Rechtes der Regierung zur Rechenschaft gezogen, und es ist seine Sache, sich deutlicher auszudrücken. Auch uns erscheint seine Darstellung immer nicht ganz genügend, und er hat die Misdeutung veranlaßt. Aber andrerseits leuchtet aus allen Arbeiten Holdheim's hervor, daß es ihm hauptsächlich darum zu thun ist, die Irrungen des alten Rabbinismus in ein Helles Licht zu stellen, und daraus Schlüsse zu ziehen, wie gegenwärtig die Synagoge in ihrer Würde herzustellen sei. Mag. es nun sein, daß er selbst hierbei fehl gegriffen, in manchen Stücken zu weit gegangen, auch wohl seine Behauptungen auf die Spitze getrieben habe, und zu ihrer Rechtfertigung mitunter eine Dialektik anwende, die auch wieder der Kritik Raum giebt; so will uns doch bedünken, daß der Kampf gegen ihn nur mit den Waffen der Wissenschaft, keineswegs aber mit Schma'hworten geführt werden müsse. Die Ironie unsers Verfassers in Darstellung der Konsequenzen der H'schen Grundsätze hat allerdings einigen Werth, insofern diese Grundsätze wirklich so ausgesprochen wären, wie hier vorausgesetzt wird, und selbst die Uebertreibung liest man mit Vergnügen, weil sie jedenfalls den Satz in Erinnerung bringen cpcon DD'HD^D nnrn. Allein andrerseits hätten wir gewünscht, daß unser wirklich sehr talentvoller Verfasser nicht auf dem einseitigen Standpunkte des Rabbinismus geblieben wäre, auf welchem ihm die Rabbinen in ihrer bisherigen Beschaffenheit die Norm für den Stand der Religionslehrer geben; denn ihm, dem Wohlunterrichteten kann es nicht entgangen sein, daß die meisten bisherigen Rabbinen, selbst wenn sie die im Talmud geforderten herrlichrn Eigenschaften besäßen, was sehr zu bestreiten ist, doch durchaus aller gemeinnützigen Kenntnisse ermangeln, und nicht einmal die zur Anwendung der rabbinischen Gesetze nöthigen Vorkenntnisse von den Naturgesetzen und Erzeugnissen haben, geschweige die Mittel zur Volksbelehrung, Sprache und Methode. Haben ja von den gefeierten Tcrlmudisten unsers Wissens erst vor wenigen Jahren, zwei, einer in Altona, der andere in Fürth, durch hebräische Untersuchungen über gesetzliche Fragen sich so lächerlich gemacht, daß wir hier gern ihre Namen und ihre Werke mit Stillschweigen übergehen! Es war also des Verfassers Beruf, den Rabbinen ans Herz zu legen, daß sie nicht blos auf Autoritäten Hinweisen, sondern sich diejenigen Fähigkeiten verschaffen, welche erfordert werden, um mit den Männern der heutigen Wissenschaft ebenbürtig zu streiten, und ihrer Dialektik eine andere entgegenzustellen. Ja wir meinen, daß der Verfasser'dies in einem zweiten Hefte nachholen könne, und-er dürste sich dazu besonders veranlaßt finden, indem das gegenwärtige die Streitsache durchaus nicht erledigt. Sollte sich der Verfasser, den wir persönlich kennen, und als einen Mann von tüchtiger Gesinnung ehren, dazu entschließen, so würden wir den Wunsch noch hinzufügen, daß er streng bei der Sache bleibe, nicht allzusehr biblische Ausdrücke häufe, Wiederholungen gänzlich meide, und jeder persönlichen Beleidigung sich enthalte. Wir sind immer der Meinung, daß die Einmischung von Persönlichkeiten und die Blosstellung der Gesinnung öffentlich anerkannter Männer (leider ein Mittet, das heut zu Tage die Presse so oft besudelt, und dessen sich sogar unsere Koryphäen mitunter bedienen), zunächst der Partei selbst zum Nachtheil gereicht, die dadurch vertreten werden soll. Bei Bekämpfung fremder Meinungen hat man stets vorauszusetzen, daß der Gegner ehrlich zn Werke geht. Ist er bloß ein Lügner und sucht er fälschlich Meinungen geltend zu machen, die er selbst nicht hegt, so verdient er nur Verachtung, und es ist genug wenn man die Unwahrheit entlarvt. Ist er unwissend oder durch vorgefaßte Begriffe irre geleitet, so reicht die einfachste Darstellung der Wahrheit hin, um dieser ihre Geltung zu verschaffen. Diese Art des Kampfes fördert die Wissenschaft, und giebt zugleich den Beweis,