Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 1 (1.1.1845)
- Date
- 1845-01-01
- Page
- Spalte 9-10 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Kritiken. Kurze Anzeigen 10 Der erste Brief stellt eine Parallele auf zwischen R eb e n st e i n und H o l d h e t m (in Frcund's zur Judenfrage), die er merkwürdig findet; R. bekennt sich zum Rationalismus und will vom alten Judenthum nichts wissen, aber er ehrt dessen Inhalt und dessen bisherige Vertreter; Holdheim, der Rabbiner, welcher die Offenbarung als wahr bezeichnet, schmäht gegen sammtliche alten Lehrer des Judenthums und giebt sie dem Tadel und dem Spotte preis; R. beklagt die Unmöglichkeit, das Judenthum, so*wle es ist, im Leben zu erhalten, und fordert darum zeitgemäße Reform, dabei aber frühere Entwicklungsstufen mit Achtung anerkennend, H. giebt die ganze Bibel mit allen ihren Gesetzen für das Landesgesetz hin (über A uto nom ie) und hält das Judenthum für ein von jeher schon Abgelebtes. R's. Reformreden schmerzen, aber kränken nicht, H's Reden schmeicheln, verwunden aber das innerste Leben. Im zweiten Briefe wird die Zerstörundssucht der Holdheimffchen Partei geschildert, welche mittelst ihrer Dialektik das ganze Gesetz aufzuheben trachte und unter der Aegide der freien Forschung bald mit Geiger sich einverstanden erkläre, bald über ihn hinausgehe, am Ende aber nur der reinen Natur huldige, nicht aber dem geoffenbarten Gotte. Der dritte Brief stellt 'sich auf H.'s Standpunkt und. raisonnirt mit ihm in ernster Ironie, um zu beweisen, wie augenscheinlich das alte Gesetz sich nur auf Zeit und Ort verstanden, wie das höchste beklagenswerthe Festhalten an demselben unter ungünstigen Zeitumständen und an fremden Orten die Ursache alles Unheils gewesen sei, das über die Juden gekommen, und wie höchst thoricht die Juden noch jetzt seien, nicht sofort in den Schoos der christlichen Kirche einzugehen, welche ihnen Lebensgenuß und Freiheit und alle vermissten Güter der Welt sichert. (Dieser Brief ist ausgezeichnet schön gearbeitet)» Im vierten Briefe wird nur im Allgemeinen gezeigt, daß die Philosophie, schon auf dem Gebiete des Gedankens nicht ausreichend, um zu einem festen System zu gelangen, noch weniger die Fragen des Gemüthes mit Sicherheit Klüsen könne, weil dieses eine unmittelbare, nicht logisch zu beweisende Anschauung voraussetze, die daher auch zu jeder Zeit den Angriffen des Verstandes blos gestellt war und oft genug durch denselben verdrängt worden. Nachdem der fünfte Brief die Nothwendigkeit, die H.'schen Ansichten zu bekämpfen dargethan hat, versucht der sechste, durch eine sehr geistreiche Erörterung der Frerndenrechte im israelitischen Staate den Beweis zu führen, daß das mosaische Gesetz keineswegs ein bloßes auf Ort und Zeit beschränktes Staatsgesetz gewesen sein könne, indem es sonst ganz und gar die innere Wohlfahrt des Volkes gegen die der weitem ausgedehnter» Rechte der Fremden gefährdet hätte; eine Inkonsequenz, die, wenn nicht höhere Rücksichten eine solche Anordnung nöthig machten, kein Gesetzgeber begangen haben würde. Im siebenten Briefe bekennt der Vers, die Schwäche dieses Argumentes, und geht zu den wichtiger» über. Eine volle Widerlegung des sogenannten Menschenverstandes, der gegen historische Thatsachm auftritt, hält er überall für unmöglich. Mit philosophischen Gründen sei hier nie etwas auszurichten. Wesentlich aber stehe gegen alle diese Anfechtungen, nicht sowohl das geschriebene Wort, welches in Bibel wie im Talmud mannigfachen Schicksalen unterworfen war, indem schon die alten Rabbinen Anachronismen und verschiedene Lesarten der Bibel wahrnahmen, die Lesarten talmudischer Stücke aber sich ins Unendliche häufen, als vielmehr die thatsächliche historische Ueberlieferung. Diese haben schon in den ältesten Zeiten nicht an dem Buchstaben der heil. Schrift, sondern an dem Geiste festgehalten, und z. B. die Vergelcungsstrafe und die 40 Geiselhiebe u. s. w. nach Brauch und Menschlichkeit interpretirt; und auf gleiche^ Weise habe die Tradition stets mündlich sortgelebt und das Ausgeschriebene habe keine Geltung gehabt. Es habe übrigens die Tradition sich des fleißigsten, umsichtigsten und scharfsinnigsten Anbaues abfeiten der Rabbinen zu erfreuen gehabt, deren Ehrlichkeit, Fleiß und Religiosität Vertrauen verdiene. Hierbei giebt der Verf. eine höchst ergötzliche Schilderung der Art, wie die neuern Rabbinen ihre alten Vorgänger als Leute ansehen, die noch auf der Stufe der Kindheit stehen, deren Arbeiten also vor den überaus vorgeschrittenen Erkenntnissen der neuen Rabbinen gänzlich zurücktreten müssen. Die Zahl derer aber, welche das wahre Verha'ttniß durchschauen, sei in der That gering, und nehme täglich mehr ab, weil die Bedürfnisse eines Rabbiners der Neuzeit ganz anderer Natur seien, als vormals. Die hier aufgestellte Parellele über die ehemaligen charakteristischen und die gegenwärtigen meist nur extra-scientivilchen Anforderungen an einen Rabbiner und Kandidaten der Theologie werden hier, freilich in gesonderter und schneidender Schärfe, gegen einander gestellt. Der achte Brief entwickelt nun die Ansicht der neuern Rationalisten, welche selbst die h. Schrift, nur als längst untergegangeues Werk menschlicher Klugheit behandelt, und nach welcher die Negierungen berechtigt seien, alle mosaischen Vorschriften durch Landesverordnungen zu ersetzen, in ihrer Verderblichkeit. — Der neunte kürzere Brief fügt noch hinzu, daß die Neuern mit Unrecht glauben, durch ihr Verfahren den Bruch, der einmal Israel zerworfen hat, zu heilen, es seien nur verkehrte Beschwichtigungsrnittel, welche sie einschlagen, während das Judenthum sich nur von innen heraus durch eigene Kraft erheben müsse, wie es ohne Zweifel in Polen geschehen würde, wenn nicht ein so arger politischer Druck auf ihnen Lastete. Der zehnte Brief entschuldigt, daß der Verfasser überhaupt alle diese neuen 'Verirrungen in hebräischer Sprache zur Kenntnis; der Rabbinisten bringe; er habe es für nöthig gehalten, ihnen die Augen zu öffnen, damit sie nicht durch die glatten Reden der deutschen Rabbinen dieser Partei verleitet werden, und der eilfte Brief giebt die Gründe für die gewählte Form. Mit dem zwölften Schreiben schließt der Verfasser seine herben Reden gegen die antitalmudische Richtung,