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Der Orient · 1844-11-19 · Heft 47 (19.11.1844) · p. Seite 362

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 47 (19.11.1844)
Date
1844-11-19
Page
Seite 362 (sequence 3)
Language
German
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362 nicht zu zweifeln, daß Alles, was in der deutschen Judenhe.it Verstand mit religiösem Gefühl verbindet, den Männern dieser Versammlung und ihrem Unternehmen unbedingt sich Hinneigen würde. — Die zweite Rede, deren ich nicht ohne Lob gedenken kann , hörte ich aus dem Munde des Rabb. L., Verfassers der Schriften „Beitrage zur Kritik" und „Jehova nicht Moloch" rc. Dieser nämlich wurde von Jebenhausen auf das Bezirksrabbinat Lehrensteinsfeld befördert. Ich bedauere es, den Hauptinhalt der Predigt hier nicht geben zu können, da die allgemein kräftig ausgesprochene Idee, die es wohl verdiente, in weiter Ferne vernommen zu werden, fo sehr in lokalgefardten Stoff eingewebt'war, daß eine Sonderung ebenso unmöglich, als die Spalten dieses Blattes mit dem Ganzen auszufüllen unpassend wäre. Doch erlauben Sie mir den Grundgedanken der Predigt, sowie einen Theil der Einleitung und des Schlusses hier wiederHugeben. Zum weitern Verständnis; schicke ich voraus, daß ohngefahc |- Theile der isr. Gemeinde I. in der Selbstemancipation von den positiven Satzungen der jüd. Religion bereits so weit vorgerückt sind, als nur die hochgebildeten Freien in Berlin, Breslau, Hamburg u. sf. Das Bedürfniß dagegen nach einer veredelten Gottesdienstordnung wird nur von Wenigen derselben gesuhlt. Alle Anstrengungen ihrer Geistlichen (früher Rabb. O.) für eine würdige Gestaltung des Gottesdienstes war bis jetzt fruchtlos. Dazu kommt noch, daß die meisten der in religiösen Dingen so frei Denkenden und Lebenden sich nicht schämten, schaarenweise zu einem Wunderdoktor der Nachbarschaft zu wallfahrten, um in körperlichen Leiden Genesung zu holen. (In mehren hiesigen Lokalblättern wurde dieser Unfug mehrmals gegeißelt.) In der Einleitung beklagte sich der Prediger über die gänzliche Theilnahmlosi'gkeit von der einen und über die Hindernisse von der andern Seite, welche die Realisirung so schöner Plane und Hoffnungen für Gottesdienst und Gotteshaus unmöglich machten und bediente sich dabei folgender, wie mir scheint, origineller Parallele: Wie mag es kommen, daß ihr einem Wunderdoktor, für den nichts spricht, als etwa der zufällige /Umstand, daß ein oder der andere Kranke genesen, nachdem der Wunderdoktor von dessen Zustanden in Kenntniß gefetzt war, ein so lächerliches Zutrauen geschenkt habt, daß dagegen ich, euer Seelenarzt mit den überzeugendsten Darstellungen eure Folgsamkeit nicht gewinnen konnte? Aber freilich der Wunderdoktor besitzt einen geheimnißvollen Spiegel. Ich nicht. — Der Spiegel meines Lebens, meines Wirkens, selbst mit den Mängeln und Schadhaftigkeiten daran, hat immer vor euch offen gelegen. Der Wunderarzt schaut nur selbst in seinen Spiegel. Ich habe euch mehr als einmal den Spiegel unsres Lebens und unsrer religiösen Verhälnisse vorgehalten, habe euch gezwungen, die Gestalten anzuschauen, wären sie auch noch so abschreckend, noch so unheilvoll. Der Wunderarzt spricht zu jedem: „es ist gut, es wird gut werden". Das konnte ich nicht. Mein Gewissen nöthigte mich oft zu sagen: es steht schlimm, sehr schlimm, und wenn wir nicht bedeutende Anstrengungen auf uns nehmen, wenn wir uns künftig nicht dem eitlen Wahn entziehen, fo gehen größerem Verderben entgegen. Der Wunderarzt verlangt nichts, als daß man ein oder mehremal zu ihm komme, Gaben in den Händen. Gaben für mich Hab' ich nie gewollt, auch nie gedacht oder ausgesprochen, daß es zur Genesung aus unseren krankhaften religiösen Zuständen hinreiche, dieses Gotteshaus ein oder mehremal im Jahre zu besuchen, oder daß der beharrlichste Besuch des Gottesdienstes allein schon zum Ziele führe. Sondern wie unsre Religion es lehrt und unsere Zeit besonders dringend mahnt, habe ich Euch zu bewegen gesucht, Gewohnheiten und Neigungen zu entsagen, die vor Gott nicht wohlgefällig sein können, schwere Opfer mit freudigem Herzen zu vollbringen, um ein lebendiges, ebenso zeitgemäßes, als wahrhaft religiöses Leben in dieser Gemeinde zu erwecken zum ewigen Bestand. Text der Predigt \m Haggai 2, 9. mit der willkürlichen Uebersetzung: Der „spätere" Glanz dieses Gotteshauses möge bedeutender werden, als der „frühere", mit doppelter Anwendung 1) auf die einzelne Gemeinde I—n, 2) auf die Synagoge überhaupt. Der dem Stoff, wiewohl nicht der Form nach glänzend durchgefühcte Gedanke war, daß die ölten religiösen Satzungen und Einrichtungen die religiösen Bedürfnisse der Neuzeit nicht befriedigen; daß zwar darum gestritten werden könne, ob Etwas und was von dem durch viel hundertjährige Geltung Geheiligten # gegeben werden darf; daß bei der Verwirrung unsrer Zeit der Fromme in der Wahrheit einzigen, aber auch hinlänglichen Trost finde, 'Oühüb *6l NV7 DW3 min nJM m&n, daß die Ordnung, welche von den Gelehrtesten und Begeistersten nach reiflicher Beralhung wird festgestellt werden, auch des Göttlichen Beifalls j)fc wiß fei, denn es kann nimmermehr verholen werden, daß unsere Zeit, wenn sie nicht mit Recht als gottlos p brandmarkt sein soll, neue religiöse Schöpfungen gebären müsse. Habe ich zu lange bei Nr. 2 verweilt, so ent' schuldigen Sie, ad terlium Yenio mit Cicero zu reden. Am n'EWO Hju^ hat Hr. Rabbinatsverweser M. Her! seine Antrittsrede in I. gehalten. Sein Text M'> 5 B. M. 33, 8—10. Der leitende Gedanke war!• der Rabbiner muß erbauen durch einen frommen Lebenswandel, 2) muß er beim Streite über Religionsdogmen bei den Israeliten, sich zur Hauptaufgabe machen! Gesetz zu studiren und in seine Tiefen einzugehen und diese Lehren dem Volke vortragen. Hr. Herz hat luit dem Feuer und der Eleganz gesprochen, wie es sich ÜCU einem tüchtig durchgebildeten Manne, der sich unter Küchenrath Maier ausgebildet, erwarten läßt. Möge er sil^ ausgesprochenen Grundsätze im Amte bethätigen und möge seine anvertraute Gemeinde ihn nicht irre machen iu seinen schönen Bestrebungen. Bei dieser Gelegenheit darf

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