Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1844)
- Date
- 1844-12-17
- Page
- Seite 398 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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betrachte die heilige Schrift als die vorzüglichste, als die einzige Quelle, aus welcher die Erkenntniß der göttlichen Wahrheit rein und unverfälscht zu schöpfen ist, der Vernunft hingegen gestehe ich noch nimmer die Fähigkeit zu, allein und für sich, ohne höhere Leitung und Unterweisung, die zu unserem Heile nothwendigen Lehren vollständig und ungetrübt durch menschliche Jrrthümer zu erkennen. Mein nicht bei dem todten Buchstaben der Bibel will ich stehen bleiben, ich halte mich für berechtigt nicht nur, sondern auch für verpflichtet mit meiner Vernunft immer mehr in den Geist des geoffenbarten Wortes einzudringen, den Sinn desselben immer besser aufzufaffen und dadurch in der Erkenntniß der Wahrheit immer wehr gefördert zu werden. Und so wie der einzelne Bekenner des Iudenthums, so hat auch die Gesammtheit derselben die Pflicht und die Aufgabe, durch die Hülle des Buchstabens hindurchzudringen, um den innern geistigen Gehalt der Lehre zu erforschen und darnach ihr Leben zu ordnen. In diesem Sinne erkenne auch ich die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung im Judenthnme an, in dem Sinne nämlich, daß wir, die Bekenner desselben} durch unsere fortschreitende Erkenntniß, durch die gesteigerte Entwickelung unserer geistigen Fähigkeiten, durch das tiefere Eindringen in das Reich der Wahrheit den wahren Gehalt der heiligen Schrift immer besser zu erkennen, immer klarer und deutlicher in unser Bewußtsein aufzunehmen trachten sollen. Also nach meiner Ansicht ist nicht die mosaische Religion, die von Gott durch Moses geoffenbarte Lehre, das Objekt, welches in einer Unendlichkeit fortgebildet werden soll, „denn das Göttliche ist in sich vollendet und abgeschlossen worden^, sondern eben der denkende Geist des Menschen soll immer mehr ausgebildet werden, damit er fähig werde, den Sinn der heiligen Schrift, welche an sich und objektiv betrachtet vollendet und keiner Fortbildung zugänglich ist, immer richtiger aufzufaffen, wodurch dann die Religion, nämlich subjektiv betrachtet, insofern sie in dem innern und äußern Leben ihrer Bekenner sich darstellt, gleichfalls fortgebildet und zwar unbeschränkt fortgebildet wird. Denn kein Zeitalter wird sich je rühmen können, die göttliche Lehre ganz rein aufgefaßt und Ln seinem Leben dargestellt zu haben. Sie sehen also, daß ich kein Verehrer des tobten Buchstaben bin, daß auch ich so guc als Sie, der Philosophie einen Einfluß auf die Religion gestatte, mit dem wesentlichen Unterschiede jedoch, daß Sie die Philosophie zur höchsten Richterin auch in religiösen Dingen machen wollen, während ich dieses Richteramt der geoffenbarten Lehre Gottes zuerkenne; mag immerhin die Philosophie der Theologie die Fackel vortragen zur Erforschung des innern geistigen Gehaltes der heiligen Schrift. Jedenfalls stehe ich so auf festerem und sicherem Boden, als Sie und der Reformverein, der dem denkenden Menschengeiste das Recht einräumt, welches ich den positiven Aussprüchen der Offenbarung vindicire, das Recht Ln letzter Instanz zu entscheiden, was wahr und was falsch, was gut und was böse sei. Sie wollenes zwar nicht Wort haben, daß Sie keine Offenbarung anerkennen und bemühen sich, dem denkenden Geist aus welchem der Mosaismus geflossen sein soll, auch zu einer Quelle göttlicher Offenbarung zu stempeln. „Es giebt", sg. gen Sie, „eine Auffassung der Offenbarung,, die mit ihrem Ursprünge im denkenden Geiste durchaus nicht im Widerspruch steht. Der Ausspruch eines Gedankens über göttliche Dingt, der an keinen vorhandenen anknüpft, aber Ln allen spätern Zeiten fortlebt, ist eine göttliche Offenbarung." — Wer sagt mir aber, ob der Gedanke, welcher heute oder vor tausend Jahren aus dem Denkenden Geiste geboren worden ist, in allen spätern Z eiten fortleben werde, oder nicht? Wo habe ich hier ein sicheres Kriterium, das Wahre vom Falschen, das Bleibende vom Untergehenden zu unterscheiden? Müßte ich da nicht selbst mit der prophetischen Gabe begabt sein, um zu wissen, welche Gedanken, die der denkende GH aus sich selbst erzeugt hat, als göttliche Offenbarung zu betrachten seien oder nicht? Höchst sonderbar klingt der Vorwurf, den Sie kurz zuvor gegen die heutigen Rabbinen aussprachen, daß sie so harmlos von positiver Offenbarung sprechen, als ob dieser Begriff ein ganz einfacher mit Händen zu greifender wäre, bei dem jede weitere Erläuterung purer Luxus sei. Wenn wir von positiver Offenbarung sprechen, so verbinden wir damit den Begriff, welchen man von jeher im Judentum und auch im Christenthume mit diesem Worte verbunden hat Wir wollen damit den Glauben ausdrücken, daß Gott durch Moses und die Propheten die ewigen Wahrheiten der NH gion, welche der denkende Geist für sich allem nicht auffmdm, wenigstens nicht so rein und nicht so vollständig aufzusmdcn im Stande gewesen wäre, verkündigt habe, damit sie uns zur Richtschnur des Lebens dienen sollen. Wie und auf welche Weise diese übernatürlichen Offenbarungeu geschehen, welches die Gründe sind, auf welchen ihre Realität und Notwendigfeit beruhe, in welchem Verhältnisse die durch die Offenbarung erlangte religiöse Erkenntniß und Ueberzeugung zu derjenigen stehe, welche unsere Vernunft schon aus der Betrachtung der Sinnenwelt, aus den, Thatsachen der Geschichte und insbesondere aus ihrer innern moralischen Natur zu schöpfen vermag, das sind freilich Fragen, mit deren Auflösung sich Männer von hohem Geiste zu allen Zeiten beschäftigt haben, ohne bis jetzt zu einem sichern Resultate gelangt zu sein. Es ist aber doch wahrlich eine ganz eigenthümliche Aumuthung, daß wir jedesmal, so oft wir dar Wort Offenbarung gebrauchen, eine genaue Definition beifügen und auf alle gelehrten Untersuchungen Rücksicht nehmen sollen. Und wie kommen endlich Sie oder der von Ihnen vertretene Reformverein dazu, eine solche Forderung an uns zu stellen? Wie gesagt, sprechen wir von Offenbarung, so wissen wir und weiß Jedermann, daß wir das Wort in dem althergebrachten Sinne nehmen, worüber jeder Katechismus Auskunft ertheilen kann. Der Reformverein aber will den alten dreitausendjährigen Begriff von Offenbarung Umstürzen und