Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-12-03 · Heft 49 (3.12.1844) · p. Seite 383

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 49 (3.12.1844)
Date
1844-12-03
Page
Seite 383 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2360092-2360310-2360360--4735-3530842
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

383 piek Wunsch bleibt, werden unsere Altvordern mit Verachtung auf die aufgeklärten modernen Juden herabschen können. Daß sie es nicht könnten!! Zur Kerintnisi des Neformverekns.! Dsfenes Antwortschreiben an Hrn. M. Ä. Stern j auf dessen offenen Brief über den \ : Reformverein.: | Bon M. Eutmann, Distriktsrabbiner. I! 1 (Fortsetzung.) 1 . I Denn unmittelbar nach den von Ihnen citirten Worten heißt es (5 Mos. 30, 6): Und beschneiden wird j Gott, dein Herr, dein Herz und das Herzcheines I Samens, daß du liebest Gott deinen He^rrn, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, auf daß du lebest. Gott will also nicht bloß den Leib erlösen vom den ihn drückenden Uebeln, sondern auch den Geist befreien von den Banden der Knechtschaft, in welchen die sinnlichen Begierden, die Jrrthümer und die Leidenschaften ihn gefangen halten. Ja noch mehr, in der Parallelstes, im 3. Buche Mos. Kap. 26, 42—46, wo also gleichfalls das Loos der durch die göttlichen Strafgerichte gebesserten Israeliten geschildert wird, geschieht der Rückkehr nach Palästina gar keine Erwähnung. Es wird ihnen vielmehr der göttliche Schutz und Beistand im fremden Lande zugesichert und die Aufrechthaltung des Bundes ,-den Gott mit den Vätern geschlossen, verheißen. | Um Sie indessen zu überzeugen, daß die Lehre vomMes- | sias, wie ich dieselbe auffasse, wenigstens der Hauptsache nach J nicht neu ist, sondern bereits von alten und sehr große Au- | toritä't im Iudenthume genießenden Nabbinen die Herstellung E ^s göttlichen Reichs auf Erden, des Reiches der Wahrheit, | der Gerechtigkeit und der Liebe, als der Kern der messiani- | schen Verheißungen betrachtet worden ist, verweise ich Sie Z der Kürze halber auf Maimuni in seinem Mischnakommenj tai< zum zehnten Abschnitt von Sanyedrin, dann HilchotMelaf chiln Kap. 12 und Hilchot Leschuba Kap. 9. k Doch Sie gehen mir nun ernstlicher zu Leibe, Sie suchen - j ,nic das Gewissen zu schärfen, indem Sie mich fragen, \ lö*e ich bei meiner Ansicht vom Messias, da ich eineZurückl Ehrung nach Palästina weder, erwarte noch wünsche, in das Gotteshaus treten und die darin auszusprechenden! Gebete mitsprechen könne, da doch in diesen Gebeten eine - ^iche Zurückführung ausdrücklich erfleht werde. Und sollte auch für meine Person diejenigen Gebetstücke, deren -^uhalt meiner Ueberzeugung widerspreche, überschlagen, so db'ebe noch immer die andere Frage übrig, wie ich damit als Lehrer und Leiter einer Gemeinde meiner Pflicht genügte? Daß Sie damit auf einen großen Misstand, auf einen faulen Fleck des bestehenden Gottesdienstes, wie Sie sich ausdrücken, hingewiesen haben, gebe ich gerne zu. Allein nicht erst durch Ihre Worte bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, sondern ich hatte diesen Misstand mit vielen meiner Amtsbrüdern schon früher recht lebhaft gefühlt, ich habe mich auch, fast eben so nachdrücklich wie Sie darüber bereits vor zwei Jahren in meinem Gutachten über das neue.Gebetbuch des Hamburger Lempelvereins ausgesprochen und meine Ansicht, daß eine Reform des Gebetbuchs in dem angegebenen Sinne nicht allein höchst wünschenswert!), sondern auch dringend nothwendig sei, unverholen an den Lag gelegt. Allein ich sehe schon, daß Sie sich damit keineswegs begnügen. Sie hatten mir das Dilemma vor: „wenn die Gemeinde wie Sie, einen Messias, wie er im Gebete erfleht wird, weder erwartet noch wünscht, was kann Sie abhalten, diese Gebete abzuschaffen, wenn Ihre Gemeinde in einem so wichtigen Punkte nicht Ihrer Meinung ist, wie können Sie an deren Spitze bleiben?" Ich sollte aber doch denken, daß es noch ein Drittes giebt, daß noch ein Ausweg zu finden ist aus dem Labyrinthe, in welches Sie mich eingeschlossen zu haben vermeinen. Wenn meine Gemeinde noch aus einer niedrigeren Stufe der Erkenntniß und der Geistesbildung steht, wenn sie noch in Irrthümern und Vorurtheilen befangen ist, so wäre es vor Allem meine Pflicht, sie zu belehren, ihr das Irrthümliche und Verkehrte in ihren Ansichten nachzuweisen, und sie durch alle mir zu Gebote stehenden Mittel von der Wahrheit zu überzeugen. Dann erst, wenn mir dies gelungen, so glaube ich wenigstens, steht es mir zu, meine bessere Ueberzeugung auch ins Leben einzuführen, nicht aber varf ich meinen Glauben, und sei er auch zehnmal der bessere, der Gemeinde mit Gewalt aufdrängen oder ihr das entziehen, was in ihren -Augen durch das vieljährige Bestehen geheiligt ist, und was sie als zur richtigen Anbetung Gottes für nothwendig betrachtet. Die Frage ist zu wichtig, als daß wir mit Flüchtigkeit darüber hinwegeilen sollten. Denn außer der Lehre des Messias, welche allerdings eine der wichtigsten ist, giebt es noch manche andere Lehre des Iudenthums, die ins praktische Leben eingreift, und worüber der Rabbiner mit seiner Gemeinde nicht immer einerlei Ansicht theilt. Nach dem von Ihnen ausgestellten Grundsätze müßte nun der Rabbiner jedesmal, wenn ein solcher Zwiespalt zwischen ihm und der Gemeinde sich herausstellt, von seiner Stelle abtreten und es der Gemeinde anbeim geben, sich einen geistlichen Führer zu wählen, der ganz konform mit ihr in seinen religiösen Ueberzeugungen ist. Mir scheint jedoch diese Ansicht weder richtig noch ausführbar, noch ersprießlich zu sein für die Förderung des religiösen Lebens oder für die Fortbildung des Mosaismus, wie Sie sich ausdrücken würden. Mendelssohn in seinem Jerusalem Lheil!. S. 88 behandelt eine der unsrigen ganz ähnliche Frage, obwohl gerade

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.