Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-12-24 · Heft 52 (24.12.1844) · p. Seite 402

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 52 (24.12.1844)
Date
1844-12-24
Page
Seite 402 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360310-2360363--4757-3530891
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

402 palästinischen Juden in der Oeffentlichkeit obwalten!: er möchte nicht das Organ werden irgend einer von denselben, sondern äußert znm Wohle seiner Unglücksgesährten das, was das Leben ihn gelehrt. Man ist übereingekommen, in Jerusalem ein Hospital zu erbauen. Die Größe dieser WohLthat leuchtet ein, auch wenn man kein Wort darüber verliert. Der Verfasser aber glaubt, man habe bei der Beschlußnahme des Hospitalbaues die eigenthümlichen Verhältnisse zu wenig berücksichtigt, die ihn nöthig und segensreich machen. Eine sichere Zuflucht für den Kranken, wo er Pflege und liebevolle Behandlung findet hat jede civilisirte Bevölkerung in ihrer Mitte errichtet --- aber nur erst, nachdem sie für die Uebung und den Gebrauch der gesunden Kräfte der Bewohner Sorge getragen und durch Industrie, Handel, Gewerbe und Ackerbau dem redlichen Fleiße die größtmögliche Gelegenheit gegeben hatte zu einem gesetzmäßigen Gewerbe. Das aber ist in Palästina nicht der Fall. Die Krankheiten dort, nur wenige Zufälle und Bedingungen der Menschennatur abgerechnet — sind eine traurige und nothwendige Folge der ununterbrochenen Sorgen, des ewigen Kummers, der schrecklichen Noth — des Hungers. Wäre der Gegenstand nicht zu ernst, man könnte sagen: der Koch sei dort der beste Arzt, die Küche die beste Apotheke und gesunde Speise das beste Medikament. — Der Unterzeichnete hat es gesehen, wie die grauenvolle Sorge um's Brot die gesundesten und kräftigsten Armen dort abhärmt; wie Mancher zehnmal sterbend dem Hungertode entgegenschleicht. Es ist hier durchaus nichts übertrieben. Möchten doch die Agenten, die nun zur örtlichen Untersuchung nach Palästina geschickt werden, sich auch in die Wohnungen der Unglücklichen verfügen und sie werden sicher berichten, daß man durch den Bau des Hospitals eine Wirkung beseitigen will, ohne ihre Ursache beseitigt zu haben; möchten sie den Zustand des Ackerbaues, der Industrie und des Handels einer Untersuchung würdigen und sie würden deren schreckliche Gesunkenheit als die Quelle zu jedem Hebet dort bezeichnen, die den dortigen Israeliten nur auf die leidige Spende der europäischen Glaubensgenossen anweist. Mit dem Landmann ist ein Geschäftsverkehr schlechterdings unmöglich, weil er über die Maaßen roh und wild, wenn nicht Dieb und Räuber ist. Seine Faulheit läßt ihn seinen Acker nur in so weit bestellen, als es schlechterdings nothwendig ist; der Boden bleibt brach liegen während die Gctreidepreise immer höher steigen. Ein Bedürfniß nach Maaren stellt sich beim Landmann nur höchst selten heraus, weil das Klima ihn der Nothwendigkeit einer Körperbekleidung zum größten Theile überhebt. — So wird der Kleinhandel mit dem Landvolke unmöglich. Die Landwirtschaft giebt dem Bewohner Jerusalems auch keine Nahrungsquelle, weil die wilden Araber, wenn sie nicht jede Anlage in ihrem Entstehen schon zerstören, berauben und plündern, so doch gewiß die gereifte Frucht davon tragen. So bleibt denn die Stadt als die einzige Quelle der Nahrung. Sie ist aber bei der so tiefgesunkenen Industrie und den spärlichen Handelsintressen und Verbindungen unmöglich ausreichend für ihre Bewohner. Es giebt der Schuster und Schneider genug. Schuster und Schneider finden zwqr ihre Nahrung, aber alle können es doch nicht sein, ebenso wie nicht durch Lernen und Lehren des Talmuds alle ihren Unterhalt finden würden. Fabriken habe ich in der ganzen mir bekannten Gegend siucht gefunden. Fast alle Maaren werden deshalb aus Europa bezogen — die reichen Produkte Palästinas nach Europa noch zum Verarbeiten geführt. D,'e Ueberfahrt aber von Syrien nach Alexandrien, die Quarantäne dort und das Lagern, die Ueberschiffung nach Europa und wieder zurück mit allen Quarantänen — verursachen Kosten, die den Werth der Produkte zehnfach übersteigen. Wie thentt kommt da dem Palästinenser die Baumwolle seines Landes? Wie theuer die Wolle seiner Schafe? Heerden dieser Art sind aber sehr zahlreich, weil die Großvieh-Zucht ganz vernachlässigt wird und man Fleisch und Milch dann nur von dein Kleinvieh fordern kann. Während eines sechsjährigen Aufenthalts in Palästina habe ich nie eine Spur von einem organisi'rten Wollhandel wahrgenommen. — Die. Felle werden nicht gegerbt, die Welle wird nicht verarbeitet: Beides aber so .benutzt, daß der, an Kultur gewöhnte Europäer darüber erröthen muß! Gebrüder Mollheim in Triest und Alexandrien — denen ich hiermit öffentlich meinen tiefgefühltesten Dank abstatte für ihre menschenfreundliche Verwendung für mich auf der gaW Reise — sind bereit, meine Aussagen zu bestätigen; sem die Gebrüder Bernhard in Lissa,die kürzlich erst von AleM drien gekommen. Nun geht mein Vorschlag zur besseren Gestaltung dir Verhältnisse der jüdischen Bewohner Palästina's, dahin: In Jerusalem, wo vollkommene Sicherheit der Person wie des Vermögens durch Polizei, Militär und Konsulat garantirt ist, könnten zwei Fabriken angelegt werden, zur Verarbeitung der Baum- und Schafwolle. Dieses Institut würde nicht die Bewohner Jerusalems, sondern die Bewohner Palästinas ganz und für die Dauer beglücken. Es ist nicht nöthig nachzuwcisen, wie dieses Unternehmen in alle Verhältnisse segnend eingreifen würde, indem Menschen, der verschicdensten Anlagen von der untersten bis zur höchsten Klasse beschäftigt waren und Nahrung fänden. Selbst der wilde Araber würde sein Schaffell schätzen lernen, läge ihm st rch der augenscheinliche Nutzen, er pflegte dann auch besser seine Heerde, und sorgte gewissenhafter für Feld und Wiese, und hätte nicht Zeit und nicht Veranlassung zum Diebe und Näuber sich zu erniedrigen. Die jüdischen Bewohner Palästinas aber hätten ein würdiges Ziel ihres Strebens und werben einem neuen Welthandel die ersten Gleise legen. Wohin aber zweckt das Hospital? Was hilft die Pflege der Kranken, die Versorgung der Siechen, wenn der Gesunde durch Mangel und Noth krank und der Kräftige durch Gram und Sorgen siech werden muß? Und selbst, wenn das Hospital auch enre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.