Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1844)
- Date
- 1844-11-26
- Page
- Seite 373 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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373 I Indessen ,-bteibt mir noch übrig, darzuthun, daß der § Staats- und Privatvortheil auch hier mit dem Rechte Hand I in Hand geht, wobei ich natürlich nicht an Geld und Gut, tz .materiellen Gewinn, sondern an die höchsten Güter des. 8 Menschenlebens, an Ehre, Freiheit und Vaterland, gedacht § Men will. Die Regierung darf keine Ausnahme dulden, und es thut uns leid, daß sie von dieser Maxime in Betreff der Mennonittn abweichen zu müssen glaubte. Wäre es Gewissenszwang, diese zum Militärdienste zuzuziehen, so müßten sie sich auch die Ausschließung von allen andern Rechten ohne Widerrede gefallen lassen. Die Regierung muß unbeugsam, unerbittlich, wie das Gesetz selbst sein. Sie soll an Niemanden die Fragen stellen: Willst Du dienen? Darfst Du dienen? — sie muß blos prüfen, ob Jemand zum Dienst fähig ist; dann muß er eo ipso ins Heer eintreten. Das ist, meines Erachtens, die wahre Staatsraison. Und auch, die Stände sollten damit völlig übereknstimmen. Sir sollen ja das Recht des ganzen Volkes dem Thron gegenüber vertreten; sie also dürfen am wenigsten Ausnahmegesetze gutheißen, geschweige denn in Antrag bringen. Handelt es sich ja hier darum, ob die Last, die z. B. auf 100,000 fallen würde, auf 95,000 fallen soll, ob ferner Jemanden gleiche Rechte eingeräumt werden dürfen, der nicht die gleichen Pflichten ausübt, oder ob überhaupt Jemand zum Nachtheil Anderer und seiner selbst von gewissen Obliegenheiten dispmsirt werden kann. In der Schleswigschen Standeve*rsmmlung hat die schiefe Ansicht, die Juden seien Fremde, leider den Sieg davongetragen; hofiMMir, daß bei der Holsteinischen die bessere Ueberzeugung triümphirt. Es ist ein Frevel an dem gesunden Menschenverstände, Eingeborne für Fremde auszuschreien, und wenn auch ein Graham, ein Stanley, ein Lyndhurst tausendm^^ie Irländer als Fremde bezeichnen, so sind sie es doch darum keinen Augenblick lang. Auch die Juden sind so weniss Fremde in Deutschland, als es die Nachkommen der Angeln und Sachsen in England, als es die Normannen in Frankreich, oder die der Deutschen in vielen Europäischen Ländern sind. Das Fremdsein scheint uns etwas durchaus Relatives und Temporaires. -Was aber den „christlichen Staat" betrifft, welcher der Teilnahme der Juden an den Rechten ihrer christlichen Volks- Mossen zuwider laufen soll, so wird man es mir nicht übel deuten, wenn ich denselben für ein unheimliches Gespenst erkläre, daß man in jüngster Zeit von Preußen nach Hannover jj und Schleswig-Holstein, aller Wahrheit und aller Vernunft j W Trotz, eingeschleppt hat. i Es scheint uns die höchste Zeit, daß sich alle patriotische II H^zen gegen dieses zwitterhafte Scheinwesen nachdrücklich j ^sprechen. Es ist an den Kommunen, dem Verketzerungsi eiscr, der Gevatterwirthschaft, der Heuchelei, der Augendienei rei, der Aemterjagd, der geistlichen Despotie, die zu den Konl Grenzen des christlichen Staates gehören, mit Energie und | entgegenzutreten, wie man es in Königsberg und an anderen Orten gethan. „Wir wollen kein patriarchalisches Regiment mehr", so laute die kurze und bündige Erklärung des Volkes durch die Stimme seiner Vertreter. „Wir wollen nicht zugeben," mögen sie hinzusetzen, „daß man die Juden zugleich herabsetze, und ihnen eine scheinbare Erleichterung die eigentlich eine Schmähung ist — auferlege, indem man sie von der Pflicht befreit, die wir tragen müssen, und so des Rechtes beraubt, das ihnen unwiderleglich klar zusteht. Aber es ist auch der Juden heiligste Verpflichtung, nicht zu ruhen und zu rasten, bis sie dieses Recht errungen, diese Pflicht übernommenhaben. Sie mögen protestiren und petitioniren, so lange noch ein Athen: in ihnen ist; sie müssen, des leuchtenden Beispiels eingedenk, das ihnen ihre Preußischen Konfessionsverwandten, selbst in den orthodoxesten Gemeinden, vor zwei Jahren gegeben, nicht zaudern und nicht zagen, nicht schwanken und nicht wanken, nicht ablassen, noch Nachlassen, bis ihre Bitte erhört, bis ihre rechtmäßige Forderung erfüllt ist. Und wenn sie beharrlich sind, sollten da wohl die Holsteinischen Stände sich bedenken, ob sie hinter den Dänischen, die gleichzeitig versammelt sind und gewiß den Vorschlag dcr Regierung, und nichts von der Ausschließung der Juden von der Wehrpflicht weiß, in diesem Punkte annehmen werden, zurückstehen, oder ihnen in Anerkennung der Mahnungen der Gerechtigkeit zuvorkommen wollen? — Säumet also nicht, Ihr Juden in Holstein, erhebet Eure Stimme, sei es in ganzen Gemeinden, oder als Einzelne, sprechet Euch ohne Rückhalt, fest und entschieden, offen und ehrlich über eine Angelegenheit aus, von der vielleicht das Wohl oder Wehe Eurer Kinder und Eurer Enkel abhängt. Wartet nicht ab, bis 10, bis 100 zusammentreten, bis Eure Gemeindevorsteher berathen haben, thut sogleich, was keinen Aufschub duldet, weil dieser Euch sonst in Zukunft jahrelange Reue bereiten könnte. Ein jüdischer Freund d e s D e u t s ch e n Vaterland es." Zur Kenntniß des Reformvereins. Offenes Antwortschreiben an Hrn. M. A. Stern auf dessen offenen Brief über den Reformverein. Von M. Gutmann, Dlstriktsrabbiner. Ihren offenen Brief in den Nummern 36—38 des „Israeliten" vom Juli d. I. würde ich, da Sie mich so dringend zur baldigen Beantwortung desselben auffordern, auch alsbald beantwortet haben, wenn er mir nicht gerade zur Zeit der heiligen Feiertage, an welchen die amtliche Thätigkeit der Rabbiner mehr als das ganze Jahr hindurch in Anspruch