Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-11-12 · 46 (12.11.1844) · p. Spalte 723-724

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
46 (12.11.1844)
Date
1844-11-12
Page
Spalte 723-724 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/8555529-9890798-9890847--3779-3530791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

723 724 Studien. Zur Kenntniß des jüdischen Hellenismus. digten heidnischen- Sitten und Gebrauchen, oder fielen ganz vom Monotheismus ab; Andere philosophirten über die'väterliche Religion oder über die heiligen Schriftdenkmale der Väter und sahen sie als Mythen an; noch Andere gaben sich den epikuräischen Lehren und dem Materialismus hin, Alle aber traten mehr oder weniger als Gegner des orthodoxen Theiles der Juden auf. Im Ganzen schied sich die jüdische Masse damals in orthodoxe und ethnisirende Israeliten!«), und gegen Letztere im Allgemeinen wurde von dev nationalen Partei gekämpft, zu welchen Kämpfern unser Dichter auch gehörtes. Was die speciellen Lehren jener gegenjüdischen Parteien anlangt,, so läugneten diese, wie wir es von den Gebern erfahren, die specielle Vorsehung Gottes über die Menschen"); daß die Leiden der Frommen nur Prüfungsmittel seien"), und sie behaupteten, daß überhaupt die nationalen Vorstellungen von Lohn und Strafe nicht weiter als. Phantasmen wären "), womit die messi'anische Zukunft der Juden zusammenhinge"). Neben diesen antinationalen Ansichten hat um jene Zeit, die platonische Philosophie sich ebenfalls bereits ausgebreitet gehabt, und zwar war sie schon so tief eingewurzelt, daß der orthodoxe Theil sie sogar schon mit dem Judenthume zu identificiren suchte. Dergleichen kursirende platonische Lehren waren: 1) die Lehre, daß der Leib Quell und Sitz des Bösen 14), und als Hemmniß des freier» Aufschwungs zur Hellern Erkenntniß zu betrachten sei *s). 2) d r'e Lehre von der Bildung der Welt aus der ^1?? äfioggiosl6), eine Lehre, über die in spaterer Zeit vielfach gestritten wurde. 3> die Lehre von der Liebe als dem bewegendem Principe in Gottes weltbildender und erhaltender Wirksamkeitl7). 4) die Lehre von der Präexistenz der Seelen 13), welche aber in Rücksicht auf die platonische schon bedeutend modificirt erscheint. 5) die Lehre von den vier Kardinaltugenden"), die auch jüdisch sein kann. 6) die eigenthümlich ausgebildete Unsterblichkeitslehre, daß nämlich die durch Weisheit verklärten Menschen zu Gott in den Himmel gelangen, 8) Ib’id, 1, 6—11. 2, 17. 3, 10. 9) Später war Philo ein solcher Kämpfer gegen die antr'rrationale Partei. 10) Weish. 2, 1—49. 21 ff. 11) . Ib. 2, 22., 3, 1-5, 4, 2. 5, 2 ff. 12) Ib. 3, 12, 4, 16, 13) Wir lernen daraus für die Dogmengeschichte, daß. damals (fast 150 v. Chr.) schon der Glaube an eine rplTiD und an -qw wesentliche Theile der jüd. Dogmatik waren und daß der Messiasglaube zu jener Zeit nur den nationalen Theil des Glaubens an Belohnung ausmachte, was mit der spätern christlichen Ansicht der Sühne auch nicht im Entferntesten zusammenhängt. 14) Weish. 1, 4. 8, 19. 20. 15) Ib. 9, 15. 16) ib. 2, 17. 17) Ib. 11, 24 ff. 18) lb. 8, 19. 20. Vergl. Reinhold, Geschichte der Philosophie I. S. 200. 19) Ib. 8, 7. überhaupt daß es eine selbstbewußte, mit Rückerinnerung an das Erdenleben verknüpfte Fortdauer nach dem Tode gäbe20), eine Lehre, welche das spätere Christenthum ganz nach den Modifikationen unseres Dichters ausgenommen 21). Alle diese aufgenommenen Lehren Plato's, für die theils die Mystik der Zeit, theils die zu leichte Anlehnung an Bibelstellen empfänglich machte, wurden mit eigenrhümlichen jüdischen Ideen versetzt und in jüdisch-alexandrinischem Kolorit vorgetragen. Dahin gehört die hier nicht aufgezählte Theorie von der Sophia, als Emanation der göttlichen Kraft, die als besondere Substanz geschildert wird), welche Gott und Welt vermittelt, und woraus später? die Logos-Theorie sich entwickelte. Diese Lehre ist . zur Verständnis des Chrrstenthums um so wichtiger, als die Ausdrücke auf den Sohn Gottes übertragen wurden "). Neben den antireligiösen Lehren, gegen welche unser Dichter angekämpst,. neben den platonischen Lehren, welche er als jüdisch angesehen, ersieht man noch aus seiner Dichtung, dass noch ganz andere Lehren und Ansichten in das Judenthum gedrungen waren. Zu diesen Ansichten zähle ich die epikuräische Zufallslehre und die materkalistisch-philosophische Ansicht über Wesen und Schtcksak dev Seele a3).„ . Außerdem lernten die Juden damals von den. Griechen den Umfang alles menschlichen Wissens kennen und in Folge dessen den Fortschritt der Heiden in Erforschung Her Welt anerkennen"); sie lernten die gebildetere Form von der rohen unterscheiden, die Kunst in den Bildsäulen und Gemälden der Götter als solche anerkennen, und die weniger schroffe Ansicht vom Ursprünge des Bilderdienstes war eine natürliche Konsequenz "). Selbst das Eigentümlichste des heidnischen Griechenthums, die Welt von Seiten ihrer Schönheit, von ihrer erfreuenden dem Gefühle entsprechenden. Partie zu betrachten, überhaupt den Preis der Schönheit und Gott als Urprmcip des Schönen zu betrachten, hatte sich im Judenthume Platz gemacht '«).' Aber bei allem dem können wir nicht behaupten, daß das Griechenthum oder die platonischen Ansichten das Denken der nationalen Partei schon ganz durchdrungen hätte, wie solches ein halbes Jahrhundert später schon der Fall ist. Manche Lehren Plato's, die z. B. bei Philo schon so innig mit der jüdischen Religionsphilosophie verwebt wurden, suchen wir in dieser Zeit vergebens, so sehr die paffende Gelegenheit auch dazu da war. Dieses ist z. B. mit der gekannten Lehre von 20) Vgl. Grimm, Buch der Weish.. S. 26—30 und 158-59. 21) Vgl. Bretschneider, Grundlage des evangelischen Pietismus (Lpz. 1844.) S. 193. 22) Hebr. 8, 5. 23) Weish. 2, 2. 24) lb. 7, 17-20. 8, 8. 15, 9. 25) ib. 13, 1-10 ff. 14, 14—19. 26) lb. 13, 3. 7j vgl. Philo, de decem orac. (ed. M.) II. p. 119. Vergl. Maxim. Tyr. I, p. 14 r Uuv ro naXXog insi&sv (d%6 tov &sov) qsZ^ ov £k rt'tjy'rjg dsvvdov nui ci'/LT^QUToVi. Siehe noch Boet. de cons. phil. II i. 9. 5 ff.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.