Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 49 (3.12.1844)
- Date
- 1844-12-03
- Page
- Spalte 771-772 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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772 Kritiken. Kurze Anzeigen 771 zug auf das Quantum und überhaupt, ob solche recitirt werden sollten, nach dem Ausspruch Natronai's, ebenso der Fall; man überließ sie dem Willen der Gemeinde und der Zeit (das. S.399). Und warum sollte unsere Zeit darin rigoristischer sein? Aber nicht bloß daß manche Gemeinden eigenwillig sich Gebete, die für andere Zeiten bestimmt waren, nach eigener Bequemlichkeit auswählten, nicht nur daß sie nach Zeit und Umständen hinzufügen und wegnehmen, verlegen und verschieben durften, zuweilen sogar gegen den Willen ihrer Lehrer, sondern auch die Einschiebung von Gebeten und Gesängen in der Landessprache war nicht verpönt, wie das Ritual der Gemeinden der Provence und von Spanien re. hinlänglich beweist. Auch von dieser Seite hat also Keiner nöthig, sich zu entschuldigen, es sei denn vor dem Richterstuhle des Geschmacks und der Kenntniß de^ jüdischen G eistes. Doch es, ist möglich, daß es mit dieser Berufung nicht so gemeint ist; gehen wir auf den Inhalt des Deutschen rn der Liturgie ein. Das ganze Buch besteht aus zwei Abtheilungen, die erste, welche in zwei Stücke zerfällt, giebr a) kurze Betrachtungen für alle Sabbate des Jahres (von S. i—56); b) Gebete für alle Festtage des Jahres (von S. 57—94); die zweite eine Uebersetzung von Psalmen (von S. 94—152). Wenn mich Jemand nach dem summarischen Werthe, dieser 152 Seiten starken Sammlung fragte, so würde ich ihm sagen, daß das erste Stück der ersten Abtheilung und die ganze zweite Abtheilung ganz und gar überflüßig ist, und die dann noch übrigen 35 Seiten füglich dem gewöhnlichen Gebetbuche hätten angehängt werden können. Doch ich möchte dieses ohne Motivirung nicht so hinstellen, und zwar schon um deswillen nicht, weil gerade bei dieser Klasse von Erzeugnissen jetzt die gedankenlose, abgeschmackte und unmotivirre Methode das Grundübel zu sein scheint, das selbst sonst nicht Unbefähigte ansteckt. — Kurze Betrachtungen für alle Sabbate des Jahres, so heißt das 1. Stück der 1. Abtheilung, und Hr. H. sagt darüber im Vorworte, daß er aus der jedesmaligen Parascha oder Hastora (s. h. Haftara) eine kurze religiöse oder moralische, auch wohl geschichtliche Betrachtung gezogen, und hing daran ein stehendes Gebot. Diese Betrachtungen sollen den Kern von Predigten darstellen. Dagegen ist zu erinnern, daß die jeweilige Betrachtung, welche größtentheils nur Einen Satz bildet, weder der Parascha oder der Haftara angemessen ist, was schon der sentimentale Ton, die beispielslose Kürze nicht zuläßt, noch den Kern einer Predigt bildet, sondern vielmehr wie ein Index von Predigten erscheint, noch auch jemals eine geschichtliche Betrachtung haben. In der gesummten wasserdichten oder prosaischen jüdisch-deutschen Synagogalliteratur, die doch so reich an Unsinn und Plattheiten ist, habe ich noch nie etwas Plan- und Zweckloseres gesehen. Selbst wenn das halbe Hundert Sätze über ein Halbhundert Sidra's so geistreich ausgefallen wäre, wie die geistreichen Reden des Verfassers bei der Rabbinerversammlung, selbst wenn sie passender für die Sidra's wären und nicht aus einem Satze hinwandern müßten, selbst wenn sie biblisch - geschichtliches enthielten und wirklich eine Predigt in einem Kern gäben, so würden sie doch insgesammt kaum eine einzige der Klerstschen Predigtskizzen zu ersetzen im Stande sein. Davon aber noch abgesehen, so begreife ich nicht, was die Leser damit ansangen sollen; um die Sidra zu verstehen, so mögen sie dieselben aus einer Bibelübersetzung lernen, wenn sie kein Hebräisch verstehen; um auf Betrachtungen zu kommen, mögen sie die homiletischen Arbeiten von Salomon, Kley, Saalschütz, Sommerfeld rc. lesen; einen einzigen Satz Jemandem vorzusagen über eine ganze Sidra, sieht so ironisch und abgeschmackt aus, daß der Leser glauben muß, wer weiß wie geistesarm eine solche Sidra sein muß, da nur kaum ein Sah darüber zu sagen war. Ueberdies kann ich auch nicht begreifen, was die Glieder der Gemeinde mit diesen Sätzen zu den Sidra's ansangen sollen; sie in der Synagoge zu lesen scheinen sie nicht gemacht, und es wäre auch ein lästiger Luxus, da wir ohnehin^ an Ueberfülle leiden; zum Lesen zu Hause paffen sie ebenso wenig ihrer Kleinheit wegen, und übrigens wüßte ich nicht, wie sie unter dem Titel: „das Deutsche der Liturgie" gebracht werden konnten. — Ist aber schon das erste Stück der ersten Abtheilung überflüssig und zwecklos und härte ganz wegbleiben können, so ist es mit der ganzen zweiten Abtheilung, welche Psalmen in einer Auswahl enthält, vorzüglich der Fall. Um seiner Gemeinde die Psalmen in deutscher Sprache zu geben, wenn sie überhaupt zur Liturgie nothwendig, hätte die Salomon'sche oder Zunz'sche Bibel vollkommen hingereicht, wo sie das Wort Gottes selbst in großer Auswahl hätte. Ueberdies kann man diese auch nicht Theile der Liturgie nennen, was ich hier weiter nicht erörtern will. — Wenn man diesemnach die überflüssigen Bestandtheile ausscheidet, so ergiebt sich, daß von dieser ganzen 152 Seiten starken deutschen Liturgie nur 35 Seiten übrig bleiben, j welche auch den besondern Titel führen: Gebete für alle! Festtage des Jahres". Abgesehen davon, daß der Titel viel ' zu allgemein ist, da es doch nur einzelne deutsche Einschalj tungen in das Siddur und Machasor sind, so möchte ich hier j an Hrn. Herausgeber nnd Anordner die Frage richten: waren | diese Gebete nothwendig, nachdem das Gebetbuch des Hamj burger Tempels fo treffliche für diesen Gegenstand hat? Der Verf. sagt im Vorworte selbst, daß manche dieser Gebete ihm nur in sehr geringem Maaße angehören, daß das Gebet für den 1. Neujahrstag aus der Würtemberg'schen Gottesdienstordnung, das Lied zum Borabend des Sühnetages, das Haskarat Neschamot, das vor Ne'ücr rc. der Stein'schen Liedersammlung entnommen, das zum ersten Tage des Septadenfestes aus der Köpenhagener Agende bearbeitet sei, und wozu dieses Stückwerk, wenn das Tempelgebetbuch schon so vortrefflich vorgearbeit? Diese Frage könnte man überhaupt an viele Rabbiner richten, welche deutsche Gebete zur Abwechselung mit den hebräischen einführen, aber wenn jene auf der Bahn der Heuchelei herschreitend darauf nicht antworten, so hätten wir von dem jugendlichen geradsinnigen Herzfeld