Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1844)
- Date
- 1844-11-12
- Page
- Seite 358 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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358 spricht man das Urtheil, wenn man Andere schonungslos verdammt. Ich mochte es meinen Glaubensbrüdern, namentlich denen, die ihr Wort veröffentlichen taffen, rathen, in ihren Berichten einen gemäßigtem Ton einzuschlagen, damit nicht aus jeder Zeile der Schmahsichtige hervorgucke. Wenn auch Einzelne an derartigen Gloffen Wohlgefallen finden, die Gesammtheit ist darüber erhaben, um eine solche Stimme als die ihre anzuerkennen. — Der Schreiber des Artikels vom 5. Septbr. ärgert sich ferner darüber, daß der Hystoriograph der Stadt Eger nicht auch die Schande seiner Stadt, die Judenverfolgungen, ausgezeichnet hat. ■— Die Geschichte der Juden wird um kein Jota verringert, wenn die Judenverfolgungen in der Geschichte der Stadt nicht Vorkommen, denn sie sind in den Annalen der Menschheit mit unverlöfchbaren Buchstaben verzeichnet. Ueberdies könnten wir uns glücklich schätzen, wenn wir blos über negative Beleidigungen zu klagen hätten. Jg. S — f. Prag, 1. Novbr. Prag war und ist seit einer langen Reihe von Jahren der Sitz österreichischer Rabbinatskandidaten. Während des Oberrabbinats des seligen Ezechiel Landau, jenes ausgezeichneten talmudischen Gelehrten, zog eine ansehnliche Schaar von Talmudjüngern aus Böhmen, Mahren, Ungarn und Galizien aus die berühmte talmudische Hochschule zu Prag. Den Anforderungen, welche zur damaligen Zeit an einen Rabbiner gestellt wurden, auf der Arena des Talmuds die Waffen der talmudischen Dialektik, des scharfsinnigen Pilpuls — der jedenfalls mächtiger und wohlthätiger auf den Geist der Bachurim einwirkte, als die Salbadereien vieler moderner Prediger auf das Gehirn der Kandidaten der jüdischen Theologie — konnte an keinem Orte auf eine so erfolgreiche Weise genügt werden als in der Hauptstadt Böhmens, wo die großen und berühmten Rabbiner des 17. und 18. Jahrhunderts lehrten und wirkten. Ich will mich nicht weiter in jene Zeit zurückversetzen, die einen so reichen und ergiebigen Stoff zu poetischen und kulturhistorischen Schilderungen bietet, ich wende mich von der ehrwürdigen Vergangenheit ab und kehre zur Gegenwart zurück. Auch gegenwärtig lebt eine beträchtliche Anzahl von Rabbinatskandidaten in unserer Mitte, „wie die Schaafe ohne Hirten". Man will ein- Collegium Rabbinicum errichten, wo Rabbiner nach den Ansprüchen der Jetztzeit gebildet werden sollen. Allerdings; aber leider ist bis jetzt noch nichts geschehen, das nur irgendwie zur Hoffnung berechtigte, das rabbinische Kollegium sei nicht ein Staatsprojekt geworden. Der gute Wille dehnt sich bereits so sehr in die Länge, daß wir ihn am Ende bald aus dem Gesichte verloren haben werden. Allein wozu dir Errichtung eines Instituts abwarten, das bereits die Hoffnungen Vieler getäuscht? Wir haben Männer in unserer Mitte, die ein Privatkollegium ins Leben rufen könnten; Männer wie Rapaport, Redisch, Wessely, Landau, Steinschneider und der künftige Prediger -—als welchen man den gelehrtem Frensdorfs in Hannover bezeichnet — sollten, wenn der Egoismus der Einzelnen vor den wichtigen Gemeininteressen weichen würde, zusammentreten, gegenseitig Raths einholen, der Rabbi: natskandidaten sich annehmen und gemeinschaftlich wirken. Welch' ein schöner Wirkungskreis es wäre, junge Männer, die mir glühendem und ausdauerndem Eifer nach der Wissenschuft ringen und kämpfen, zu würdigen Rabbinern heranzubilden, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Von welchem Erfolge ein gemeinsames, geregeltes Wirken in diesem höchst, wichtigen Punkte sein würde, werden die geehrten Herren selbst einsthen. Man klagt über die unzweckmäßigen Studien der Rabbinatskandidaten; nun, so tretet denn zusammen, wirkt einig und vereinigt, regelt und ordnet, führet und leitet, entwerfet einen Lehrplan, der solche tüchtige Kräfte gehörig veptheilt, und die Anerkennung der künftigen Rabbiner und der Dank von wohlgeleiteten Gemeinden ist Euch gesichert! Galizisch-jüdische Zustände. Erster Artikel. Galizien ist die am meisten .vernachlässigte Provinz,des österreichischen Kaiserthums, und wenn schon von Oestemich im Ganzen verha'ltnißmä'ßig nur selten in Tagesblättern und in Broschüren gesprochen wird, so denkt an Galizien säst gor Niemand. Weder in den Kreis der anregenden TagesdebaM noch inden der aufregenden fliegenden Blättern sucht tcc Schriftsteller die Zustände Galiziens zu ziehen, und wenn dieses Vergessen von Seiten der Oeffentlichkeit schon mit Galizien überhaupt geschieht, so ist dieses mit jder zahlreichen jüdischen Bevölkerung dieser Provinz natürlich vorzüglich der Fall. Obgleich die Juden Galiziens in Bezug auf ihre Anzahl fast die Juden des ganzen Deutschlands überragen, obgleich sie durch ihre absonderliche enorme Tracht, durch ihr Verstandes - Rafsiniment, durch ihr Leben unter Ausnahmegesetzen,-durch ihre mittelalterliche Atmosphäre, welche über, sie sich zur Zeit noch ausbreitet, zur Beschreibung und Zeichnung vorzüglich auffordern, obgleich sie durch ihm Druck, unter welchem sie schmachten, durch die intolerante Gesetzgebung, unter welcher sie seufzen, die Heranziehung zur Oeffentlichkeit vorzüglich verdienen, so ist es doch bis jetzt nur selten geschehen, und weder in politischen noch r» ausschließlich jüdischen Journalen, weder in Flügblättern noch in größeren Arbeiten sind die jüdischen Verhältnisse besprochen worden. Wir müssen es daher als eine freudige und seltene Erscheinung begrüßen, daß iin gewandter und mit publicisti-