Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 52 (24.12.1844)
- Date
- 1844-12-24
- Page
- Spalte 823-824 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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823 Kritiken. Kurze Anzeigen 824 Buchstaben gebannten Geist zu entfesseln und in die Gemüther einzuhauchen. — So jung aber auch diese Regsamkeit unter uns ist, und so wenige Menschenalter sie auch umfaßt, so blieb das Interesse doch nicht für ein und dasselbe Objekt lebendig, sondern hat beinahe schon dreimal gewechselt. Der Ausgangspunkt für ein wissenschaftliches Streben in der Synagoge fällt mit der Mendelssohn'schen Schule zusammen, deren Lebensaufgabe es war, für den Anbau und die Verjüngung der Bibel und des biblischen Idioms zu sorgen, und durch ihren Eifer für diese Studien impften sie den Strebsamen ihrer Zeit eine solche Vorliebe dafür ein, daß zu jener Zeit Bibelexegese und Grammatik (pyipi) als Maaßstab für den Bildungsgrad eines Individuums galt, und von dem geringzählkgen Rest aus jener Zeit noch dafür angesehen wird. Allein für die Dauer konnte die patriarchalische Einheit der Bibel das in den rafflnirten Subtilitäten des Pilpul erzogene Geschlecht nicht fesseln. Hatte man auch dem eifrigen Talmudstudium aus misverstandener Aufklärung Valet gesagt, so konnte man sich doch von dem Geist desselben, wie er sich, in seinem degradirten Charakter der - Anschauungsweise und des ganzen Gedankenzuges bemächtigt hatte, nicht so leicht befreien, und so warf man sich auf die so zu sagen traditionelle Metaphysik, welche dem kombinirenden sophistisirenden' Geiste mehr Nahrung bot. Hatten ja Maimuni's philosophische Schriften den ersten Impuls zu der neuen Richtung gegeben und der als Ideal vorschwebende Mendelssohn an diesen sich zum gefeierten Philosophen und Aesthetiker herangebildet, und den Koryphäen der damaligen Kultnrstufe außerhalb der Synagoge Achtung abgewonnen. Der More und die geksteswerwandten Schriften bildeten im zweiten Stadium das Panier, um welches sich die strebsamen Geister schaarten. Da aber diese beliebten philosophischen Hinterlassenschaften in einer eigenthümlichen gefärbten Sprache, dem vulgo sogenannten nJDD ausgeprägt waren, bie sich nach einem fremden Muster, nach dem Style der arabisch - maurischen Philosophie ausgebildet hatten: so erschien es als das der Lösung würdige Problem für die wissenschaftliche Jugend, sich einerseits dieser Sprachindividualität bis in ihre kleinsten Nuancen anzueignen, sich in dem großen Gebiet dieser Literatur heimisch zu machen und so entstand die jüdische Literaturgeschichte , anderseits aber auch sich das Verständniß der Originalsprache zu verschaffen, auf welche dieser Literaturkreis als auf sein Muster und seine Quelle beständig hinwies. In diesem dritten Stadium bewegt sich die jüdische Gegenwart, insofern sie auf dem Boden der jüdischen Literatur bleibt und sich nicht andern Seiten jüdischer Wissenschaft zuwendet nach innen. So sind von der langen Kette des judenthümlichen Schriftthums zwei große Ringe erfaßt, deren jeder aber einen isolirten Bestand und in keinem Punkte eine Berührung, einen Zusammenhang mit einander darbietet. Die biblische Literatur und die philosophisch-rabbinische Literatur stehen weit auseinander, lassen einen weit auseinanderklaffenden Hiatus zwischen, sich und weisen jedoch beide auf ein Drittes hin, in welchem sie ihren Vereinigungspunkt haben. Die mischnatalmudische Literatur, in welche sich die Endsäden der Bibel verlaufen und aus deren Knäuel sich die philosophisch - exegetische Literatur von 7 Jahrhunderten abgewickelt, hat, abgesehen von ihrem dogmatischen Inhalte, auch von ihrer linguistischen Seite nur bisher wenig Pflege gefunden. Und doch liegt hier ein ergiebiges Literatur-Feld für Wissenschaft-' (iche Thätigkeit brach, welches nicht nur an sich Lorbeeren verspricht, sondern für das gründliche Verständniß der ihm vorangegangen und nachgcfolgten Entwrckelungsphasen, und wohl verstanden, auch unmittelbar für den großen semitischen Sprachstamm förderlich werden könnte. Denn keineswegs darf das babylonische Exil, wie oft geschehen ist, als der Abschluß und das Ende der hebräischen Sprachorganisation angesehen werden; die heilige Sprache verklang nicht mit den letzten Prophetentönen. War auch die kleine heimgekehrte palästinensische Kolonie in den weltgeschichtlichen Strudel hineingeriffen worden, hatte auch die vulkanische Gluth der heißen Kämpfe zwischen Europa und Asien, zwischen den Seleuciden und Ptolomäern, die geistige Saat größtentheils versengt, welche von Esra ausgesät und.von der ecclesia magna gepflegt worden war, hatten auch dadurch fremde Elemente, besonders das aramäische Idiom die Hegemonie über die Schwestersprache erlangt: so haben wir doch Momente genug übrig für das Ueberleben und die Fortdauer der hebr. Sprache, und sie hat nicht nur in diesen Stürmen keinen Untergang gefunden, sondern noch eine Lebendigkeit und Gefügigkeit erlangt, die man dem innigen aber monotonen Bibelhebräisch gar nicht zutraut. Wir finden gerade in der zweiten Periode des zweiten Tempellebens, über 400 Jahre nachdem Exil, einen ganz eigen kolorirten Literaturkreis ausgebildet, welcher die hebr. Sprache zwar in verjüngter Anschauung, aber doch in der primitiven Struktur reflektirt. Die makkabäischen Psalmen, die Maschalli teratur, von Sira und den Sirachiden bis auf R. Me'lr, das erste Buch der Makkabäer, welches nach dem Zeugniß der Kirchenväter in hebr. Sprache abgefaßt war, und noch andere Schriftdenkmäler, welcher wir später zu erwähnen Gelegenheit haben werden, alle diese Momente beweisen, daß die hebr. Sprache einen neuen Aufschwung, und eine Naturwüchsigkeit angenommen hat, zu einer Zeit, wo sie den Voraussetzungen zufolge, längst Härte von dem Aramaismus über- , wuchert und verdrängt sein müssen. Andrerseits ist nicht in Abrede zu stellen, daß der Aramäismus, besonders zu Anfang und in der ersten Hälfte dieser Periode, einen bedeutenden Einfluß ausgeübt und sogar Schriftsprache geworden war. Man wird also zu einer Annahme hingedrängt, die viel Wahrscheinlichkeit für sich hat. — Die politische Reaktion, welche mit dem Makkabäerfürsten Simon im Jahre 170 der seleucidischen Aera (141 a) eingetreten ist, welche zugleich ein Sieg des Iudenthums über das ausgezwungene Heidenthum war, scheint für die Regeneration der h e b r* mit dem Iudent!iume engverwachs e n e n Sprache