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Der Orient · 1844-12-03 · Heft 49 (3.12.1844) · p. Seite 380

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 49 (3.12.1844)
Date
1844-12-03
Page
Seite 380 (sequence 7)
Language
German
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380 Oesfentlichkeit von einem solchen heiligen Eifer begeistert wurde, daß es die Funktionen des Präsidenten mir gegenüber sich anmaßte und mir unterstellte, ich wollte den Schulchan Aruch lächerlich machen, was bei Jedem, der meine wissenschaftliche Bestrebungen kennt, keines Wortes bedarf, — denn ich suche jede Erscheinung auf dem religiösen Gebiet in ihrer historischen Nothwendigkeit zu begreifen, womit das Lächerlichmachen von selbst wegfällt. Ich kann eben so wenig dafür, daß der Präsident, von jenes heiligem Eifer angesteckt, mir den Verweis gab, der Jenem gebührte und zum Beweis dafür gelte, daß als Herr Dr. Adler meine Idee nach mir aufgriff und ganz in meinem Sin ne weiter führte und jenes Mitglied abermals sich von heiligen Eifer hinreißen lassen wollte, der Präsident nunmehro sein Amt gerechter übte und die Freiheit der Diskussion gegen jeden vorlauten heiligen Eifer in Schutz nahm. Und trotz dieser Uebelstände entschied sich die Versammlung für unbedingte Oesfentlichkeit. Warum? Hat der Herr Dr. Frankel die Damastener Blutgeschichte und die Art, wie sich die deutsche Journalistik dabei benahm, denn ganz vergessen? Hätte eine Berathung bei verschlossenen Thüren den Judenfeinden nicht neue Waffen geboten? Besser die Versammlung setzte sich der Gefahr aus, daß Manches von der Eitelkeit, vor dem Publikum zu glänzen hingerissen, oder von Befangenheiten und Rücksichten von der Aeußerung seiner wahren Herzensmeinung abgehalten werden könnte, als daß sie zu neuen, ungerechten und lügnerischen Anklagen gegen das Judenthum Anlaß geben sollte. „Aber der Laie könnte Aergerniß geben, könnte an seiner Religion.durch eine Behauptung irre werden, deren Mederlegung er nicht zu folgen vermocht!" Nun, da sind wir anderer Meinung als der Herr Dr. Für uns giebt es im Judenthum nicht solche Laien! Für uns muß auch der Laie denken und nachforschen über die Gegenstände seiner Religion. Da braucht er denn auch nicht so ängstlich vor jedem Luftzug bewahrt zu werden. Es brauchen ihm nicht von seinem Priester fertige Resultate als die Glaubmssatzungen seiner Kirche geboten zu werden, die er, bei Vertust seiner Seligkeit, annehmen muß, sondern er darf und soll den Weg, den der Rabbi gehet, um zur Wahrheit durchzudringen, auch mit machen. Und irrt er einmal auf diesem seinen Wege, so ist dieser Jrrthum Gott gewiß angenehmer, als wenn er blos aus das zu schwören weiß, was etwa sein Oberrabbiner als eine fertige Wahrheit ihm zu bieten hat. Herr Dr. Frankel ist dann sehr unzufrieden, daß die Versammlung eine Kommission zur Reform des jüdischen Ehegesetzes erwählt hat. Wie soll sie es Herr Dr. Frankel recht machen? Bei der Frage über gemischte Ehen hätte ihm eine Kommission genügt. Hier, wo die Versammlung recht bedächtig ist, wo sie nicht bloß eine Kommission wählt, sondern auch verlangt, daß deren Arbeit, ehe sie von der etwaigen Rabbinerversammlung in Diskussion genommen werde, bedeutendem talmudischen Kapacitäten zur Begutachtung vorgelegt werde, thut sie ihm immer noch nicht genug. „Die Reform werde vom Leben hier nicht so dringend gefordert." M Herr Dr.? Sie wagen esvom blinden Haß gegen Alles, was diese Versammlung gethan, verleitet, diese Worte niederzuschreiben? Es stirbt Jemand kinderlos. Nach mosaischem und talmudischem Rechte ist der Bruder verpflichtet, sie zu heirathen. Thut er das nicht, so muß er einen öffentlichen Schimpf erleiden. Durch die Synode des Rabbenu Gerschom wird das, was in der Bibel Pflicht ist, verboten; die Beschimpfung aber als Strafe beibehalten. Heute kommt der Fall vor. Der überlebende Bruder ist in Amerika, China oder man weiß gar nicht mehr wo er ist, und die junge Frau darf nie mehr heirathen, weil eine Ceremonie, deren Bedeutung nicht mehr existirt, nicht vollzogen werden kann. Und dieses gestörte Lebe ns glück, Herr Dr. gilt Ihnen nichts, nicht einmal so viel, daß eine Kommission niedergesetzt werden soll, ob hier eine Abhilfe möglich ist!! Ein Priester darf diese und jene Frau nicht heirathen; wie oft bewirkt das nicht blos ein gestörtes Lebensglück, sondern auch Abfall vom Judenthum, und dar gilt Ihnen nichts, und da sollten Vorschläge zu einer Abhilfe und deren Untersuchung so ganz überflüssig sein? Ein junger Mann erlaubt sich einem Mädchen den Werth eines Peruta in Gegenwart zweier Zeugen mit der bekannten Formel zu geben und die Angst, Betrübniß und Zerwirfniß der Familien gelten Ihnen nichts? Es sind dieses keine erdichtete sondern in der Wirklichkeit vorgekommene Fälle und der Herr Dr. behauptet: „Die Reform wird nicht vom Leben so dringend und allseitig gefordert!!" Und wie wenn Sie einmal auf dir Beihilfe des Staates bei kirchlicher Eingehung und Schließung der Ehen Verzicht leisten müßten — ein Wunsch, der nicht nur vom philosophischen Standpunkte aus gerechtftrLigl ist, sondern auch vom jüdisch talmudischen, wo bekanntlich der Bräutigam und der Mann, nicht aber der Rabbiner oder dessen Stellvertreter.die Ehe schließt und auflost — wie lauge glauben Sie wohl, daß bei der Kulturstufe der heutigen Juden man sich einer Ceremonie, wie die von Chaliza oder deu Gesetzen über die eines Priesters verbotenen Ehen unterwerfen wird? Wenn irgendwo, so gilt es wahrlich hier, den Schaden zu heilen, ehe er unheilbar ausbricht. Was im Volksbewußtsein lebt, ist gerade das im jüdischen Gesetze unbegründete, daß nämlich zur Eingehung und Auflösung einer Ehe ein Geistlicher nöthig sei. Diesem danken wir es, das) viel Unheil vermieden wird. Ist es der Rabbinenversammlung zu verdenken, daß sie dieses durch die Sitte geheiligte, vom bisherigen Gesetz aber gar nicht als nothwendig erklärte Palladium zum wirklichen Gesetz erheben möchte? Gewiß, das vermag nur Herr Dr. Frankel! Eben so verhält es sich mit den Ausstellungen des Hrm Dr. über die Behandlung des Eides. Die Frage war einzig und allem die: Ist. ein Eid für den Juden verbindlich, wenn er ohne alleZuthat, die des Nekr'tat-Chefez nicht ailsge' nommen, geleistet wird? Denn die Nabbinerversammlung tMc kein Gesetz zu geben, sie ward nicht befragt, wie der Eid ein-

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