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Der Orient · 1844-12-10 · Heft 50 (10.12.1844) · p. Seite 386

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 50 (10.12.1844)
Date
1844-12-10
Page
Seite 386 (sequence 3)
Language
German
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386 man einsieht, daß das Gesetz selbst sie dahin treibt. Der Fortschritt der Zeit hat die Juden emancipirt, Sklaven und Kammerknechte können sie nicht mehr sein, Bauern sind sie als Städtebewohner schon nicht, und Bürger zu sein verhindert sie das Gesetz und die Intoleranz desselben, so daß den reichen Israeliten nichts mehr übrig bleibt, als Edelmann zu sein, oder in eine Klaffe einzu- Ireten, die im Ganzen eine Ausnahme ist und mit der Steigung der Civilisation sich verlieren muß. Ich glaube zwar, daß weder die jüdischen Gutsbesitzer noch die Edelleute mit meiner Erklärung zufrieden sein werden, aber das thut nichts zur Sache, wenn sie nur wahr ist. Ein anderer Vorwurf, den man unseren jüdischen Gutsbesitzern macht, ist, daß sie die großen Herrschaften, welche früher den alten adeligen Familen der Barone und Grafen durch ihre Größe einen so bedeutenden Glanz verliehen, dismembriren; aber diese Theilung des großen Besitzes ist eine Wohlthat der Menschheit, ist das Strebeziel des neunzehnten Jahrhunders, um die Armuth und Knechtschaft zu verdrängen, so sehr auch das Adelthum sich dagegen sträubt. DLerschlesierr, 27. Novbr. Man hätte kaum geglaubt, daß die Mäßigkeitsvereine in unserer halb slavischen halb germanischen Provinz auch zu Makeleien an den Juden, die freilich hier zahlreicher als in Niederschlefien wohnen, Veranlaffung geben werden. Man wußte zwar, daß Pater Mathew in Irland, der Patriarch aller solcher Vereine, kein Jude fei, daß überhaupt das Streben dieser Vereine gegen den Branntwein vorzüglich von katholischen Priestern ausgeht, namentlich unter der slavischen Bevölkerung; aber es war uns unbegreiflich, wie man in Predigten der Mäßigkeit Juden einmischen konnte. Jndeß ist es so geschehen. Hier in Oberschlesr'en sind diese Vereine vom katholischen Klerus ausgegangen, und zwar um die Schmach von sich abzuwälzen, als hielten sie ihre Gemeinden absichtlich in thierischer wie in geistiger Dummheit gefangen, und der Erfolg war in der That bedeutend, da bekanntlich der katholische Priester Alles über seine Gemeinde vermag; und dieselben Priester mischten zugleich in ihre Maßigkeitspredigten Ausfälle gegen Juden, vorgebend, daß das Laster des Branntweins ein jüdisches sei. Es ist zwar sehr schön, daß von den Priestern diesem Ziele nachgestrebt wird, aber auch das Beste darf durch eine Lüge nicht erzielt werden, Mäßigkeit des Leibes darf auf Kosten der Unmäßigkeit des Geistes — und der Fanatismus ist eine solche Maaßlosigkeit — erkauft werden. Von den Juden rührt das Laster dieses Getränkes nicht her, sondern von der edlen Junkerschaft, die gern in aller möglichen Weise ihre Güter, zum Behufe ihrer nobeln Passionen, auspreffen möchten; selbst der Verkauf ist nicht ausschließlich in den Händen der Juden, da mehr als zwei Drittheile der Branntweinwirthe Christen sind, und selbst der kleine Theil der Juden ist auch nicht zu beschuldigen, da bis jetzt doch die Pciesterschaft mit dem Beispiele des Genusses dieses Getränks den Gemeinden vorangegangen. Wie die Juden dieses Mäßigkeltsstreben ausgenommen, ist allbekannt; obgleich Viele ihr Brod dadurch verlieren, Viele jihren Wohlstand dadurch eingebüßt, so haben sie doch mit Freuden dieses Streben begrüßt und ihre eigene Existenz der Zukunft anvertrant.' Zwar weiß ich, daß selbst einige Juden in ihrem Eifer für Neuerung gegen die jüdischen Branntweinschenken das Wort erhoben, aber es war gleich anzusehen, bag hier nur eine 'Unmäßigkeit des Ausdrucks zur Schau gegeben worden. Meiningen, 27. Novbr. Bekanntlich kam im Mai dieses Jahres bei den Ständen unseres Herzogthums der Entwurf eines neuen Judengesetzes zur Be-, rathung, welchen Entwurf ich Ihnen auch fuc bcn Orient mitgrtheilt. Jener Entwurf wurde von der Re- . gierung gemacht, weil sie vorzüglich von der Nch! Wendigkeit einer Verbesserung des Judenwesens durchdniii-; gen ist; da aber von Seiten der Bürger viele Vorstellun-! lungen, vielleicht durch Aufreizung, gegen diesen Ent-! wurf bei der Kammer einkamen, so war das Resultat der Berathung lange zweifelhaft. Jndeß hatte doch die! Verathung einen günstigem Erfolg als man erwartete,! nach vielen Amendements zu dem Entwürfe wurde erlich der Entwurf, wenn auch nicht angenommen, dach zur Stimmengleichheit gebracht, nämlich von den 22 (ifc wesenden Abgeordneten stimmten 11 für und 11 gegen den Entwurf mit den hinzugefügten Modifikationen. Nach Artikel 95 des Staatsgrundgesetzes vom 22. Aug. 1829 hat in solchen Fallen der Landesherr die Entscheidung-und es ist kaum zweifelhaft, wie diese Entscheids j ausfallen wird, da der Entwurf selbst von da ausgegangen, obgleich bis jetzt die Entscheidung noch nicht erfolgt ist. Jndeß bleibt die Frage, wie der Landesherr mit den Amendements es machen wird. Diese sind oft so widersinnig, entsprechen so wenig dem Geist des Entwurf z daß weder die Israeliten noch die Regierung sich dabei j werden beruhigen können, was auch die hohen Beamten! ungescheut ausgesprochen, und doch kann die Entscheidung j ohne Berücksichtigung der Amendements nicht erfolgen. Möglich daß dieser sUmstand die Ursache ist, daß die Entscheidung sich bis jetzt verzögert. Ich werde mdek den Verfolg dieser Sache Ihnen so schnell als möglich berichten. Köln, Novbr. Die hiesige Zeitung berichtet: „Eine in diesen Tagen an das Generalkommando in Münster erlassene allerhöchste Kabinetsordre hat unter der Einwohnerschaft, besonders aber unter dem kleinern, dee israelitischen Konfession angehörigen Theile derselben, große Sensation erregt und ist nicht allein von Interest für die Stadt, sondern wird auch gleiche oder ähnliche Verhältnisse in andern Landestheilen Preußens berühren, besonders da ein solcher Fall noch nicht vorgekommen ist

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