Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1844)
- Date
- 1844-12-03
- Page
- Seite 379 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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379 Geschick hatte, ein solcher Mann ist nicht bloß sich, ist Israel über sein Nichterscheinen Rechenschaft schuldig. Guten Willen, das'Beste und Tüchtigste zu leisten, durfte Herr Dr. Frankel Lei jedem Mitglied voraussetzen; ein Führer, wie Herr Dr. Frankel that allein Noth, denn er allein konnte der Versammlung sagen, was sie sein müsse; er kam nicht. Wessen Schuld ist es nun, daß statt Gutes Böses geleistet wurde? Fallen da nicht alle Anklagen gegen die Versammlung auf Herrn Dr. Frankel selbst zurück? Wessen Schuld ist es, wenn diese Versammlung so wenig Anklang findet, daß sie wie Herr Dr. Frankel zu hoffen scheint, nicht rveiter ins Leben tritt,? Oder ist überhaupt kein Bedürfniß «ach einem solchen oder ähnlichen Institut? Fast sollte es nach Herrn Dr. Frankens Aeußerungen über das Volk, über dessen gesunden Sinn und tief innige Religiosität scheinen, als habe der bloße Muthwille jene Männer zusammengebracht; als sei hier ein Leichtsinn an der Tagesordnung gewesen, die man keinem Laien, vielweniger Rabbinern verzeihen könne. Aber war Herr Dr. Frankel noch nie in Leipzig während einer Meffezeit? Hat er noch nie am Sabbat und hohen Festtagen dort die Straßen durchwandelt? Hat er noch nie eine Tabie d’hute obec sonst einen ähnlichen zum Essen oder Trinken bestimmten Ort gesehen? Und er wagt es auf den religiösen Sinn des Volkes zu pochen! Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, sieben Achtel unserer deutsch israelitischen Jugend ist allem religiös-jüdischen Sinne völlig entfremdet; wenn ich behaupte, daß dieser Krebsschaden täglich größere Fortschritte macht und Herr Dr. Frankel fand-kein Wörtchen der Anerkennung, der Liebe und.der Aufmunterung für — ich will nicht sagen die Männer.jener Versammlung, sondern für ein Institut, das es sich zur Aufgabe gestellt, hier einen Ausweg zu '[toben!! Herr Dr. Frankel stützt sein Verdammungsurtheil auf die gedruckten Protokolle. Ich selbst hatte die Ehre als zweiter Sekretär gewählt zu werden und mußte als solcher zuweilen das Protokoll führen. Ich gab mir damit um so mehr Miihe, als die Versammlung ihre außerordentliche Zufriedenheit mit den Leistungen des Herrn Dr. Frankfurter so oft ausgesprochen und ich hinter diesem nicht gar zu sehr zurückstehen wollte. Und doch können die Protokolle nur als die subjektive Auffassung der Protokollführer gelten, aber nicht ein objektives Bild von der Versammlung abgeben. Stenographen waren die Protokollführer nicht, ße konnten sich nur bemühen, die Hauptgedanken der Redner — das, was ihnen als solche erschien — fest zu halten, wie sie es aus der Universitätszeit her gewohnt waren. Zwar wurden die Protokolle jedesmal verlesen und es standen Berichtigungen frei, doch wer wollte einen solchen Schein der Eitelkeit auf sich laden, daß er auf jedes seiner Worte ein so übermäßiges Gewicht (ege, um immer mit Berichtigungen ^stig zu fallen? Eben so verhielt es sich mit der Schlußredaktion der Protokolle. Diese wurde Herrn Dr. Salomon übertragen und zur Beihilfe wurde Unterzeichneter und Herr C. Adler erwählt. Da aber ein so langes Zusammenbleiben, um dieses Geschäft zu vollenden, uns unmöglich war, so wurde dieses mit Bewilligung des Herrn Präsidenren dem Herrn Dr. Salomon allein übertragen. Auch hier sind — gewiß ohne Absicht von den Herren Herausgebern — viele Versehen vorgekommen. So lautet mein Antrag wörtlich: Die V e rsammlungmöge eine Ko Mission wählen, zuunt e r su ch en, o b und w eL ch e Mit t e l esgebe, dieLehre und das Leben in Beziehung aus die Sabbatsfeier aus zu gleichem Dieser obgleich schriftlich niedergelegter Antrag, scheint abhanden gekommen zu sein und er scheint S. 88 aus dem Gedächtniß höchst ungenau wiedergegeben. So verhinderte mich ein plötzliches Unwohlsein bei der Debatte über gemischte Ehen gegenwärtig zu sein. Ich schloß mich aber in der Nachmittagssitzung einem schriftlich niedergelegten Protest des Herrn Dr. Herzfeld an, ebenfalls schriftlich und erklärte, daß — obgleich vom rab bauschen Standpunkte wohl schwerlich etwas gegen die Gültigkeit solcher Ehen beigekracht werden könne (was ich gegen die ganze Gelehrsamkeit des Herrn Dr. Frankel zu vertheidigen mich getraue; wohl gemerkt, es kann hier nur von der religösen Gültigkeit solcher Ehen die Rede sein) — ich doch erst auf die Niedersetzung einer Kommission dringen müsse, um alle hier einschlagenden Fragen zu beleuchten, oder auf gänzliche Uebergehung dieser Frage—beide Proteste fehlen aber in dem Protokolle. Aehnliche Reklamationen wird wohl Jeder machen können. Doch in Interesse der Sache zogen wir bisher Schweigen vor, denn besser, es fallt ein zweideutiges Licht auf ein Individuum, als daß durch das Anregen von Zank und Streit das ganze Institut gefahrtet werde. Und diese Protokolle genügen Herrn Dr. Frankel, zum öffentlichen Ankläger gegen die Männer jener Versammlung zu werden. Ich gehe nun zu den einzelnen Anklagen des Herrn Dr. Frankel über. Nach der über die Behandlung der gemischten Ehen, die ich für diesesmal nicht aufnehmen will, will Herr Dr. Frankel, daß die Versammlung sich nicht für die Oeffentlichkeit ihrer Sitzungen hatte entscheiden sollen. Alles, was Herr Dr. Frankel vorbrmgt, wurde erwogen und auch von der Erfahrung bestätigt. Ich hatte z. B. von Schulchan Aruch gar nicht so arg gesprochen, als es nach S. 16 Herrn Dr. Frankel scheinen will. Es war nämlich von der Verbindlichkeit die Rede, die Beschlüsse der Versammlung, so weit man sich ihnen angeschlossen, auch in der Praxis geltend zu - machen. Hier hob ich die Notwendigkeit dieser Bestimmung hervor; zeigte, wie wir jetzt, wider bessere Ueberzeugung in der Praxis, bei religiösen Entscheidungen auch an solche Vorschriften des Schulchan Aruch gebunden seien, die Jedem auch wohl Herrn Dr. Frankel als veraltet erscheinen, und wollte, daß man in der Zukunft denen Stellen des Schulchan Aruch die Autorität der hiex versammelten Rabbiner gegenüber zu stellen verpflichtet sei, es dem Individuum überlassend, nach welcher Autorität es sich nun richten wolle. Ich kann nun nichts dafür, daß ein geehrtes Mitglied durch die 49*